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Kampusch: Priklopil-Freund durch Telefonate verdächtig

(c) EPA (Markus Leodolter)
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Ernst H., der frühere Freund und Geschäftspartner des Kampusch-Entführers Wolfgang Priklopil, war unter anderem wegen verdächtiger Telefonate ins Visier der Fahnder geraten. Ebenso der Milizoffizier B.

Wien. Waren an der Entführung von Natascha Kampusch entgegen der offiziellen Version doch mehrere Täter beteiligt? Spielte vielleicht der Milizoffizier B. eine Rolle in dem Fall? Schließlich war seine Mobiltelefonnummer am Handy eines gewissen Ernst H. abgespeichert – und H. war der langjährige Freund und Geschäftspartner des (durch Selbstmord aus dem Leben geschiedenen) Kampusch-Entführers Wolfgang Priklopil.

„Presse“-Recherchen ergaben, dass es fünf Telefonate zwischen dem Anschluss des Offiziers und Priklopil-Freund H. gab. Immer nach den Anrufen rief H. am Handy einer Sexshop-Geschäftsführerin, einer gewissen G., an. Allerdings: H. hatte ständig Kontakte zu dieser Frau. Es muss also kein Zusammenhang zu den fünf „Offiziers-Telefonaten“ bestehen.

Der Reihe nach: Kurz nach der Flucht von Natascha Kampusch am 23. August 2006 führte die Polizei eine Rufdatenrückerfassung durch. Dabei wurden die Telefonkontakte von Ernst H. rückwirkend durchleuchtet. Überwachungszeitraum: sechs Monate.

Dabei stieß die Polizei auf den Anschluss des Offiziers, der, wie berichtet, unter dem rätselhaften Kürzel „Be kind slow“ im Handyspeicher des H. erfasst war. Dieser rückwirkende „Treffer“ betrifft den 25. April 2006. Kampusch war damals noch in den Händen ihres Entführers. Zwei Kontakte zwischen dem Handy des Offiziers B. und jenem von Ernst H. gab es an diesem 25. April. Um 16.32 Uhr, 111 Sekunden lang und um 17.37 Uhr für 19 Sekunden.

Tags darauf, 26. April, rief H. um 11.12 Uhr zweimal innerhalb einer Minute am Anschluss der Sexshop-Lady G. an. Es dürfte sich nur um Anrufversuche gehandelt haben, da die Kontakte nur 6 und 4 Sekunden dauerten. Eine Woche später, 2. Mai 2006, probierte H. zuerst Frau G. zu erreichen (16.38 Uhr) und dann versuchte er es zweimal am Anschluss des Offiziers (16.42 und 16.54 Uhr). Zwei Stunden später: H. wird von dem Offizier – oder jedenfalls unter Verwendung dessen Mobiltelefons – zurückgerufen (18.44 Uhr, 42 Sekunden). 3. Mai: H. versucht um 12.07 Uhr Frau G. zu erreichen.

 

Ging es nur um Wohnungen?

Wie sind diese Vorgänge zu deuten? Entweder – und dies vermutete die Kampusch-Kommission – waren es tatsächlich Telefonate zwischen dem Offizier und Priklopil-Freund H. Oder aber – und dies ist die offizielle Deutung der Staatsanwaltschaft – H. sprach gar nicht mit dem Offizier sondern mit dessen Frau. Diese hatte damals nämlich eine Wohnung gesucht. Und H. war im Immobiliengeschäft tätig und hatte Wohnungen inseriert. Die Frau des Offiziers könnte also dessen Handy benutzt haben. Diese Version wird von H. selber und von der Frau des Offiziers in Einvernahmen gestützt.

Auch gibt es Hinweise darauf, dass H. in jenen wenigen Tagen, Ende April, Anfang Mai 2006, gar nicht mit der Pornohändlerin, sondern wiederum mit deren Mann telefonierte, da dieser als Inhaber des Sexshops in einem Mietobjekt von H. einquartiert war. Möglicherweise wollte H. in jenen Tagen nur Geldforderungen telefonisch eintreiben. H. spricht im Verhör von ausstehenden Betriebskosten.

Unter dem Strich bleibt: H. hatte im Überwachungszeitraum nur an drei Tagen Kontakt mit dem Anschluss des Offiziers. Hingegen gab es während des gesamten überwachten Zeitraums permanente Kontakte mit dem Anschluss der Sexshop-Geschäftsführerin.

Gretchenfrage: Sprach H. auch im Zeitraum Ende April, Anfang Mai mit der Frau selber – und ging es dabei um Pornografie oder Ähnliches? Bestand ein Zusammenhang mit der Kampusch-Entführung? Oder sprach H. in dieser Phase wirklich nur mit dem Ehemann von G., dem Sexshop-Inhaber? Und zwar über so profane Dinge wie Betriebskosten?

Des Rätsels Lösung: Letzteres könnte der Fall gewesen sein. Denn H. verwendete für gewöhnlich zwei Handys. Praktisch immer, wenn er den Anschluss von G. wählte, tat er dies mit Handy „Nummer 1“. Nur während der Phase, in der H. sowohl mit dem Anschluss des Sexshops als auch mit jenem des Offiziers korrespondierte, verwendete er Handy „Nummer 2“. Der Grund dafür laut H.: Er habe eben Geld eintreiben wollen. Wenn er sein „normales“ Handy benutzt hätte, hätte der Sexshop-Inhaber die Nummer am Display gesehen und nicht abgehoben.

Wenn man das glaubt, kommt man zu dem Fazit: Die Telefonate, Ende April, Anfang Mai, könnten tatsächlich harmlos gewesen sein. Und der Offizier könnte von alledem nichts mitbekommen haben.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.12.2011)