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"Nächste Schlacht ist Aufbau eines neuen Libyen"

(c) REUTERS (ASMAA WAGUIH)
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Reportage. Verbissen verteidigen die letzten Gaddafi-treuen Kämpfer Sirte, die Geburtsstadt des gestürzten Diktators.

Mohammed zeigt auf die Brücke einige hundert Meter weiter: „Dort schlagen immer wieder Granaten ein. Gaddafis Artillerie schießt aus Sirte heraus.“ Die Algrbyat-Brücke spannt sich breit über die Straße, die vom Westen her in die Stadt führt, in der Libyens gestürzter Diktator Muammar al-Gaddafi geboren wurde, und die seine letzten Getreuen so erbittert verteidigen.

Am Horizont steigt schwarzer Rauch auf. „Möglicherweise ein Öldepot, das getroffen wurde“, meint Mohammed. Der junge Mann war Arzt, bevor er zur Waffe griff, um Gaddafis Regime die Stirn zu bieten. Heute kämpft er bei den „Löwen der Wüste“, einer der zahlreichen Einheiten aus der Stadt Misrata. Monatelang war Misrata von der Armee eingekesselt. Doch die Rebellen gaben nicht auf, schlugen alle Angriffe zurück. Jetzt, nach der Vertreibung Gaddafis aus der Hauptstadt Tripolis, haben sie die Oberhand gewonnen und stehen vor Sirte, einer der letzten beiden Bastionen des Regimes.

Bei einem kahlen Ziegelbau links der Straße hat sich eine Gruppe Bewaffneter verschanzt. Hinter dem Haus stehen Pickups, auf denen alte russische Maschinenkanonen montiert wurden. „Wir haben uns vorläufig hierher zurückgezogen, wegen der Granaten und Raketen“, berichtet einer der Kämpfer. Gaddafis Getreue haben in Sirte noch immer Haubitzen vom Kaliber 155 und russische Raketenwerfer. Doch auch die Revolutionäre verfügen mittlerweile über Panzer und schwere Waffen, liefern den Soldaten des gestürzten Machthabers täglich Artillerieduelle.

Abgesehen von diesen Scharmützeln scheint es weitgehend ruhig. Die Einheiten der Übergangsregierung versuchen, den Ring um Sirte enger zu ziehen und strategisch wichtige Punkte außerhalb der Stadt zu erobern. „Ins Zentrum stoßen wir derzeit nicht vor“, meint ein Kämpfer: „Wir haben der Zivilbevölkerung einige Tage Zeit gegeben, die Stadt zu verlassen.“ Plötzlich eine schnarrende Stimme aus dem Funkgerät des Soldaten. Das Kommando zum Aufbruch. Die Männer besteigen ihre Pickups und verschwinden in einer Wolke aus Staub und Wüstensand.

 

Zivilisten fliehen aus der Stadt

''Presse''-Reporter Wieland Schneider.(c) Schneider

Aus der Stadt nähert sich ein alter Toyota, auf dem Fahrzeug sind Koffer, Pakete und Matratzen festgezurrt. Viele Familien nutzen die Feuerpause, um aus dem umkämpften Sirte zu fliehen. Wer hinaus will, wird von den Soldaten der Übergangsregierung genau kontrolliert, um zu verhindern, dass hochrangige Anhänger des Regimes flüchten.

Unter den Revolutionären kursiert das Gerücht, dass Dienstagabend ein erster größerer Fisch ins Netz gegangen sei: Gaddafis Sprecher Moussa Ibrahim. „Unsere Männer erzählen, dass er im Auto einer Familie die Stadt verlassen wollte“, berichtet ein Kämpfer. Als treuer Diener seines Herren hatte Ibrahim bis zuletzt Durchhalteparolen Gaddafis verbreitet. Wenn sich sein Sprecher in Sirte verborgen hat, versteckt sich dann auch Gaddafi dort? Der junge Revolutionär zuckt mit den Schultern. „Das wissen wir nicht. Doch es ist klar, dass wichtige Personen des früheren Regimes in der Stadt sein müssen – bei der Verbissenheit, mit der Gaddafis Leute dort kämpfen.“

Es gebe Hinweise, dass sich Mutasim, einer der jüngeren Söhne des gestürzten Diktators, in Sirte verschanzt und dort die militärischen Operationen koordiniert. Gaddafis älterer Sohn Saif al-Islam soll sich nach Bani Walid abgesetzt haben, der zweiten verbliebenen Bastion des einstigen Regimes.

Mohammeds Kameraden von den „Löwen der Wüste“ lagern bei einem ehemaligen Bauernhaus rund zehn Kilometer außerhalb der Stadt. Die Männer haben sich auf Teppichen niedergelassen, trinken Tee und reinigen ihre Waffen. „Das Zentrum der Stadt ist voll von Gaddafis Scharfschützen. Sie nehmen uns bei unseren Vorstößen immer wieder unter Beschuss“, berichtet Bader, ein etwa 50-jähriger, kräftig gebauter Mann mit schwarzem Vollbart, einer der ältesten Kämpfer der Truppe. Plötzlich ein lauter Knall. Die Männer lachen. Einige Kämpfer testen ihre russischen Panzerabwehrrohre. „Wir haben jetzt genug Waffen und Munition“, sagt Bader. „Aber wir haben Angst, die Zivilisten zu treffen, die noch in Syrte sind.“

 

Hubschrauber für Verwundete

Verwundete, die es herausschaffen, werden in einem Feldhospital vor der Stadt versorgt, das in einem ehemaligen Anwesen Gaddafis eingerichtet wurde. Unter den Patienten finden sich Zivilisten, verwundete Soldaten der Übergangsregierung und angeblich auch verletzte Kämpfer Gaddafis. Vor dem Gebäudekomplex stehen ein zweirotoriger Chinook-Helikopter und Hubschrauber russischer Bauart, um Patienten ausfliegen zu können, wie Kristie erklärt, Koordinatorin der Hilfsorganisation IMC. Die meisten Verwundeten werden aber im Feldhospital behandelt, das für Notfall-Operationen eingerichtet ist.

Mohammed von den „Löwen der Wüste“ hofft, dass er bald selbst das Sturmgewehr weglegen kann, um wieder als Arzt zu arbeiten. „Die Schlachten um Sirte und Bani Walid werden irgendwann vorbei sein. Dann müssen wir uns einer anderen Schlacht stellen: dem Aufbau eines neuen Libyen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2011)