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Widerstand gegen Schönborns Reform

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Helmut Schüller, Sprecher der Pfarrerinitiative, und Pastoraltheologe Paul Zulehner fürchten den Rückzug der Kirche von der Basis. Sie kündigen Widerstand gegen die für die Erzdiözese Wien geplanten Reformen an.

Wien. „Dagegen werden wir sicher Einspruch erheben. Wir werden notfalls auch dagegen aufstehen.“ Helmut Schüller, Sprecher der Pfarrerinitiative kündigt im Interview mit der „Presse“ Widerstand gegen die Reformpläne seines Erzbischofs an.

Was war geschehen? Kardinal Christoph Schönborn hatte am Vorabend bei einem kurzfristig einberufenen Pressegespräch eine radikale Zusammenlegung der derzeit 660 Pfarren der Erzdiözese Wien (die von Retz bis in die Bucklige Welt reicht) angekündigt. Die personelle Untergrenze für die neuen, weit größeren Pfarren wurde mit drei bis fünf Priestern angesetzt. Das heißt, dass angesichts des fortgesetzten Rückganges der Zahl der Priester hunderte Pfarren innerhalb der nächsten zehn Jahre zusammengelegt werden müssten.

Schüller begründet seinen Widerstand so: „Auf den Rückzug vieler (Katholiken; Anm.) selbst mit einem Rückzug zu antworten, ist kein guter Weg. Wir ziehen uns zurück, statt vor Ort stark zu werden. In einer Kirche der geografischen Großräume werden sich viele verlaufen, viele Kontakte werden verloren gehen, vieles an Nähe und Präsenz wird verloren gehen.“

Die Gemeinschaft der Gläubigen vor Ort sei ein hohes Gut, das in den Reformpapieren der Steuerungsgruppe kaum mehr vorkomme. Überhaupt sei noch vieles offen. Schüller nennt Beispiele: „Welche Aufgaben bleiben den Gemeinden vor Ort? Welche Kompetenzen haben die Kirchenbürger?“ Und alles drehe sich wieder nur um die nicht vorhandenen Priester.

Ob er selbst seine Pfarre Probstdorf in eine größere Pfarre aufgehen lassen wird? Schüllers unmissverständliche Antwort auf die Frage: „Das kann ich mir nicht vorstellen, haben doch unsere Kirchenbürger unendlich viel Herzblut, Zeit und Energie in die Pfarre investiert.“ Gleichzeitig bekräftigt der frühere Generalvikar unter Schönborn seine Forderungen, verheiratete Männer und auch Frauen für das Priesteramt zuzulassen.

Einwände gegen die von Kardinal Schönborn vorgestellte Strukturreform kommen auch vom Pastoraltheologen Paul Zulehner. „Not ist ein Instrument“, sagt der Theologe im „Presse“-Gespräch, „um die Kirchenvision des Zweiten Vatikanischen Konzils zu realisieren.“ Was mit Not gemeint ist, ist unschwer zu erraten: schrumpfende Priesterzahl, schrumpfende Zahl der Gläubigen, schrumpfende Finanzen.

„Filialgemeinde erinnert an Schlecker“

Die für die Erzdiözese Wien geplanten Reformen, so Zulehner, seien daher eine Anpassung an die neuen Bedingungen innerhalb der katholischen Kirche – aber eben auch eine Antwort auf die Notlage. Denn die Reformen hätten auch in „guten Zeiten“ angegangen werden können. Was Zulehner in Bezug auf die Reformen am meisten Sorgen bereite, sei die Zentralisierung der Eucharistie, denn diese sollte dort stattfinden, „wo die Leute als gläubige Gemeinde zusammenleben.“

Wenn die Gläubigen lange Strecken zurücklegen müssten, dann werde die Teilnahme an der sonntäglichen Messe erschwert. Letztlich könne das, so die Befürchtung Zulehners, zu einer Entwöhnung der Gläubigen von der Eucharistie führen. Aus der „katholischen Kirche“ drohe eine „reformierte Kirche“ zu werden. Auch seelsorgerisch habe die Strukturreform Auswirkungen: „Die Kirche entfernt sich stark aus der Basis“, so Zulehner. Die Folge: Gläubige bekommen das Gefühl, dass die Kirche sie im Stich lasse. Daher sollte man daran arbeiten, ein starkes, gemeinschaftliches Bewusstsein in den neu zu gründenden „Filialgemeinden“ zu erwirken. Wobei, so Zulehner: „Das Wort Filialgemeinde erinnert mich eher an Schlecker.“

Auf einen Blick

Kirchenreform. Kardinal Christoph Schönborn hat Mittwochabend völlig überraschend einen Großumbau seiner Erzdiözese Wien angekündigt. Pfarren sollen ab 2013 in großem Stil zusammengelegt werden. Mindestens drei bis fünf Priester sollen in einer Pfarre (gemeinsam) wohnen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)