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HR Giger: Durchs weite Land der Totenschädel

Interview. Der Schweizer Surrealist HR Giger über den Tod, das Mädchen und die langweiligen Blumen.

Totenschädel." Bei dem Wort lächelt der Meister, er ist 66, und seine Au gen drehen sich in den Augenhöh len nach oben. "Ich steh auf Totenschädel. Und Knochen. Ich hab einen Haufen Schädel zu Haus. Den ersten hab ich von meinem Vater gekriegt. Ich war fünf. Vieles, was einen beeindruckt, hat man meist früh gesehen, und der Schädel hat mich eben riesig fasziniert: Man steht vor einem Menschen, und über den zu verfügen als Knirps, das ist schon ein Eindruck."

Der schädelverliebte Knirps, 1940 in Chur im Schweizer Kanton Graubünden geboren, hieß Hansruedi Giger. Später nannte er sich HR Giger (dass jemand Hansruedi falsch ausspricht, nervt ihn, dabei sei es simpel: Man spricht es aus, wie man's schreibt, nicht wie "Hansrüdi" oder so). Und er nahm einen echten Totenkopf und sägte und verlängerte und formte ihn und daraus wurde der Entwurf des "Alien" - das Monster, das Ridley Scott 1978 auf verdammte Raumfahrer und die Nerven des Kinopublikums hetzte.

HR Giger spricht nicht mehr gern über die Figur, die ihm 1980 einen "Oscar" eingebracht hat. "Er hat mir zwar sehr geholfen. Ich hätte aber lieber eine Biennale-Ausstellung gehabt. So ein Ding ist nur interessant, wenn man Schauspieler ist."

Also ohne Alien. Aber auch so wirken die Werke Gigers, der in den 60er Jahren nach Zürich zog, Kunst und Industriedesign studierte und heute dort lebt, verstörend: Kalte, fremdartige Gesichter; Körper, wie in schmerzhafter Verrenkung erstarrt und mit industriellen Strukturen verschmolzen; monochrome, alptraumhafte Landschaften, die außerhalb der Zeit zu schweben scheinen; Amalgame aus Schädeln, Knochen, Skorpionen, Rasierklingen, Hörnern und anderen negativ besetzten Dingen, die Angst auslösen - aber nicht die "Teenage Angst", über die Kurt Cobain sang, sondern jenen dauerhaften Alp, der noch im reifen Alter drückt (und wahrscheinlich dann erst recht).

Die "schönen" Künste sahen des Schweizers Irrfahrt auf der dunklen Seite nie gern. Und da er bisweilen mit Teufeln und Pentagrammen hantiert, brandmarken ihn manche als "Antichrist" - eine pauschale Katalogisierung, die er verärgert ablehnt (s. u.).

Wieso er finstere Einfärbigkeit bunten Blumen vorziehe? "Mich hat die ,positive Seite' mit Blumen und dergleichen immer gelangweilt. Paradiesische Zustände sind visuell nicht so interessant. In Museen habe ich nie die Bilder gefunden, wie ich sie wollte, also hab ich sie selber gemacht."

Wo verortet sich der Mann aus dem lieblichen Graubünden, der Klaus Kinski so ähnlich sieht und malt und formt, als käme er aus einem seltsamen Traum? "Im Surrealismus. In der ,Wiener Schule des fantastischen Realismus' mit Leuten wie meinem Freund Ernst Fuchs." Der Stil werde aber kaum noch ernst genommen: "Der Surrealismus ist vorbei. Ich habe gemerkt, wie die Fantasten hier verpönt sind."

Gigers Maschine-Fleisch-Fusionen, der "biomechanische" Stil, inspiriert die Populärkultur, vor allem die Science-Fiction: "Ich sah, wie sich Leute meine Sachen vornahmen und daraus Wunderbares machten. Filme wie ,Matrix' könnten von mir sein. Es ist fantastisch, wenn man bedenkt, dass die Dinge, die man in diesen Filmen sieht, zuvor von jemand anders innerlich gesehen wurden. Das erinnert mich daran, wie limitiert viele andere Menschen denken."

Erweitert denken - konsequenterweise zählte "LSD-Papst" Timothy Leary schon im Zürich der 70er zu Gigers Freunden. "Er schrieb bei zwei meiner Bücher ein Vorwort." Ob Giger auf der Suche nach Visionen verbotenen Kräften vertraute? - Immerhin habe sich auch in Österreich ein bekannter Sänger einen weißen Ferrari durch die Nase fahren lassen.

"Drogen sind verboten - wenn man da was sagt, ist man halt dran (lacht). Aber sehen Sie sich LSD-Erfinder Albert Hofmann an: Der wurde kürzlich 100. Es ist gewaltig, wie der rüstig ist! Er hat selbst viel mit LSD experimentiert, und wenn man so alt wird, kann's doch nicht so schädlich sein?"

Timothy Leary starb 1996. Gigers langjährige Freundin Li Tobler, eine kühle, edle Schönheit, erschoss sich 1975 (ihr Gesicht taucht in Gigers Werk auf). Wie würde er den Tod malen? "Ich tat das für eine Illustrierte: Ein Skelett wie ein Ritter, und ein Mädchen, das wie im Film in mehreren Standbildern abgebildet ist und sich auflöst, transparent wird. Der Tod ist ein interessantes Motiv. Das spielte bei mir immer eine Rolle."

Wieder der Totenkopf. Ob er, Giger, daran denke, dass das eigene Ich in einem solchen drinnensteckt? "Ja. Es gibt da einen anderen Künstler, der malt Totenköpfe. Und man sieht die lebendigen Augen von diesem Künstler, wie sie von innen aus den leeren Augenhöhlen des Schädels herausschauen. Da steckt man wirklich drin wie im Käfig."

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2006)