Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

"Movember": Mit Schnauzbart gegen Männerkrankheiten

(c) REUTERS (JONATHAN ERNST)
  • Drucken

Ein Trend aus Australien hat Europa erreicht: Einen Monat lang tragen Männer einen Bart und sammeln damit Spenden für den Kampf gegen Prostatakrebs.

Der Schnauzbart war schon einmal populärer. Vorbei sind die Zeiten, als er über alle Gesellschaftsgrenzen hinweg als sexy betrachtet wurde. Heute haftet ihm eher das Stigma des Schrulligen an. Damit eignet er sich aber umso besser dafür, ein wenig Aufmerksamkeit zu erregen. Genau das dachten sich um die Jahrtausendwende ein paar junge Australier, die beschlossen, einen ganzen Monat lang einen Oberlippenbart zu tragen – und damit auf Gesundheitsprobleme von Männern, speziell auf Prostatakrebs, aufmerksam zu machen.

„Movember“ – zusammengesetzt aus „Moustache“, dem englischen Begriff für Oberlippenbart, und dem Monat November – so heißt die Aktion, die von Australien und Neuseeland aus nun auch zunehmend den Rest der Welt erreicht. Am stärksten ist das Phänomen mittlerweile in Kanada verbreitet, von europäischer Seite ist die Beteiligung vor allem in Großbritannien besonders hoch, aber auch Irland, Dänemark, Norwegen und Finnland haben schon ansehnliche Mitgliederzahlen. Deutschland und Österreich gelten bis dato noch als „Movember“-Entwicklungsländer, doch selbst hierzulande hat sich schon eine kleine Community gebildet. „2008 habe ich die Aktion bei einem kanadischen Freund kennengelernt“, erzählt Christian Seidl. Zurück in Österreich verbreitete er die Idee in seinem Freundeskreis, 2010 gründete der 29-Jährige, der eine kleine Event- und Werbeagentur betreibt, schließlich eine eigene Facebook-Gruppe. Mittlerweile sind bei „Movember Austria“ schon mehr als 300 Fans eingetragen.


Bart statt Schleife. Kern der Aktion ist der Charity-Gedanke – und das Schaffen von Bewusstsein für Gesundheitsthemen bei Männern. „Es gibt ja dieses Vorurteil: Ein harter Mann geht nicht zum Arzt“, sagt Seidl. Genau deswegen bleiben Krankheiten wie Prostatakrebs, aber auch Depressionen oder bipolare Störungen häufig unentdeckt und werden nicht behandelt. Und während man etwa mit dem Red Ribbon, der roten Schleife, auf die Immunschwächekrankheit Aids aufmerksam macht, läuft das im Fall Männergesundheit eben mit dem Schnauzbart als nach außen hin sichtbares Symbol.

„Momentan ist das kein gängiger Bartwuchs“, sagt Seidl. „Und da wird man schnell mal darauf angesprochen.“ Dadurch wiederum ergeben sich viele Gelegenheiten, das ernste Thema zur Sprache zu bringen. Und das auf eine unverkrampfte, selbstironische Art. Wobei, bei aller Ironie müssen auch ein paar Regeln eingehalten werden. Erstens muss man den 1.November mit einem frisch rasierten Gesicht beginnen und sich dann zweitens den gesamten Monat über einen Schnurrbart heranzüchten. Regel Nummer drei besagt, dass der Schnurrbart keine Verbindung zum seitlichen Haaransatz haben darf. Und auch das Kinn muss, Regel Nummer vier, frei bleiben – Ziegenbärtchen gilt nicht. Regel Nummer fünf besagt: Jeder „Mo-Bro“ muss sich wie ein Gentleman benehmen. Die Aktion ist aber nicht nur auf Männer beschränkt – es gibt auch „Mo-Sisters“. Das sind Frauen, die die Aktion unterstützen und neue Mitglieder rekrutieren sollen.

Die Schnauzbartträger stellen im Laufe des Monats Bilder online, damit das Ergebnis ihrer Bemühungen auch möglichst vielen Menschen zugänglich ist. Und auf den offiziellen Seiten der einzelnen „Movember“-Länderorganisationen ist es möglich, an diverse Gesundheitsprojekte zu spenden – wobei die Spende einer bestimmten Person oder einem Team gewidmet werden kann. Das wiederum ist ein weiterer Anreiz zur Teilnahme: Einzelne Teams können in Wettstreit treten, wer mehr Geld für den guten Zweck aufstellen kann. Gerade im angloamerikanischen Raum sind derartige Wettbewerbe, bei denen einzelne Teams um Spenden kämpfen, weit verbreitet. Im Fall „Movember“ schreibt die Stiftung sogar eigene Preise aus – etwa für den am besten angezogenen Teilnehmer oder jenen mit dem schönsten Bart.


5,8 Millionen an Spenden. Das österreichische Team ist derzeit allerdings noch in der Anfangsphase, dementsprechend hat man bis dato auch erst knappe 180 Euro gesammelt. Aber Teamleader Seidl hat schon Pläne, wie es noch mehr werden kann. Am Donnerstag, dem 10.November, findet etwa in der Wiener Pratersauna eine Party statt, bei der der Schnauzbart im Mittelpunkt stehen soll. „Das ist noch nichts Offizielles, das dient nur einmal zum Testen.“

Auf internationaler Ebene bringt die „Movember“-Stiftung aber schon einiges ins Rollen. Im Jahr 2010 nahmen 447.808 Menschen weltweit daran teil – und konnten damit Spenden im Wert von 81 Millionen US-Dollar (etwa 58 Millionen Euro) lukrieren. Und heuer hielt man bereits am dritten Tag der Aktion bei knappen zehn Millionen Euro. Die „Movember“-Stiftung koordiniert die Aktionen der einzelnen Ländergruppen und leitet schließlich die Spenden an nationale Forschungseinrichtungen weiter.

Am Ende des Monats sollte schließlich bei jedem Teilnehmer ein gepflegter 30-Tage-Schnauzbart stehen. Ob und wie der am 1.Dezember fallen muss, ist in den Regeln allerdings nicht festgeschrieben. Theoretisch könnte man ihn sogar stehen lassen. Allerdings, so populär ist der Schnauzer dann doch wieder nicht. Zumindest nicht, wenn der „Movember“ wieder vorbei ist.

»Movember«

Bedeutung
„Movember“ ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus „Moustache“ (Schnauzbart) und November.

Entstehung
Die Aktion soll 1999 von einer Gruppe junger Männer im australischen Adelaide gegründet worden sein. Offiziell wurde sie erstmals 2004 in Australien durchgeführt.
Infos unter www.movember.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2011)