Häupl: Vom Macho-Saulus zu Paulus

Haeupl MachoPaulus Saulus
Häupl(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

Wiens Rathaus galt vor nicht allzu langer Zeit als Macho-Hochburg, Michael Häupl als passender Hausherr. Das scheint sich gründlich geändert zu haben. Glaubt man den Stadträtinnen.

Eines muss man Michael Häupl lassen: Er kann auch ernst schauen. Wenn er von Gender-Mainstreaming spricht, finden selbst lange dienende Beobachter des Wiener Rathausbetriebs keine verräterische Zuckung der Mundwinkel oder der Augenbrauen, die sonst so ziemlich jeden Kommentar des Wiener Bürgermeisters begleitet. Beim Thema Frauenpolitik hält sich selbst der Chefzyniker der österreichischen Innenpolitik zurück. Dabei sagte man gerade Michael Häupl, einem der längst dienenden Politiker des Landes, immer eine Tendenz zum Macho nach. Wie viele Männer seines Jahrgangs nimmt man auch an, dass ihm Männerfreundschaften wichtiger als alles andere seien. Zumal er über Jahre etwa rituell seine Beziehung zu Niederösterreichs Erwin Pröll hegte und pflegte, beide Herren am liebsten lautstark lachend Ärmel an Ärmel als Testosteron-Landesväter für die Kameras posierten.

Da passte es 2000/2001 durchaus ins Bild, als ausgerechnet Birgitte Ederer, die Nummer zwei des roten Wiener Rathaus-Adels, überraschend abtrat und an die Spitze zu Siemens Österreich wechselte. Was sich im Nachhinein als goldrichtige Entscheidung für die ehemalige Europa-Staatssekretärin herausstellen sollte. Offiziell nannte Ederer, die zuvor schon als Nachfolgerin von Häupl gehandelt worden war, den verständlichen Wunsch nach Veränderung. Also, dass sie nicht ihr Leben lang nur Politik machen wolle.

Inoffiziell wurde in den Korridoren der neugotischen Trutzburg gegenüber des Burgtheaters aber auch ein anderer Grund genannt: Ederer sei die Macho-Partie Häupls leid, habe Schmähs, Rituale und vor allem Machtpolitik der Männerrunde satt.


Häupls Höflichkeit. Fast genau zehn Jahre später ist Michael Häupl noch immer Bürgermeister, als Stellvertreterinnen fungieren Renate Brauner und Maria Vassilakou. Die frühere Klubchefin ist seit der Koalition ihrer Partei mit der Wiener SPÖ die mächtigste Grün-Politikern des Landes und führt als Stadträtin des Ressorts Stadtplanung eines der wichtigsten und größten der Stadt. Und in keiner anderen Partei wird der Kampf gegen Sexismus und für Frauenrechte so großgeschrieben und ernst genommen wie bei den Wiener Grünen. Wie passt das zusammen? Geht sich das so aus?

Offenbar schon. Zumindest, wenn man Maria Vassilakou fragt, wie das Verhalten Michael Häupls und seiner Leute ihr und ihren Kolleginnen gegenüber sei. „Korrekt“, sagt sie fast verwundert über das angefragte Thema und wiederholt: „Absolut korrekt.“ Und: „Sehr höflich.“ Ihr Avancement in die Wiener Regierung wurde zwar von leicht sexistischen Untertönen begleitet, aber nicht von Häupl: Es waren die Medien, die immer wieder das Bild von der Ehe, also der Braut Vassilakou und dem Bräutigam Häupl bemühten. Die „Krone“ titelte: „Häupl regiert nun mit einer Griechin“, und man weiß nicht genau, ob die Texter dabei an das „Bild“-Cover „Brandts schöne Griechin“ dachten. Margarita Mathiopoulos hätte einst Sprecherin der deutschen SPD werden sollen, Willy Brandt war über diese Wunschbesetzung beziehungsweise am Widerstand dagegen sogar gestolpert.

