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Österreich: Wirtschaftswissen auf bescheidenem Niveau

oesterreich Wirtschaftswissen bescheidenem Niveau
(c) Erwin Wodicka - wodicka@aon.at (Erwin Wodicka)
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Viele Menschen können mit alltäglichen Begriffen wie Inflation, Zinsen oder BIP nichts anfangen. Der Aufholbedarf scheint mehr als deutlich zu sein.

Sie wissen nicht, was Bruttoinlandsprodukt (BIP) bedeutet? Dann gehören Sie in Österreich zu keiner Minderheit, sondern zu einer Mehrheit von 57 Prozent.
Auch den Begriff "Inflation" präzise erklären konnten 37 Prozent der Befragten nicht. Einem knappen Drittel der Befragten in der IMAS-Umfrage war es nicht möglich, die Bezeichnung "Zinsen" richtig zu erklären. Und für die Abkürzung "ATX" - den Leitindex an der Wiener Börse - konnten nur 40 Prozent eine präzise Erklärung anbieten. Diese und andere besorgniserregende Ergebnisse brachte eine IMAS-Umfrage im Auftrag der Erste Bank und Sparkassen zu Tage.

Die Antworten der 500 Interviewten zeigen einen
klaren Nachholbedarf im Bereich der Wirtschaft- und Finanzbildung. Auch wenn die Ergebnisse im Vergleich zu der vor einem Jahr durchgeführten Befragung eine leichte Aufwärtstendenz aufweisen, hat sich an dem grundsätzlichen Fazit, dass die Schule für die Themen Wirtschaft und Finanzen nicht ausreichend Wissen vermittle, nichts geändert. Denn noch immer geben 80 von 100 Menschen auf die Frage, ob der Wissenstransport an die Kinder und Jugendlichen in den Schulen ausreichend ist, Antworten von  "reicht nicht aus" bis "teils teils".

Wirtschaftswissen als Schwerpunktthema

Das Wirtschaftsressort von DiePresse.com wird in seinem Schwerpunkt "Wirtschafts- und Finanzwissen der Österreicher" in den nächsten Wochen Experten zu
diesem Thema zu Wort kommen lassen und Ihnen auch Best Practice-Beispiele präsentieren. In einem Quiz erhalten Sie die Möglichkeit, Ihr eigenes Wissen
zu testen.

Die Verantwortung für die unerfreulichen Ergebnisse der Umfrage alleine bei den Schulen zu sehen, wäre jedoch eine vereinfachte Sichtweise. In unserer Gesellschaft des lebenslangen Lernen sollten auch Medien, Banken und Versicherungen, Elternhaus sowie der Einzelne selbst dazu beitragen, das Wissen um Wirtschafts- und Finanzthemen ständig zu verbessern.

Lehrpläne sind umfassend

Geht man nach den Lehrplänen für Hauptschulen und Unterstufen von Allgemeinbildenden Höheren Schulen (AHS), gelingt man irrigerweise zur Ansicht, dass ohnehin alles im grünen Bereich sein müsste. Denn in den vorgegebenen Lehrplänen ist für ein umfangreiches Grundwissen ohnehin vorgesorgt. Dort heißt es unter anderem, dass der Unterricht in Geografie und Wirtschaftskunde sich regelmäßig der erreichbaren realen Umwelt zuwenden müsse. Die Frage, woran die Wissensvermittlung dann letztlich größtenteils doch scheitert, müssen sich die betroffenen Lehrer und
Schulverantwortlichen stellen. Alltagspraktisches Wissen zu vermitteln anstatt fade, langweilige Definitionen vorzugeben, ist auch ein von Experten empfohlener Ansatz.

Die Schüler, die sich heute bereits in jungen Jahren als Verbraucher in den Markt einbringen, würden es danken. Lauert doch in unserer konsumorientierten Zeit hinter jedem Konsumangebot nicht nur eine Chance, sondern auch eine Herausforderung an das Basiswissen.

Probleme mit alltäglichen Fragestellungen

Zu dieser Meinung kann man gelangen, wenn man die Ergebnisse auf ziemlich einfache und vor allem alltägliche Fragestellungen erhält. Dass ein superneuer Flachbildschirm mit einem Preis von 400 Euro preiswerter
beurteilt wird als das gleiche Gerät mit einem Preis über 500 Euro abzüglich 10 Prozent Rabatt, ist leider keine Selbstverständlichkeit. Diese und weitere Fragen wurden Menschen in allen EU-Staaten im Rahmen einer von der Europäischen Union eingeführten Initiative zur  Konsumenteninformation gestellt.

Die Resultate dieser Befragung legen den Schluss nahe, dass Maßnahmen, wie das von der Erste Bank ins Leben gerufene Sparefroh-TV, das bereits Volksschülern die Funktionsweise von Geld näher bringen soll, alleine nicht ausreichen werden, um die Menschen in Österreich "wirtschaftsfit" zu machen.

Auch Wissen von Managern ist mangelhaft

Doch selbst wenn es gelingen sollte, Schüler, Studenten und Lehrer finanzwissend zu machen: Wer garantiert, dass Manager und Geschäftsführer Ahnung von Wirtschaft haben? Denn eine Studie des "Harvard Business Manager" aus dem Jahr 2009 stellt den wenigsten Führungskräften ein gutes Zeugnis aus. Demnach war der Mehrheit der befragten Manager der Unterschied zwischen Gewinn und Barmitteln nicht klar. Viele konnten auch eine Bilanz von einer Gewinn-und-Verlust-Rechnung nicht unterscheiden. Der Cashflow, eine Lieblingskennzahl von Investoren, erwies sich ebenfalls für viele als eine große Unbekannte.