Schnellauswahl

Einsam in der Duschkabine: Wiens letzte Tröpferlbäder

(c) Presse Fabry
  • Drucken

Alle reden vom Stadthallenbad - aber auch das ist Wiener Badekultur: Es gibt noch einige wenige Brausebäder für jene, die zuhause nicht duschen können.

Die Zeit kann hier sehr lang werden. Wenn stundenlang kein einziger Gast über den karierten Fliesenboden schlapft und ein Tropfen aus der Duschkabine den Wettbewerb um das aufregendste Geräusch mühelos für sich entscheiden kann, dann ist im Wiener Apostelbad betriebsame Hektik nicht angebracht. Und diese Ruhe kommt vor im „Schuasteraquarium“, wie das Bad in den 1930er-Jahren liebevoll genannt wurde. Denn das städtische Brausebad teilt das Schicksal mit all den anderen noch verbliebenen Volksbädern – ihnen geht das Volk aus.

Suchte man auf einer Balkenwaage das Gegengewicht, das den Stellenwert der Volksbäder zunehmend geringer werden ließ, fände man auf der zweiten Waagschale den steigenden Wohnkomfort. Denn während nach dem Zweiten Weltkrieg die Wohnungen in Wien mehr und mehr mit Duschen, vielleicht sogar Badewannen ausgestattet wurden, sanken auch die Besucherzahlen der Duschbäder. 5,1 Millionen Menschen zog es im Jahr 1950 noch zur Körperpflege in die städtischen Brausebäder, im Jahr 2011 waren es nur noch knapp 33.000. Immerhin, diese Zahl blieb in den vergangenen Jahren weitgehend konstant, die Talsohle scheint erreicht.


Gradmesser des Wohlstands. Wenn man so will, kann man die Volksbäder als Gradmesser für den Wohlstand, den sozialen Lebensstandard der Stadt betrachten. Und der war Ende des 19.Jahrhunderts noch verhältnismäßig niedrig. Die Industrialisierung hatte der damaligen Reichshaupt- und Residenzstadt einen enormen Bevölkerungszuwachs gebracht. Billige Arbeitskräfte aus den Kronländern strömten nach Wien, hausten notdürftig in billigen Arbeiterquartieren und litten unter den katastrophalen Hygieneverhältnissen.

Eine Entwicklung, der man gegensteuern musste. Und so errichtete die Gemeinde Wien im Dezember 1887 das erste Volksbad in der Mondscheingasse im 7.Bezirk. Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 gab es bereits 18 solcher Volksbäder, die jedes Jahr von rund 3,5 Millionen Menschen genutzt wurden. In dieser Zeit entstand auch der Spitzname, unter dem die Volksbäder in Wien bekannt wurden: Weil die Wasserspeicher im Dachgeschoß bei starkem Andrang überbeansprucht waren, tropfte das Wasser nur spärlich aus den Brausen – und das „Tröpferlbad“ war geboren.

Da eine Wiener Institution gefälligst auch zumindest ein literarisches oder musikalisches Denkmal zu haben hat, musste natürlich auch dem Tröpferlbad ein solches gebaut werden – in Form des Komikerduos „Pirron & Knapp“ und ihrem Lied vom Tröpferlbad schaffte es das Volksbad in der Nachkriegszeit auf Kabarettbühnen, Schallplatten – und letztlich in das kollektive Gedächtnis der Stadt.


Bäder sperrten zu. Dort verblasste es in den vergangenen Jahren allerdings zunehmend. Wenn auch nicht ganz überraschend, schließlich nahmen immer weniger Menschen die Brausebäder in Anspruch. Übrig blieben ältere Menschen, die immer schon ins Brausebad gingen. Menschen, die daheim kein Fließwasser haben – weil noch keine Dusche eingebaut wurde oder die Therme gerade streikt. Aber auch Arbeiter von auswärts, die vor der Heimfahrt noch ihren Schweiß loswerden wollen. Die breite Masse kommt allerdings nicht mehr. Und so sperrten die Brausebäder schließlich nach und nach zu. Zuletzt wurden Mitte der 2000er Jahre das Volksbad in der Simmeringer Geiselbergstraße, das Ratschkybad in Meidling und das Weisselbad in Floridsdorf geschlossen.

Übrig blieben fünf ursprüngliche Volksbäder, die im Lauf der Jahre mit Saunen aufgerüstet wurden – das Apostelbad im Dritten, das Einsiedlerbad in Margareten, das Hermannbad in Neubau, das Penzinger Bad und das Währinger Bad. In einigen Bädern, etwa dem Amalienbad, dem Floridsdorfer, dem Brigittenauer und dem Jörgerbad sind zumindest noch Brausebadabteilungen untergebracht. Und dann gibt es noch ein einziges reines Brausebad: das Volksbad 16 in Ottakring, das erst 1977 errichtet wurde – im Parterre eines Gemeindebaus. Auch hier kann die Zeit manchmal etwas lang werden. Zumindest dauert es gelegentlich schon eine Zeit lang, bis Bademeister Walter Fraueneder einem Besucher eine Badekarte verkaufen kann. Wenn allerdings Badegäste da sind, dann bleiben sie auch schon einmal länger da als die eine Stunde, für die sie bezahlt haben. Vor allem ältere Menschen, erzählt der Bademeister, kommen auch gerne zum Reden vorbei. Viele von ihnen haben sogar eine Dusche oder eine Badewanne daheim. Aber hier im Brausebad gibt es eben mehr als nur fließendes Wasser. Es gibt auch das eine oder andere Gespräch, so wie früher den Tratsch bei der Bassena am Gang.


Reine Sozialleistung. Hygiene und Gespräche, das ist die Quintessenz der verbliebenen Tröpferlbäder. Und das für einen nur mehr sehr überschaubaren Kundenkreis. Es verwundert nicht, dass damit kein Geschäft zu machen ist. Tatsächlich decken die Einnahmen aus dem Kartenverkauf nicht einmal annähernd die Kosten für die Mitarbeiter. 2,30 Euro kostet eine Stunde, Sozialhilfebezieher und Mobilpassinhaber dürfen die Duschen sogar kostenlos nützen – die MA 44, Wiener Bäder, bekommt dafür von der Stadt eine Ausgleichszahlung. „Es ist eine reine Serviceleistung“, sagt MA-44-Sprecher Martin Kotinsky. Eine Serviceleistung, die einmal eine Institution für die Massen war. Und die heute nur mehr ein kleiner Teil der Menschen in Wien nützen muss. Für sie gibt es sie noch, die Tröpferlbäder, in denen die Zeit manchmal eben sehr lang werden kann.

Brausebäder

Die letzten Duschen
Die Stadt Wien betreibt ein reines Brausebad in Ottakring, fünf Brausebäder mit Sauna und fünf Brausebadabteilungen in städtischen Bädern. Insgesamt wurden diese Bäder im Jahr 2011 von 32.737 Menschen besucht.

Tickets und Service
Erwachsene bezahlen für eine Stunde Duschen 2,30 Euro, für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre ist der Eintritt frei, so wie auch für Sozialhilfeempfänger und Mobilpassinhaber. In einigen Bädern werden auch – privat – Massage und Fitness angeboten.
www.wien.gv.at/freizeit/baeder

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.01.2012)