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Koslowski: „Ohne Markt geben wir das Menschsein auf“

(c) Reuters (JESSICA RINALDI)
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Der Wirtschaftsethiker Peter Koslowski sieht die Ursachen der Finanz- und Schuldenkrise im Verlust einfacher sittlicher Werte. Wer mehr gibt, als er hat, ist ein Schuft und das gelte auch für die EU.

Die Presse: Die Ökonomen sind mit ihrem Latein bald am Ende. Stehen Wirtschaftsphilosophen besser da?

Peter Koslowksi: Wer Wirtschaft und Philosophie studiert, hat ein paar Gänge mehr in seinem Getriebe. Die Nationalökonomie ist im Moment ganz schwach, weil sie sich auf einen Minimalbereich zurückgezogen hat: Eine merkwürdige Theorie der Rationalität, nur mathematische Ableitungen, völlig abstrakt. Die Institutionen, die Geschichte – alles bleibt draußen. Damit operieren Ökonomen an den schwierigsten Problemen der Menschheit, und tun so, als könnten sie die lösen. Das war eine der Ursachen der Finanzkrise: Die Hybris zu sagen, wir verstehen das ganz genau, obwohl sie nur mit Stangen im Nebel stochern. Das ist peinlich und gefährlich. 

Wozu brauchen wir Wirtschaftsethik? Weil die unmoralische Gier im Kapitalismus ein Korrektiv braucht?

Das ist ein totaler Quatsch. Ich kenne reiche Familien, die sind richtige Puritaner. Deshalb sind sie so reich. Die Vorstellung, der Kapitalismus gründe auf Gier, ist einfach falsch. Er gründet auf richtiger Erwartung der Nachfrage und effizienter Produktion. Da muss man nüchtern und unbefangen sein, nicht gierig.

Worum geht es dann?

Ethik kann mithelfen, dass Märkte funktionieren: Weil vollkommene Information fehlt, müssen sich die Akteure vertrauen können. Das ist schön und nützlich. Aber begründet wird die Ethik in sich selbst: Du sollst nicht lügen, nicht betrügen – das gilt auch, wenn es das Bruttosozialprodukt nicht steigert. Solche einfachen sittlichen Regeln wurden zerstört: Dem Anleger kein Finanzprodukt aufschwätzen, das nichts wert. Nicht mehr Schulden machen, als man zurückzahlen kann – das war Jahrhunderte lang Gemeingut. Erlassen wird nur im Himmel. Und jetzt tun die in Brüssel so, als ob das nicht mehr gelte. Damit greifen sie die Fundamente der Gesellschaft an. Ein Schuft ist, wer mehr gibt, als er hat – und der größte Schuft ist damit die EU.

Stichwort Corporate Social Responsibility: Ist es gut, dass Firmen eine breite soziale Verantwortung übernehmen?

Es ist verheerend, dass unsere Unternehmen sich das aufschwatzen lassen. Ihre Aufgabe ist es, gute Produkte zu produzieren und Gewinn zu machen. Das ist völlig ausreichend. Philantropie, Kultur sponsern – das ist schön, aber das kann man doch nicht staatlich fordern und einklagen. Dann kriegen die Shareholder als Eigentümer nicht, was ihnen zusteht.

Alles dreht sich heute um Banken. Warum haben sie ein solches Gewicht bekommen?

Es gibt ein Bündnis von Politikern und Banken. Der Souverän wird von seinem Bankier abhängig, weil der ihm Ausgaben finanziert, die er über Steuern nicht mehr finanzieren kann. Das war schon zu Fuggers Zeiten so.

Aber Fugger war ein nücherner Rechner. Heute gehen Banker die schlimmsten Risiken ein und bringen so das ganze Gefüge in Gefahr...

Vielleicht haben sie eine Zeitlang auch zu wenig Kredite gegeben. Dann sagten die Politker (vor allem in den USA - Reagan, Clinton, Bush): Gebt doch den armen Leuten mehr Kredit. Und wegen des Ausfallsrisikos macht euch mal keine Sorge, da helfen wir euch dann schon. Übertriebener Moralismus ist da fehl am Platz. Dass mehr Leute die Möglichkeit haben sollen, ein Haus zu erwerben – das sagt man bei uns auch. Man ist in der deutschen und österreichischen Biederkeit viel vorsichtiger , aber beim Bausparen subventioniert man auch den Zins.

Wie kam es zur Krise?

