Little Havanna auf den Kanaren

(c) REUTERS (ENRIQUE DE LA OSA)

La Palma: In Santa Cruz de La Palma pflegen viele Verwandte von Emigranten nach Kuba die Traditionen der Zuckerinseln weiter, zum Beispiel die lässige Musik, das Drehen von Zigarren oder das Duellieren mit Reimen.

Es ist Anfang Dezember und mild. Rupert Dillmann sitzt auf der Terrasse seines alten Hauses über den Dächern von Santa Cruz, der Hauptstadt der kanarischen Insel La Palma, und lacht. Gerade erzählt er, dass er, noch Hotelier in Berlin vor 16 Jahren, eher zufällig auf der Insel ankam – und ihm vor allem das Klima gefiel, das so ähnlich wie in Deutschland war – „auch mal Regen“.

Santa Cruz, an der Ostseite der Insel La Palma gelegen, ist eine Stadt, die nicht permanent im Sonnenlicht liegen muss. Rupert Dillmanns Haus steht im San-Sebastian-Viertel, dem Bario de la Canela – dem „Zimtviertel“. Die meisten Häuser hier weisen die typische Architektur von Santa Cruz auf, die an Kuba oder die karibischen Inseln erinnert: zweistöckige Häuser mit weiß getünchten Lehmwänden – dekoriert mit Holzbalkonen und Holzgeländern.

Gerade diese „Balcones“ galten auf La Palma schon immer als Zeichen des Wohlstands. Sie reichen oft bis unters Vordach und bieten nach arabischem Vorbild einen Sichtschutz zur Straße. Noch vor ein paar Jahren drehten die meisten Einwohner des Bario de la Canela in ihren Patios selber Puros – die palmerischen Zigarren. Einige ältere Herrschaften gehen dieser Tätigkeit heute noch nach.

 

Ein Leben für Zigarren

Kuba und Venezuela haben für die Palmeros große Bedeutung. „Es gibt hier kaum eine Familie, die keine Verwandten oder Bekannten auf Kuba hat“, erzählt Rupert Dillmann. Viele Palmeros wanderten in mehreren Emigrationswellen nach Kuba aus und arbeiteten dort als Tabakpflanzer oder verdienten sich mit anderen Jobs ihren Lebensunterhalt. Viele kehrten aber zurück und brachten Musik, Lebensart und den Rum mit nach La Palma. Nach Kuba emigrierte Palmeros gehörten zu den ersten Tabakpflanzern der damals noch spanischen Kolonie.

Einer der alten Puro-Dreher ist Don Antonio Gonzáles, genannt „Monkey“. Antonio liebt Puros, und hat sein Leben der palmerischen Zigarre gewidmet. Schon morgens trifft man Don Antonio auf seiner Finca „El Sitio“ im Ort San Isidro oberhalb von Santa Cruz mit dem Glimmstängel im Mundwinkel an. Sein Großvater wanderte 1880 nach Kuba aus, sein Vater 1920. Damals reichte das Geld, das man auf La Palma verdienen konnte, nicht aus, um eine Familie zu ernähren. Deswegen arbeiteten sowohl der Großvater als auch der Vater auf Kuba als „Vegeros“, Tabakpflanzer.

 

Zigarren rollen für Besucher

Antonio, immer vornehm in rosa Hemd und dunkelgrauer Bundfaltenhose, hat mit 18 Jahren seine erste Zigarrenfabrik gegründet. Das Handwerk des Zigarrendrehens bekam er vom Vater schon als Junge mit. „Die Spanier haben auf Kuba die Kunst des Zigarrendrehens perfektioniert“, sagt er. Ab und zu rollt Antonio nun noch für Besucher Zigarren nach kubanischem Vorbild in seinem Puro-Laden auf der Finca. Seine kleinen dicken kurzen Hände bewegen sich geschickt, wenn er die Tabakblätter zurechtlegt hat und das Deckblatt schnell und eng um das Gemisch wickelt.

Nicht weit weg von Don Antonios Finca in Richtung Süden befindet sich die Villa de Mazo. Dort ist das nächste Original der Insel zu finden: Don Bernardo Gutierrez Triana, der älteste Verseador La Palmas. Er entdeckte schon als Junge sein Talent, aus dem Stegreif in Reimen zu sprechen.

Beim „Festival Internacional de Punto Cubano“, das jedes Jahr in der zweiten Septemberwoche auf La Palma in Ort Tijarafe auf der Westseite der Insel stattfindet, kann man sich von der Kunst der Verseadores überzeugen: Dann treten je zwei Verseadores auf, die in wechselseitigen Sprechgesängen – das Reimschema heißt „Décimo“ – ironisch sich selbst oder andere Personen auf die Schaufel nehmen. Die Verseadores beherrschen die Kunst der Reimimprovisation perfekt, die Tradition stammt ebenfalls aus Kuba. Dort ist Raúl Herrera ein bekannter Verseador.

 

Kubanisch-palmerische Musik

Das Kuba-Feeling auf La Palma hat Jorge Manso von der Musikgruppe „Cuarto Son“ angestachelt, kubanische Wochen – Jornadas – in Santa Cruz zu organisieren. Diese „Hommage à Cuba“ findet nun immer in der ersten Novemberwoche im Palazzo Salasar in Santa Cruz statt. Dabei treten kubanische Literaten auf, es finden Diskussionen zum Thema Kuba statt, und natürlich kommt auch die kubanische Musik nicht zu kurz.

Wer lateinamerikanische Musik liebt, darf sich in Santa Cruz sowieso wie der Fisch im Wasser fühlen: Während der Jornadas, aber auch sonst an den Wochenenden, die auf La Palma praktischerweise schon am Donnerstagabend beginnen, treten Musikgruppen wie Cuarto Son oder ONG (organización no gubernamental) in der Boteguita del Medio in Santa Cruz auf. Sie tragen einen Mix aus kanarischer und kubanischer Musik vor.

„Es ist einfach eine gewisse Lässigkeit, die hier zu spüren ist, und die macht für mich das KubaFeeling aus“, sagt Rupert Dillmann. Wenn er nicht Bettwäsche in die Waschmaschine stopft oder Pflanzenreste in Sackerln entsorgt, entspannt er sich an seiner Staffelei und malt dynamische, farbintensive Bilder. „Man nimmt auf La Palma einfach alles nicht so ernst und genießt das Leben intensiv“, sagt er, „und das ist das wirklich Angenehme an diesem Ort.“