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Berlinale: Renaissancemensch in der Lederschwulenbar

Renaissancemensch Lederschwulenbar
(c) Berlinale
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Hollywoodstar James Franco drückt den Filmfestspielen seinen Stempel auf: Mit einer Ausstellung und drei Filmen - darunter eine Rekonstruktion der angeblich verlorenen Hardcore-Sexszenen aus "Cruising" mit Al Pacino.

Eigentlich muss man länger darüber nachdenken, was James Franco nicht ist, als darüber, was er ist: Autor, Produzent, Regisseur, Maler, Dichter und Performancekünstler. Früher hätte man ihn einen Renaissancemenschen genannt, heute heißt man ihn vulgär-prosaisch einen Star. Fest steht jedenfalls: James Franco drückt der heurigen Berlinale seinen Stempel auf wie kein anderer anwesender Filmkünstler. Die Stadt und der Star, sie gelten beide als weltoffen und beweglich, irgendwie zwischen den Zeiten hockend und gerade deswegen vielen anderen ein gutes Stück voraus. Sie passen zueinander. Bei einem Pressegespräch gab Franco dann auch zu Protokoll, dass er die Kunstszene Berlins erforschen will: Inwieweit ihm, also einem, der so bekannt ist, dass ihm alles hergerichtet wird, das gelingen kann, sei dahingestellt.

Tatsache ist aber auch, dass er auf der Berlinale noch vielen anderen weniger entspannenden Tätigkeiten nachzugehen hatte: Satte drei Produktionen mit oder von James Franco laufen auf dem größten Publikumsfestival der Welt. Und alle zeigen sie einen Schauspieler auf der Höhe seiner Kunst, jedoch eingebaut in grundverschiedene Erzählbewegungen. Im medialen Zentrum stand zweifelsohne ein einstündiges Essay, das bereits bei seiner Weltpremiere vor wenigen Wochen für Aufsehen gesorgt hatte: „Interior. Leather Bar“ ist eine filmarchäologische Expedition zu einem lange Zeit verhassten Zentralfilm der frühen 1980er. William Friedkins „Cruising“ zeigte Al Pacino als Undercover-Cop, der sich in die Lederschwulenszene einschleusen lässt, um einen dort umtriebigen Serienmörder zu fassen.

 

Sexuelle Ambivalenz als Markenzeichen

Seit der Uraufführung wurde gemunkelt, Friedkin habe, um den Film überhaupt in die Kinos bringen zu können, insgesamt 40 Minuten Material, darunter auch etliche Hardcore-Szenen, aus dem Film entfernt.

Ausgehend von dieser nicht authentifizierten Anekdote inszenieren James Franco und Travis Matthews die verlorenen Szenen nach. Gleichzeitig will und muss „Interior. Leather Bar“ auch reflektieren, wieso alternative Formen von Sexualität und im Besonderen der schwule Sex im Kino selbst 30 Jahre nach „Cruising“ immer noch tabuisiert sind. Die schnörkellose Arbeit scheitert letztendlich an den eigenen zu hohen Ansprüchen, ist aber dennoch ein Schlüsselwerk im zwischen Kunst und Kommerz oszillierenden Schaffen des furchtlosen Gesamtkünstlers James Franco.

Wie kein zweiter Kinokreativer seiner Generation deutet er die von Imageberatern gefürchtete sexuelle Ambivalenz zum Markenzeichen um und stellt sie ins Zentrum seiner künstlerischen Identität, von der die Filmarbeit nur ein Teil ist. In der Berliner Galerie Peres Projects hat Franco letztes Wochenende seine Einzelausstellung „Gay Town“ eröffnet: Collagen, übermalte Fotografien und Ölgemälde setzen sich vielschichtig und verspielt mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung Francos auseinander. Ein weißes, auf einer Leinwand befestigtes T-Shirt zeigt etwa, wie sich Batman und Robin küssen. Darunter steht: „Dark Knight“. Darunter: „That's so gay!“, also – Das ist so schwul! Nebenan hängen Plastikbrüste und ein Scherzartikel zum Messen der Penisdicke.

 

Franco spielt sich selbst – und Hugh Hefner

Zur Kunstszene pflegt Franco schon lange regen Kontakt: Auf der Berlinale ist auch das bemühte Drama „Maladies“ zu sehen, inszeniert vom New Yorker Künstler Carter. Darin spielt der Schauspieler sich selbst, schüttet seine Gedanken in Monologform auf das Publikum. Eitles Experiment oder avantgardistische Selbstfindungsreise? Identität, so legt das autogene Schaffen James Francos jedenfalls nahe, ist für ihn etwas Fließendes, Konstruiertes, Fiktives, ganz wie das Kino selbst. Ob diese Interpretation zu verstiegen ist? Vermutlich.

Definitive Antworten erhält man von James Franco ohnehin nicht. Sein dritter Berlinale-Filme heißt übrigens „Lovelace“: Darin spielt er den jungen Hugh Hefner. [Reuters]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2013)