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Javier Marías: "Ich lausche nicht absichtlich"

lausche nicht absichtlich
(c) APA (BARBARA GINDL)
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Der Spanier Javier Marías erhielt am Samstag in Salzburg den Staatspreis für Europäische Literatur. Ein Interview über die Lust am Schreiben, Morde an Frauen und eine spezielle Angelegenheit mit Thomas Bernhard.

Sie haben sehr früh mit dem Schreiben begonnen. Was waren Ihre Motive?

Javier Marías: Ich war elf oder zwölf. Aber ich wollte nicht Schriftsteller werden, nicht einmal, als ich vor genau vierzig Jahren mit 19 meinen ersten Roman veröffentlichte, „Los dominos del lobo“. Ich liebte einfach das Schreiben, ohne weitere Absichten. In ersten Rezensionen meines Romans wurde gefragt, warum dieser junge Mann über Dinge schrieb, die gar nichts mit seinem Umfeld und seinem Land zu tun hatten. Das Buch spielte in den USA und war eine Parodie auf das Kino der Fünfziger- und Sechzigerjahre.

Ihr Vater war Philosoph, Ihre Mutter Lehrerin. Wurden Sie von ihnen ermuntert?

Mich hat das Lesen zum Schreiben gebracht. Es gab viele gute Bücher in unserem Haushalt – typisch für spanische Intellektuelle. Öffentliche Bibliotheken waren damals nicht sehr gut. Ich las Bubenromane wie „Die drei Musketiere“. Solche Stoffe haben mich angeregt. Das nennt man nach einem nicht mehr gebräuchlichen Wort Emulation, es drückt die Sache besser aus als Mimikry. Die wäre schlecht, obwohl man immer wieder Vorbilder imitiert.

 

Erst gab es eine akademische Karriere.

Mein Unterrichten an Universitäten war eher Zufall. Ich habe das nie geplant. Es ergab sich einfach, dass ich mit 32 in Oxford Spanisch lehrte. Ich hatte zuvor auch übersetzt und ohne viel Erfolg drei Bücher herausgegeben. Das Lehren war in Ordnung, gehörte aber nicht zu den Dingen, die ich am meisten liebte. Trotzdem, ich sehe mich nicht einmal heute als Schriftsteller, obwohl ich fast nur schreibe. Wenn ich einen Roman beendet habe, weiß ich nicht, ob ich überhaupt einen weiteren schreiben werde. Das habe ich auch gesagt, als ich 2007 den letzten Teil meiner Trilogie „Dein Gesicht morgen“ veröffentlicht habe. Aber inzwischen gibt es wieder einen Roman.

 

Es ist in Ihrer Prosa gefährlich, eine Frau zu sein; immer wieder diese Selbstmorde, wie in „Mein Herz so weiß“, oder gar Mord. Woher kommen die finsteren Gedanken?

Ich wurde schon gefragt, was ich denn gegen Frauen habe. Ich bin sehr für sie. Was ich reflektiere, ist, dass sie sogar noch heute den schlechteren Teil im Leben bekommen, sehr viel Gewalt erfahren. Frauen sind sehr engagiert in ihren Beziehungen, sie ziehen viel härtere Konsequenzen. Außerdem schreibe ich seit 1986, seit „Der Gefühlsmensch“, in der Ich-Form. Nur einmal seither war diese Person in einem Roman eine Frau. Meist wird aus der Perspektive eines Mannes erzählt. Auch der Erzähler ist ein Charakter und hat vielleicht manches zu verbergen.

 

Nennen Sie ein Beispiel.

In „Morgen in der Schlacht denk an mich“ nimmt ein Mann eine Prostituierte in sein Auto mit und redet mit ihr. Von einem Freund hat er zuvor gehört, dass seine Exfrau vielleicht eine Prostituierte sei. Dann sagt der Erzähler, dass sie diese Frau sein könnte. Das wurde in Kritiken bemängelt. Er müsse doch seine Ex erkennen. Natürlich tut er das, aber er kann es doch nicht zugeben! Kurz vor der Szene geht es genau um das Verleugnen von Personen.

