Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

August-Putsch: „Gorbatschow ist ein Verräter“

(c) Eduard Steiner
  • Drucken

Oleg Baklanow, einer der Organisatoren des August-Putsches, verteidigt den Aufstand heute noch als Rettungsversuch der Sowjetunion. er erzählt der „Presse“ von den dramatischen Stunden..

Um die Perestroika und einen neuen Unionsvertrag, der den Sowjetrepubliken mehr Freiheit bringen sollte, zu verhindern, unternahmen acht Angehörige der Sowjetnomenklatur am 19. August 1991 einen Putsch gegen Michail Gorbatschow. Nach drei Tagen mussten sie aufgeben, Boris Jelzin triumphierte. Einer der Putschisten beging Selbstmord, die anderen kamen ins Gefängnis. Zum Jahrestag erzählt Oleg Baklanow, einer der vier noch lebenden, der „Presse“ von den dramatischen Stunden.

Die Presse: Vor 20 Jahren fand der August-Putsch statt. Sind die Organisatoren heute noch befreundet?

Oleg Baklanow: Um eines klarzustellen: Das Wort Putsch kommt von Gorbatschow. Und Gorbatschow ist ein Verräter. Dass wir Organisatoren der Ereignisse Freunde sind, würde ich nicht sagen, aber im Kontakt stehen wir.

Gorbatschow hat in einem Interview gesagt, dass die Putschisten „wirklich Idioten“ waren, die alles kaputt gemacht haben.

Ich will eine politische Leiche nicht kommentieren. Hat er über sich selbst nichts gesagt?

Doch, dass er ein „Halbidiot“ war, weil er damals auf die Krim in Urlaub gefahren ist.

Das ist ja schon einmal gut. Als er am 4. August fuhr, haben wir ihm noch gewinkt. Dann haben er und Boris Jelzin geheim einen Unionsvertrag vorbereitet ...

Der am 20. August hätte unterzeichnet werden sollen.

... und in dem weder von „Sozialismus“ noch „Einheit“ die Rede war. Es wäre die Auflösung des Staates gewesen. Am 15./16. August tauchte der Vertrag in der Zeitung auf. Ich war im Urlaub, plötzlich rief mich Krjutschkow (KGB-Chef, Anm.) oder Boldin (Leiter der Präsidialadministration) an und fragte, ob ich die Zeitung gelesen hätte. Dann rief er zu einem Treffen. Ich fuhr mit einigen Kollegen auf die Krim, um Gorbatschow zu sagen, dass der Vertrag nicht unterschrieben werden darf.

Aber er hätte eine gewisse staatliche Einheit vorgesehen. Und die zentrifugalen Kräfte waren eine Realität.

Das sehe ich anders. Sie waren vielmehr künstlich aufgeblasen.

Der Unionsvertrag war der Auslöser, die Möglichkeit eines Putsches lag aber wohl schon lange in der Luft.

Wir sind nicht gegen Gorbatschow aufgetreten, sondern gegen den Vertrag. Schon früher haben wir Gorbatschow oft zum Handeln aufgerufen, weil das Land immer weniger regierbar wurde.

Außenminister Schewardnadse warnte schon auf dem Parteitag 1990 vor einer Diktatur, die angeblich in Vorbereitung war. Was meinte er damit?

Das weiß ich nicht. Auch er war ein Feind der Sowjetunion.

Erzählen Sie uns: Wie war das Gespräch mit Gorbatschow auf der Krim?

Wir flogen zu viert. Gorbatschow ließ uns eine halbe Stunde warten. Er tat, als hinke er. Er fragte, wer uns geschickt habe. Ich erklärte, dass der Vertrag im Obersten Sowjet auf Ablehnung stoße. Wir unterhielten uns zwei Stunden. Unseren Vorschlag, nach Moskau mitzukommen, um die Sache zu klären, schlug Gorbatschow mit Verweis auf die Gesundheit aus. Dann aber sagte er: Ich werde nach Moskau fahren und den Vertrag unterzeichnen, selbst wenn mir die Ärzte ein Bein abschneiden. Wir aber wollten den Obersten Sowjet einberufen. Und Gorbatschow sagte: Zum Teufel, macht, was Ihr wollt, aber achtet darauf, dass alles abgestimmt werden muss. Seiner Frau Raissa, die in der Tür stand, sagten wir, dass wir als Freunde gekommen sind.

Wann wurde die Entscheidung für den Putsch getroffen?

Als wir nach Moskau zurückkamen, waren die Dokumente zur Unterzeichnung fertig.

Wusste Gorbatschow von den Plänen?

Vielleicht. Er sagte uns, seine Verbindungen nach außen seien gekappt worden. Aber er hätte viele Ersatzverbindungen gehabt. Seine 200 Wachleute hätten uns festhalten können.

Es wird vermutet, dass Gorbatschow den Putsch zuließ, um sich dadurch seines Erzgegners Jelzin zu entledigen.

Das kann nur er selbst beantworten. Ich weiß heute, dass er sich immer zweideutig verhalten hat.

Der Putsch scheiterte in nur drei Tagen. Warum war der Plan so schlecht, warum kapitulierte man vor so wenigen Demonstranten?

Wie hätte man einen Plan binnen zwei, drei Tagen erstellen können? Unsere Aufgabe war, ein Blutvergießen zu vermeiden. Und Jelzin und seine Umgebung waren unerwartet aggressiv gestimmt, sehr hektisch und nervös.

Welche Gedanken hatten Sie später im Gefängnis?

Traurige. Aber es war mir egal, weil ich wusste, die Prozesse im Land hängen nicht mehr von mir ab.

Wo lebt es sich besser: Im Sozialismus oder im Kapitalismus?

Mir ging es überall gut. Aber ich denke, würde die Sowjetunion bestehen, gäbe es weniger Verbrechen und mehr Gerechtigkeit.

Zur Person

Oleg Baklanow wurde 1932 in Charkow geboren. Nach der höheren technischen Ausbildung wurde er 1976 Vizeminister für Maschinenbau, zuständig für die Rüstungs- und Raumfahrtindustrie. Gegen Ende der Perestroika war er in der KP Sekretär für Verteidigung, 1991 Vizechef im Verteidigungsrat. Nach dem Putsch saß er eineinhalb Jahre in Haft. Heute ist er Aufsichtsratschef der Firma „Rosobschtschemasch“, die Rüstungsaufträge ausführt und mit Waren aller Art handelt. [Steiner]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2011)