Die Krise war eine der Einstellungen, die für den Kapitalismus nötig sind: Sparsamkeit, Nüchternheit, Verzicht auf protzigen Konsum – das ist weggerutscht. Alles andere: Wagemut, Reich-Werden-Wollen, das war noch da.  Dazu kam ein Glaube an die Alchemie der Finanzen. Kein Kredit ohne 30 Prozent Eigenmittel: Das galt plötzlich nicht mehr. Warum? Es gab zu viel Zukunftshoffnung: in das Wunder Internet, in Technologien, die uns von den Bedingungen der Vergangenheit befreien. Und dazu kam die millionenfache Lust an der Spekulation.

Ist es eine – auch ethische – Systemkrise, hat der Kapitalismus abgewirtschaftet?

Wir haben kein „System“ des Kapitalismus. Wir haben eine Marktwirtschaft, ergänzt um vielerlei Regulierung und egalitäre Bestrebungen. Da gibt es Abstufungen zwischen den Parteien, das tariert sich aus, aber zum Prinzip gibt es keine Alternative. Ohne Markt geben wir das Menschsein auf. Talent lässt sich nicht verwalten. Unsere Wirtschaftsordnung ist kein System, sondern gründet auf ein paar naturrechtliche Prinzipien in der Verfassung. Eigentumsschutz und Gewerbefreifreiheit - damit haben sie den Markt.

Wie wirksam ist Regulierung?  

Das ist so ein Politkertraum: mit Gesetzen regulieren, wie ein Installateur die Heizung reguliert. Aber das funktioniert nicht. Ein Meister der Regulierung war immer die katholische Kirche, und auch sie hat sich damit abfinden müssen, dass die Leute uneheliche Kinder kriegen. Man kann Top-Manager von Banken nicht so kontrollieren, dass sie keine Fehler machen oder falsche Intentionen haben. Also kommt man um ein gewisses Maß an Vertrauen, dass die Eliten das Gemeinwohl im Auge haben, nicht herum. Das ist weg, und das ist vielleicht das Allerschlimmste. Es muss wieder eine Berufsehre geben, auch für Banker.

Tatsächlich hat sich für die Banken nicht viel geändert...

Die Banken haben den Karren in den Dreck gefahren, aber der Staat konnte die Wagenlenker nicht entlassen, weil man keinen Ersatz für sie hat.

Und die Staatsschuldenkrise?

Sie ist schwerwiegender. Der Kreis der Gläubiger, die bei einer Pleite ihr Vermögen verlieren, ist viel größer. Ein Staatsbankrott vieler EU-Staaten würde zur Katastrophe führen. Wenn ich Merkel oder Sarkozy wäre: Ich könnte nicht schlafen. Frau Merkel hat einen Eid abgelegt, das Interesse des deutschen Volkes zu wahren – nicht des griechischen. Es müssen die Zahlen auf den Tisch. Es ist unerhört, dass die deutsche Regierung die Bevölkerung im Unklaren lässt, was sie an Haftungen eingeht.

Das wollen sie nicht sagen, dann geht das Rating runter und sie haben schlechte Umfragewerte. Wie viel ist der Gesamtwert der  deutschen Bürgschaften für andere Eurostaaten? Vielleicht eine Billion. Das heißt, im schlechtesten Fall kommt zu unserer Staatsverschuldung von zwei Billionen nochmal die Hälfte dazu – für andere Länder! Da wird einem schwindlig!

Was schlagen Sie vor?

Zahlen müssen wir sowieso. Da ist es besser, wir lassen die Länder Pleite gehen, und sie müssen selbst sehen, wie sie aus dem Mist kommen. Dann könnten die Griechen und Iren nicht mehr schimpfen: Die Deutschen zwingen uns zu sparen, damit ihre Banken ihr Geld bekommen. Dieser Vorwurf ist menschlich verständlich, aber schäbig und perfide: Das sind ihre Schulden! Bei einer Pleite wären diese Aggressionen weg. Freilich, wir müssten noch einmal ein Bailout für die Banken machen, dann aber auch in großem Stil das Personal auswechseln. Die müssen dafür zahlen, auch persönlich, mit einem Karriereknick. Damit sie sehen: Das geht nicht so weiter.

Wird Kanzlerin Merkel nicht richtig beraten?

Wir brauchen mehr unabhängige Denker. Berater, die den Politikern nicht erzählen, was sie gern hätten, wie Herr Ackermann von der Deutschen Bank. Adenauer hat noch auf ein paar Mönche in Maria Laach gehört. Das war nicht so dumm!

Zur Person

Peter Koslowski (59) ist ein deutscher Philosoph und promovierter Ökonom mit Schwerpunkt Wirtschaftsethik. Er lehrt zur Zeit als Professor an der Freien Universität Amsterdam. Seine provokanten Aussagen zur Euroschuldenkrise haben bei den Wirtschaftsgesprächen in Alpbach auch für Unmut und heiße Diskussionen gesorgt. [Markus Prantl]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2011)