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Ratingagenturen unter Beschuss

(c) REUTERS (Toru Hanai)
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Über Regulierung der Agenturen wurde viel geredet, passiert ist noch wenig. Die Kritik ist nicht neu. Zu Beginn der Finanzkrise sind Ratingagenturen mit einigen Urteilen spektakulär gescheitert.

Wien. Vor ihrem Urteil zittern Politiker und Unternehmen. Wenn Moody's, Standard & Poor's oder Fitch sprechen, dann bleibt das nie ohne Folgen. So wie gestern, Dienstag, als die US-Ratingagentur Moody's der portugiesischen Regierung und ihrem Sparkurs einen Dämpfer versetzte: Die Gesellschaft stufte das Rating für langfristige portugiesische Anleihen um zwei Stufen auf „A3“ zurück.

Nach Auffassung von Moody's sind diese damit zwar noch immer sicher, aber schon mit Zweifeln und einem negativem Ausblick versehen. Weitere Abstufungen sind also möglich. Prompt musste Portugal die Aufschläge auf seine Anleihen erhöhen.

Ähnlich erging es in der Vorwoche Spanien. Und Griechenland ist bei Moody's sowieso längst unten durch: Die hellenischen Anleihen gelten seit einer Woche als „hoch spekulativ“ (B1). Oder, in anderen Worten: als Ramsch.

Das sorgt in der EU-Kommission für wachsenden Unmut: Als Reaktion auf die griechische Herabstufung sprachen sich Wirtschafts- und Währungskommissar Olli Rehn und sein für den Binnenmarkt zuständiger Kollege Michel Barnier einmal mehr für eine grundlegende Reform des Ratingsektors aus. Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker äußerte am Montag im Namen der Euro-Finanzminister „großes Erstaunen“ über den Zeitpunkt der Herabstufungen Griechenlands und Spaniens. Nicht zum ersten Mal wurden Länderratings kurz vor einem EU-Gipfel herabgesetzt.

 

Europäische Agentur vom Tisch

Die Kritik ist nicht neu. Zu Beginn der Finanzkrise sind Ratingagenturen mit einigen Urteilen spektakulär gescheitert: etwa im Fall der US-Investmentbank Lehman Brothers, deren Papiere noch bis kurz vor dem Kollaps Bestnoten erhielten. Auch Island wurde erst wenige Tage vor dem Beinahe-Staatsbankrott „downgegraded“. Das, tönte es bald aus Europa, darf nicht noch einmal passieren. Die „großen drei“ – Moody's und S&P sind amerikanisch, Fitch gehört einem französischen Konzern – sollten stärker reguliert werden. Und am besten sollte gleich eine europäische Ratingagentur geschaffen werden, forderte etwa die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Dann wurde es still um das Projekt. Dafür gibt es gute Gründe: Eine staatliche Ratingagentur wäre ständigem politischen Druck ausgesetzt. Oder, wie es Josef Zechner von der Wirtschaftsuniversität Wien formuliert: „Der Druck, Informationen noch später herauszugeben, würde steigen.“

Eine neue Agentur hätte es zudem schwer, angesichts der eingesessenen Konkurrenz – die „großen drei“ teilen sich rund 95 Prozent des Marktes – Aufträge zu erhalten und Reputation zu erlangen. Das geringe Interesse an Wettbewerb verwundert nicht: So erwog etwa der Kreditversicherer Coface im Vorjahr, ins Ratinggeschäft einzusteigen. Der Plan werde vorerst nicht weiter betrieben, heißt es nun von Coface Österreich.

 

Erst eine Agentur wird kontrolliert

Dann wollte die Kommission die Europäische Zentralbank mit der Aufgabe betrauen. Aber auch daraus wurde nichts – denn die EZB hat kein Interesse, wie aus einer Stellungnahme hervorgeht: „Die EZB sollte keine öffentlichen Ratings zu regulatorischen Zwecken herausgeben.“ Also keine Bewertungen, die etwa bei der Frage eine Rolle spielen, mit wie viel Eigenkapital ein bestimmtes Papier unterlegt werden muss.

Das dürfte das vorläufige Ende dieses Plans sein. Was die Regulierung betrifft, wurde ein erster Schritt vollzogen: Seit Mitte des vergangenen Jahres müssen sich Ratingagenturen, die in Europa tätig sind, registrieren. Dahinter steht die Hoffnung auf eine bessere Überwachung der Agenturen.

Ratingagenturen müssen nun beispielsweise Lebensläufe ihrer Mitarbeiter einschicken und nachweisen, dass diese keine Aktien von den Unternehmen halten, die sie bewerten. Außerdem dürfen sie nicht zu lange die gleichen Firmen betreuen. Bis zu einem gewissen Grad müssten die Agenturen auch ihre Methoden offenlegen, wie ein Sprecher der zuständigen EU-Behörde ESMA zur „Presse“ sagt. Bis einem Antrag stattgegeben wird, dauert es allerdings Monate. Mit dem Resultat, dass Ende des Vorjahres erst eine Agentur unter staatliche Kontrolle gestellt wurde: die deutsche Agentur Euler Hermes Rating. Weitere 23 Anträge waren bei ESMA anhängig.

 

„Signale der Investoren besser“

Josef Zechner von der WU Wien stört, dass auf Ratings so viel Gewicht gelegt wird – obwohl die Agenturen für ihre Entscheidungen nicht mehr Informationen zur Verfügung haben als andere Marktteilnehmer. „Die Investoren liefern oft bessere Signale, wenn ein Land oder Unternehmen in Schwierigkeiten ist als die Ratingagenturen“, sagt er. Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein. So meinte etwa Bernhard Felderer, Chef des Instituts für Höhere Studien, angesichts der Herabstufung von Griechenland: „Ratingagenturen verstärken in der Regel, was Finanzmärkte ohnehin signalisieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.03.2011)