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Moldawien: „Gescheitert, aber bunt“

Symbolbild
(c) AP (John Mcconnico)
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Das ärmste Land Europas feiert den 20. Jahrestag seiner Unabhängigkeit. Idee einer Vereinigung mit Rumänien hat sich zerschlagen, Annäherung an die EU ist wegen des ungelösten Transnistrien-Konflikts versperrt.

Chişinau/Tiraspol. Es ist Hochsommer in der moldawischen Hauptstadt Chişinau, der Asphalt schmilzt. Valeria Svart wartet seit Stunden vor der deutschen Botschaft. Die 22-Jährige wurde in der Hauptstadt geboren, hat zunächst an der Staatsuniversität Ökologie studiert, wechselte dann vor zwei Jahren nach Berlin. Das Warten auf ein neues Visum gehört für Svart zur Routine der Sommerferien. „Die Zeit könnte ich wirklich viel vernünftiger nutzen“, regt sie sich auf. Svart erzählt gerne ihre Geschichte – in gepflegtem Rumänisch oder exzellentem Deutsch; weder das Eine noch das Andere ist ihre Muttersprache.

Das Land, in dem Valeria Svart geboren wurde, gibt es nicht mehr: Als die Sowjetunion kollabierte, blieb die damals zweijährige Valeria ohne eine klare Identität. Oder besser: Sie bekam mehrere Identitäten, die plötzlich nur schwierig zusammenpassten.

In Chişinau erklärten die Politiker heute vor 20 Jahren, am 27. August 1991, die Unabhängigkeit der Republik. Viele strebten eine schnelle Vereinigung mit dem benachbarten und historisch eng verbundenen Rumänien an. Der Versuch scheiterte an den geostrategischen Gegebenheiten der Region, vor allem aber am fehlenden Konsens in der moldawischen Gesellschaft selbst. Denn viele andere wiederum fühlten sich näher bei Russland.

Auch bei Valeria Svart wurde zu Hause Russisch gesprochen, obwohl ihre Eltern, ein Lehrerehepaar, keine Russen sind: Valerias Mutter kommt etwa aus Georgien. Als die Sowjetunion endgültig scheiterte, wurden die Bürger der neuen Nationalstaaten mit Identitätsfragen konfrontiert, die einige, wie die Familie Svart, als Zwang empfanden. Und die junge Republik Moldawien verstrickte sich von Anfang an in die Widersprüche einer politisch instrumentalisierten Geschichtserzählung.

Valeria Svart präsentiert sich heute gerne als Moldawierin. Sie hat die neue Landessprache gelernt: den rumänischen Dialekt, den die Rumänen „Rumänisch“ nennen, die Russischsprachigen „Moldawisch“ und die Verfassung wohl oder übel „Amtssprache“.

 

Isoliert am Rande Europas

Der kleine Binnenstaat bleibt bis heute isoliert in einer grauen Zone zwischen der EU und Russland. Abhängig von russischer Energie und angewiesen auf Subsistenzlandwirtschaft, gilt Moldawien als das ärmste Land Europas. In den Straßen Chişinaus florieren dafür die Wechselstuben, Plakate werben für Dienstleistungen rund um die Visabeschaffung und Übersetzungen.

Die Überweisungen an die Daheimgebliebenen machen rund die Hälfte des Bruttoinlandsprodukts aus. Die meisten Hauptstadtbewohner kaufen auf Märkten ein, die nach dem Kollaps des sozialistischen Handels das Erscheinungsbild vieler postsowjetischer Städte prägen. Der Durchschnittslohn liegt knapp über 150 Euro im Monat, fast so viel wie die Heizungsrechnung im Winter.

Chişinaus Flaniermeile heißt heute „Stefan cel Mare“, nach einem Fürsten aus dem 15. Jahrhundert benannt. Stefan der Große hat mit seiner kleinen Armee heldenhaft gegen die Osmanen gekämpft – das weiß nicht nur jeder moldawische, sondern auch jeder rumänische Viertklässler.

Doch die moldawische Gegenwart ist weit weniger heldenhaft. Seit zwei Jahren ist das Parlament nicht in der Lage, einen neuen Präsidenten zu wählen. Etliche Versuche, durch vorgezogene Wahlen und Volksabstimmungen die Dauerkrise zu lösen, sind an der Sturheit der beiden politischen Lager gescheitert – oder am fehlenden Interesse der Bürger, die dem Politikerstreit die Arbeit im Ausland vorziehen. Die proeuropäische und prorumänische Koalition des Regierungschefs Vlad Filat zeigte sich in den vergangenen Jahren so zerstritten, dass ihre Hochburg Chişinau bei den Kommunalwahlen im Juni fast an die prorussischen Kommunisten verloren ging.

 

Ein gescheiterter Staat?

Das größte Hindernis auf dem Weg zum EU-Beitritt aber ist weder der politische Dauerstreit noch die katastrophale Wirtschaftslage, sondern Transnistrien: jener schmale Landstreifen jenseits des Dnjestr, der erst nach dem Zweiten Weltkrieg von Stalin an die neue moldawische Sowjetrepublik angegliedert wurde. Als die Politiker in Chişinau immer mehr Autonomie gegenüber Moskau suchten, erklärte Transnistrien 1990 einseitig seine Unabhängigkeit. Es folgte ein Konflikt, der im Jahr 1992 zu einer militärischen Auseinandersetzung führte mit Hunderten von Toten auf beiden Seiten.

Tiraspol, die Hauptstadt der abtrünnigen Republik Transnistrien, liegt nur 60 Kilometer von Chişinau entfernt – und ist dennoch eine andere Welt. Vladimir S. sitzt hier in einem Restaurant, es gibt Fisch im Teigmantel nach russischer Art, dazu ukrainisches Bier. Der 23-Jährige hat hier Übersetzungswissenschaft mit Schwerpunkt Deutsch und Englisch studiert. Genau wie Valeria Svart setzt Vladimir S. sein Studium in Deutschland fort. Anders als sie hat er nie Rumänisch gelernt. Es sei „nach 20 Jahren fast zu spät für eine Wiedervereinigung mit Moldawien“, findet er. Nichtsdestoweniger muss auch Vladimir S. regelmäßig vor der deutschen Botschaft in Chişinau Schlange stehen, denn für die Außenwelt gilt er als moldawischer Staatsbürger. „Vielleicht wird Transnistrien irgendwann international anerkannt“, hofft er.

Das heutige Moldawien ist ein Flickenteppich unterschiedlichster Biografien. Manche sprechen gar von einem gescheiterten Staat. „Gescheitert, aber bunt“, entgegnet die Komikertruppe Planeta Moldova in einem ihrer Stücke.

Lexikon

Moldawien (auch: Republik Moldau) erklärte am 27. August 1991 seine Unabhängigkeit. In dem 3,6-Millionen-Einwohnerland leben knapp 76 Prozent Moldawier, 8 Prozent Ukrainer, 6 Prozent Russen sowie Gagausen, Roma und Bulgaren. Das BIP betrug 2010 etwa 5,8 Mrd. Dollar – 2.500 Dollar pro Kopf. Moldawien erzeugt traditionell vor allem Agrarprodukte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2011)