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Spanien: Kein Platz an der Sonne

Kein Platz Sonne
(c) EPA (PACO CAMPOS)
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Jung, gebildet, arbeitslos: Mit ihrer "Republica del Sol" wurde Spaniens Elite ohne Zukunft zum Sprachrohr aller Leidensgenossen. Solange sie keinen Job haben, wollen sie wenigstens die Welt verändern.

Wer die Worte richtig wählt, bringt sein Los auf ein verschwitztes Stück Stoff: „Eine Jugend ohne Zukunft. Ohne Wohnung, ohne Arbeit, ohne Pension. Eine Jugend ohne Angst.“ So steht es auf dem T-Shirt von Alberto, und er ist ein Mann der Worte: Der 24-jährige Madrilene hat Publizistik studiert, rasch und „mit ziemlich guten Noten“. Und jetzt ist er Pressesprecher, bei 50 Grad in der Sonne! Freilich nicht in der rauen, krisengebeutelten Welt der spanischen Wirtschaft, die ihn nicht haben will. Sondern in der heißen, lauten, fröhlichen Gegenwelt an der Puerta del Sol, dem „Sonnentor“.

Auf dem Platz in Madrids Mitte haben Tausende am 15. Mai die „Spanische Revolution“ ausgerufen und ihre „Sonnenrepublik“ gegründet. Erst protestierten sie, dann bauten sie ein Zeltlager. Da wollen sie bleiben, bis die Welt sich zum Besseren bekehrt – oder ihnen einen Job anbietet. Die Rebellen sind meist Studenten oder Jungakademiker ohne Arbeit. Aber in der „Republica del Sol“ findet jeder eine Aufgabe: Arbeitslose Ärzte betreuen die Sanitätsstation, arbeitslose Juristen beraten die Rebellen, wie sie Konflikte mit dem Gesetz vermeiden. Arbeitslose BWLer erklären im Crashkurs um 15:30 Uhr den Unterschied zwischen Zentral- und Geschäftsbanken – man möchte den Feind kennen, der einem die Krise eingebrockt hat. Und arbeitslose Publizisten gruppieren sich zur „Abteilung Kommunikation“, damit der Rest der Welt vom „spanischen Frühling“ erfährt. Aber bitte ganz entspannt: „Auch wenn die Medien nicht über uns schreiben, schreiben wir dennoch Geschichte.“

Keine Zielgruppe für Politiker. Vor zwei Jahren wurde Alberto mit dem Studium fertig. Bei seinen vielen Bewerbungen war er nicht wählerisch: Zeitungen, Radio, TV, Pressestellen, Anwälte – alles versucht, nichts erreicht. Ab und zu kann er kellnern, ein Praktikum absolvieren – für einen Hungerlohn oder ganz unbezahlt. Den Rest der Zeit hängt er bei seinen Eltern herum. Sie sympathisieren mit der „Bewegung vom 15. Mai“, aber dass ihr Sohn dort seine Tage verbringt, „gefällt ihnen weniger“.

45 Prozent der spanischen Jugendlichen sind ohne Job. Qualifikation hilft wenig: Auch 29 Prozent der Jungen mit Uniabschluss sitzen auf der Straße. Besser: im von Mutter gemachten Bett. Nur deshalb hätten sie nicht längst aufbegehrt, erklärt Soziologe Alejandro Navas: „Das Sozialministerium für die Jungen ist bei uns die Familie.“ Sie leben zu Hause, bis sie 30 sind, „besser als im Hotel“.

Aber Alberto muss jetzt sparen. „Als Student reiste ich viel“, sagt er. Weil kein Job in Sicht ist, haben Reisen im Familienbudget keinen Platz mehr. Auch Ausgehen mit Freunden, Lebenssinn und -elixier junger Spanier, ist nun auf Samstag beschränkt. „Bisher haben sie das Leben genossen, ohne an die Zukunft zu denken“, sagt Navas. „Dazu braucht man bei uns wenig Geld.“ Die Abende sind lau und die Getränke billig. Die Eltern blickten voll Verständnis auf die Ausschweifungen, „der Generationenkonflikt schien Vergangenheit zu sein“. Nun ist er wieder da – auch wenn sich der Zorn vorerst nur gegen die Politik richtet, wie der Soziologe Fernando Vallespin erklärt: „Die Jungen haben gemerkt, dass sie für die Politiker keine interessante Zielgruppe sind. In sie zu investieren ist unrentabel – anders als bei Pensionisten oder Beamten.“ Zumal in Spanien, wo die Jungen immer weniger werden: Die Geburtenrate ist eine der niedrigsten der Welt.

Friede, Freude, Sauberkeit. Auch die tausenden Zeltlageraktivisten in Madrid und 50 anderen Städten rauben den Politikern nicht den Schlaf. Aber die Zahlen täuschen, meint Vallespin: „Das ist nur die öffentliche Auslage einer größeren Bewegung, die in sozialen Netzwerken stattfindet.“ Tatsächlich hat die gebildete Jugend eine neue Lust auf das Gestalten der Öffentlichkeit erfasst – mit ungewissem Ausgang. Wählen oder nicht wählen? Was wäre die „reale Demokratie“, in der auch wir etwas zu sagen haben? Auf Facebook, Twitter und in den Bars wird fast nur noch über Themen diskutiert, die es vor drei Wochen noch nicht gab.
Das pittoreske Zeltdorf an der Puerta del Sol wirkt, als hätte man die österreichischen Studentenproteste vom Vorjahr von der Aula Magna auf den Stephansplatz gekippt. Aber da die Welt ebenso auf die „Auslage“ blickt wie die Touristen, ist alles besser organisiert. Hinter scheinbarer Anarchie herrscht eiserne, basisdemokratisch beschlossene Disziplin: keine Gewalt, kaum Alkohol, morgens wird geputzt und gekehrt. Soll zeigen: Wir meinen es ernst und liefern keinen Vorwand, uns zu verjagen. „Und wenn die Polizei kommt, um Sol zu räumen, rufen wir per SMS zehntausende Freunde herbei“, sagt Victor mit leuchtenden Augen. Er ist ein Kollege Albertos, studiert noch, Ende Juni wird er fertig. Hoffnung auf Arbeit hat er keine. Aber auch keine Angst.

Droht die Räumung? Vielleicht müssen die Freunde bald kommen: Innenminister Alfredo Pérez erwägt die Räumung der Puerta del Sol. Das tat die Polizei in der Nacht auf Samstag schon in Barcelona, als ein Camp auf der Plaza de Cataluña entfernt wurde. Es gab Zusammenstöße, Dutzende Junge und 37 Polizisten wurden verletzt. Laut Polizei brauchte man den Platz für eventuelle Feiern am Samstag nach dem Spiel FC Barcelona gegen Manchester United. Danach dürfe man dort wieder demonstrieren – aber ohne Zelte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2011)