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Ohne Zentralmatura „wird alles unstressig“

Symbolbild
(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)
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Jubelschreie bei den Schülern, geteilte Meinungen im Konferenzzimmer: Am Wiener Gymnasium Gehringergasse wird die Verschiebung der Zentralmatura mit gemischten Gefühlen aufgenommen.

Wien. In der fünften Einheit betritt Geografielehrer Walter Sperk die sechste Klasse des Gymnasiums Gehringergasse im elften Wiener Gemeindebezirk – kurz nachdem er selbst von der Verschiebung der Zentralmatura erfahren hat. „Ich muss euch etwas verkünden“, sagt er der Klasse. „Zentralmatura! Das wissen wir schon aus dem Internet“, unterbricht ihn eine Schülerin und hält ihr Smartphone hoch. Die anderen Schüler jubeln, doch bald kommen die ersten Fragen: Wie sicher ist die Verschiebung? Ist es wahrscheinlich, dass sich die Schule dagegen entscheidet? Was bedeutet das für den Unterricht? „Ich denke nicht, dass sich die Schule gegen eine Verschiebung entscheidet“, beruhigt Sperk seine Schüler.

Ursprünglich hätte diese sechste Klasse in zwei Jahren als eine der ersten zur Zentralmatura antreten sollen. Das Gymnasium Gehringergasse hat außerdem bereits am Schulversuch zur Mathematik-Zentralmatura teilgenommen – und hat damit gute Erfahrungen gemacht. Die Schüler haben besser als sonst abgeschnitten. Doch trotzdem sind die Schüler der sechsten Klasse begeistert darüber, dass sie doch nicht betroffen sind. „Jetzt wird sicher alles unstressig“, meint eine Schülerin. Denn seit die Lehrer den Unterricht auf die Zentralmatura ausgerichtet haben, sei viel mehr zu tun gewesen. „Die Lehrer wollten so schnell wie möglich alle Themen durchbringen“, erzählt sie. Der einzige Kritikpunkt der Schüler: Die Verschiebung kommt zu spät, denn die sechste Klasse hat bereits mit der Vorbereitung auf die vorwissenschaftliche Arbeit begonnen. „Der Zeitpunkt ist falsch. Wir sind schon in der Mitte der Oberstufe“, beschwert sich ein Klassenkamerad.

 

Lehrer: „Schmied ist nicht verlässlich“

Im Konferenzzimmer steht man der Zentralmatura grundsätzlich positiv gegenüber, was nicht in allen Schulen der Fall ist. Die AHS-Lehrergewerkschaft hatte im Vorfeld mangelnde Vorbereitungen kritisiert und eine Verschiebung gefordert. Ob genau diese Verschiebung sinnvoll ist, darüber sind zumindest die Lehrer in der Gehringergasse nun aber geteilter Meinung. Nicht alle schließen sich der Begeisterung der Schüler an. Einige sind verärgert, weil der vereinbarte Zeitplan vom Unterrichtsministerium nicht eingehalten wurde.

Englischlehrerin Karin Simpson-Parker etwa hat mit der Englisch-Zentralmatura schon gute Erfahrungen gemacht. Die Leistungen ihrer Klasse sind dadurch besser geworden. Die Verschiebung findet sie erstaunlich. „Ich habe gern Verlässlichkeit. Wenn die Zentralmatura von der Ministerin ständig als großer Wurf präsentiert wird, dann soll sie auch kommen.“ Sie habe die Zentralmatura für beschlossene Sache gehalten. „Schmied hat sie doch so vehement verteidigt.“

Auch Sperk ärgert sich über die Verschiebung. „Das ist die größte Veränderung, seit ich Lehrer bin – und ich bin schon sehr lange Lehrer.“ Dass eine solche Veränderung nicht von einem auf den anderen Tag umzusetzen sei, sei ihm klar. „Aber ich würde mich gern auf den Fahrplan verlassen können.“ Für die Organisation der Zentralmatura in der Gehringergasse ist Deutsch- und Musiklehrerin Leonore Donat zuständig. Sie schätzt die Situation anders ein als ihre beiden Kollegen: „Die meisten Lehrer, mit denen ich gesprochen habe, sind sehr erleichtert.“ Die Zentralmatura sei grundsätzlich zu befürworten, doch der Zeitpunkt dafür sei zu früh. „Viele Lehrer waren sehr verunsichert, und dieser Druck überträgt sich auf die Schüler.“ Es sei daher gut, den „Dampf rauszulassen“. Dass die Schule viel Arbeit in die Vorbereitung von Schülern, die nun doch nicht antreten, gesteckt hat, sieht aber keiner der Lehrer als Problem. Es würde nicht schaden, wenn man eine Klasse „probeweise“ vorbereitet hätte, sagt Simpson-Parker. Auch Donat hat damit kein Problem. „Dass die Schüler schon einmal von vorwissenschaftlichem Arbeiten gehört haben, wenn sie auf die Uni kommen, ist sicher kein Fehler.“

 

Kritikpunkt: Unzureichende Vorbereitung

Und egal, ob sie die Matura verschieben wollen oder nicht, in einer Sache sind sich die Lehrer einig: Die Vorbereitung auf die Zentralmatura war unzureichend. „Wir haben die genauen Richtlinien viel zu spät bekommen“, kritisiert Donat. „Eigentlich hätte es bereits Richtlinien geben müssen, als die Schüler, die zum ersten Mal antreten, in die Oberstufe gekommen sind. Wir haben die Richtlinien vergangene Woche bekommen – zwei Jahre zu spät.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2012)