 

Woher holen Sie Ihre Stoffe? Lauschen Sie Gesprächen anderer, um Geheimnisse zu erkunden, wie es in „Alle Seelen“ heißt?

Nein. Das meiste ist in meinem Kopf. Manchmal treffe ich Leute, die meine Bücher gelesen haben und behaupten, dass sie vorsichtig sein müssten, was sie mir sagten, weil ich es verwenden könnte. Ich beobachte aber gar nichts, werde ständig abgelenkt und versinke in meinen Gedanken. Frauen glauben, dass ich ihre Schuhe ansehe, ihre Kleider. Aber ich wüsste wahrscheinlich nicht, was sie tragen. Vielleicht ist die Wahrnehmung tatsächlich eine unbewusste, sehe und höre ich mehr, als ich glaube. Ich lausche jedenfalls nicht absichtlich, gehe nicht durchs Leben, um Stoffe zu sammeln. Ich lebe nicht für meine Literatur, das fände ich traurig.

 

Sie haben viel Literatur übersetzt und schreiben auch für Zeitungen. Wie sehr hat dieser Umgang Ihre Bücher geprägt?

Bis in die Achtzigerjahre habe ich viel übersetzt. Es hat mein Schreiben stark beeinflusst. Übersetzen ist die beste Schule für einen Autor, noch besser als Lektüre, eine privilegierte Art des Lesens und Schreibens. Wenn man Sterne, Conrad, Nabokov oder Faulkner akzeptabel in die eigene Sprache übertragen kann, hat man viel geleistet. Das Wunderbare daran ist mit der Interpretation von Musikstücken vergleichbar. Das Original ist unveränderbar, aber eine Sonate klingt unterschiedlich, wenn sie von Gould oder Horowitz gespielt wird. Man muss beim Übersetzen seinen eigenen Stil aufgeben. Wieder geht es um Emulation. Die kann man im eigenen Werk verwenden.

Sie waren als junger Mann politisch weit links aktiv. Wie halten Sie es heute damit?

Ich habe viele kritische Artikel zur Politik geschrieben. Die jungen Menschen, die jetzt in Spanien gegen das System demonstrieren, haben in vielen Argumenten sicherlich recht, aber ihre Bewegung ist kopflos. Sie wissen nur, was sie nicht wollen. Mehr Demokratie? Das ist wohl viel zu abstrakt. Aber die meisten Politiker in Europa waren in den letzten fünfzehn Jahren mittelmäßig, zweite Wahl, aber sehr gierig. Über den wechselseitigen Anklagen der Konservativen und Sozialisten wird vergessen, was die Menschen wirklich brauchen, wollen. Die Politik ist immer mehr der Weltwirtschaft unterworfen. Reformen werden von der Ökonomie bestimmt. Aber wir brauchen Politiker, gute Politiker. Franco rechtfertigte das Verbot von Parteien damit, dass sie nutzlos seien und ihnen nicht zu trauen wäre. Es gibt keine Alternative zur Demokratie. Fördern wir doch einfach Politiker, die nicht korrupt sind, vielleicht auch jüngere mit neuen Ideen.

 

In einem Ihrer Bücher gibt es ein Porträt von Thomas Bernhard. Was sind Ihre Favoriten in der österreichischen Literatur?

Ich mag auch Broch, habe Hofmannsthal und Joseph Roth gelesen. Bernhard, den ich unheimlich witzig finde, hat es gewissermaßen meiner Hartnäckigkeit zu verdanken, dass er auf Spanisch erschienen ist. Ich war 27 und habe einige seiner Bücher auf Französisch gelesen. Damals war ich in einem Komitee eines Verlags. Dort habe ich Bernhard empfohlen. Der Experte dort, der ihn auf Deutsch gelesen hatte, fand ihn aber schrecklich, dekadent. Ich bat um eine zweite Meinung. Der zweite Leser fand ihn so wie ich hervorragend und wurde sein Übersetzer. 1977 kam als Erstes „Verstörung“ auf Spanisch heraus. Bernhard wirkt ansteckend. Dann und wann verwende ich seine Stimme, mische in meine Bücher ein paar Bernhard'sche Sätze. Man darf ihn nur sehr vorsichtig verwenden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.07.2011)

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