Auch wenn man Häupl und Vassilakou dieser Tage beobachtet, bemerkt man vor allem große Höflichkeit Häupls: Wenn die beiden einen der in Wien so wichtigen gesellschaftlichen Termine besuchen, etwa einer Einladung zu einem der Feste des Teppich- und Netzwerkspezialisten Ali Rahimi folgen, dann gibt der Wiener Bürgermeister nicht nur den Pfadfinder, sondern auch den Unterhalter. Die neue Vizebürgermeisterin kennt zwar Basisdemokratie, die Seitenblicke-Kameras sind ihr aber noch fremd, Häupl rät lächelnd und beruhigend: „Einfach das Kampflächeln aufsetzen!“ Das klingt bei Häupl fast schon väterlich, ohne gönnerhaft zu wirken.

Also alles neu im Wiener Rathaus? Wurde Michael Häupl bekehrt? War er nie ein Macho? Fast. Der gesellschaftliche Fortschritt macht auch vor dem Wiener Rathaus nicht halt, da dort ein paar effiziente Frauenpolitikerinnen am Werk sind: Renate Brauner, amtierende Vizebürgermeisterin, hat in den vergangenen Jahrzehnten das vielleicht beste, effizienteste Frauennetzwerk der Republik aufgebaut. In der Stadtregierung sind mit Sonja Wehsely, Sandra Frauenberger und Ulli Sima drei unterschiedliche Politikerinnen, die aber alle in den ihnen zugeteilten Magistratsabteilungen konsequent Frauen fördern. Im Rathaus sieht eine Kollegin und langjährige Kennerin vieler (männlicher) Kollegen einen Kulturwandel: „Das hat sich in den vergangenen zehn Jahren einfach völlig verändert.“ Neben den erwähnten Stadträtinnen sind es vor allem auch neue MA-Chefinnen, die den alten Männertrott mit sanftem Druck aufbrechen. Eine von ihnen nennt eine von alten Männern anfangs belächelte Maßnahme, die viel zum Wertewandel beigetragen habe: „Durch die Bestimmung, jedwede budgetäre Maßnahme speziell auf die Auswirkungen auf Frauen zu untersuchen, wurden trotz aller Widerstände viele sensibler. Das hat auch manche Beamte aus der Generation Häupls nachhaltig verändert.“

Dass Häupl aber keine reinen Quotenpolitikerinnen duldet, bewies er bereits zwei Mal: Er verabschiedete Elisabeth Pittermann als Gesundheits- und Isabella Kossina als Umweltstadträtin wegen mangelnder Performance. Bei manchen männlichen Mitgliedern der Stadtregierung ist er nicht so hart, könnte man freilich einwenden. Ob sich die Frauenpower im Wiener Rathaus wirklich durchsetzen kann, wird sich erst weisen.

Letztendlich geht es nur um eine zentrale Frage: Bekommt Wien eine Bürgermeisterin oder nicht? Neben Brauner haben noch Christian Oxonitsch und Michael Ludwig passable Chancen. Zuletzt sollen die Chancen Brauners wieder deutlich gestiegen sein. Würde die größte Stadt und das bevölkerungsreichste Bundesland eine Frau an der Spitze bekommen, wäre dies von hohem Symbolwert, sagt eine Stadträtin, die wie alle im Rathaus über eine Häupl-Nachfolge offiziell kein Wort sagen würde. Dass es intern warnende Stimmen in Wien gibt, dass eine Frontfrau bei der wichtigen Gruppe muslimischer Wähler schwierig sei, zeigt aber auch, dass sich die SPÖ noch schwertut.

Denn natürlich ist trotz aller Fortschritte im Wiener Rathaus nicht alles eitel Wonne: „Was manche (Männer, Anm.) reden, wenn ich weg bin, weiß ich nicht und will ich auch gar nicht wissen.“ Sagt eine Stadträtin.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.03.2011)