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Triumphierende Kommunistin, die nicht Bürgermeisterin sein will

c APA MARKUS LEODOLTER MARKUS LEODOLTER
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KPÖ-Spitzenkandidatin Elke Kahr war am Sonntag die Frau des (Wahl)Tages. Die Grünen sähen sie sogar gern als neue Bürgermeisterin.

Graz. Die ÖVP versuchte im Endspurt des Grazer Wahlkampfs, mit dem Schreckgespenst einer KPÖ-Bürgermeisterin ihre Wähler zu mobilisieren. Zum kolportierten Chaos wird es aber nicht kommen. Denn Elke Kahr wollte gar nie Stadtchefin werden. Auch wenn unter ihrer Ägide an diesem Sonntag die KPÖ zur zweitstärksten Partei katapultiert wurde.

Wenige Tage vor der Grazer Gemeinderatswahl war die Nervosität bei der Bürgermeister-Partei ÖVP deutlich spürbar. Ob der prognostiziert niedrigen Wahlbeteiligung wurde versucht, die bürgerlichen Wähler via Schreckgespenst KPÖ in die Wahllokale zu locken. Auf einer parteieigenen Publikation wurde mit „Das Chaos droht“ getitelt. Bis zu 20 Prozent sagten Umfragen den Kommunisten und ihrer Stadtchefin Elke Kahr voraus. Genug, um theoretisch eine Koalition aus Kommunisten, SPÖ und den Grünen zu zimmern.

Kahr schüttelt ob ihres kolportierten Sprungs an die Spitze der Stadtregierung im Gespräch mit der „Presse“ den Kopf. Über mögliche Koalitionen habe sie sich keine Gedanken gemacht. Auch die Aussage von Vizebürgermeisterin Lisa Rücker, sie würde Kahr als Bürgermeisterin wählen, tat die Beehrte mit dem Wort „Wahlkampfgetöse“ ab. „Eine fixe Koalition steht nicht zur Debatte“, sagte Kahr wenige Tage vor dem Grazer Urnengang. Auch am Sonntag hielt sie sich anfangs mit Ankündigungen noch zurück. Übertreibung ist die Sache der 51-Jährigen nicht.

 

Das Wohnen, der Schlüssel zum Erfolg

Das dürfte auch ein Schlüssel zum Erfolg der Grazer KPÖ sein. Während die Kommunisten bundesweit lediglich unter ferner liefen zu finden sind, hat die Grazer KPÖ seit Jahren eine prozentuelle Zustimmung erfahren, die Mitgestaltung möglich macht. Nach dem Abgang von Ernest Kaltenegger und dessen 20,2 Prozent im Jahr 2003 hat Elke Kahr 2008 zwar „nur“ 11,18 Prozent eingefahren, konnte den Stadtsenatssitz für Wohnbau und damit für ein zentrales KPÖ-Thema aber verteidigen.

Elke Kahr bezeichnet sich und ihre Partei als berechenbar. „Du musst täglich beweisen, dass die Menschen einen Nutzen von dir haben.“ Die Nützlichkeit ziehen KPÖ und Kahr aus ihrem jahrelangen Engagement im Wohnressort. Den Vorwurf, immer nur auf dasselbe Thema zu setzen, lässt sie nicht gelten. „Man wird von den Leuten an dem gemessen, wofür man selbst verantwortlich ist. Und wir sind nun einmal für das Wohnen zuständig.“ Kahr forderte seit Jahren die Einführung der Sozialcard. Es war ihr erster Dringlichkeitsantrag im Gemeinderat im Jahr 1993. 2012 wurde die Unterstützung für sozial schwache Bürger parteiübergreifend beschlossen.

 

Differenzen mit der Bundes-KPÖ

Die Türen ihres Büros im Grazer Rathaus sind ständig geöffnet, jeder Bürger kann mit seinen Problemen kommen. Zudem spenden KPÖ-Mandatare monatlich jenen Teil ihres Gehalts, der über 2000 Euro liegt. „Helfen statt reden“ ist nicht erst seit diesem Wahlkampf der Slogan der KPÖ.

Elke Kahr wurde 1961 in Graz geboren. Sie ist ein Partei-Urgestein, schon 1983 ist sie der KPÖ beigetreten. Seit mehr als 20 Jahren lebt sie mit Franz Stephan Parteder, dem ehemaligen Parteichef der KPÖ Steiermark, und ist Mutter eines Sohnes. Vor ihrer politischen Karriere war Kahr Sekretärin in der Kontrollbank AG.

Zwischenzeitlich war Kahr stellvertretende Bundesvorsitzende der KPÖ, doch mit der Bundesspitze haben sich die Grazer schon länger überworfen. Kahr spricht nun von einer friedlichen Koexistenz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.11.2012)