Was die Stimme über den Politiker verrät

Stimme ueber Politiker verraet
Hofmann Lochau(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Werner Faymann, der Kindliche. Maria Fekter, die Sirene. Michael Häupl, der Authentische. Das Sprachorgan kann Wahlen entscheiden. Doch viele Politiker sind mit ihrer Stimme nicht im Einklang.

Die Vorstellung von einem Wahlkampf, in dem Barack Obama gegen Michael Häupl antritt, hat etwas Amüsant-Skurriles: Pathos und Überzeugungskraft träfen auf die tendenziell grantlerische Wiener Stammtischphilosophie. Dort ein „Yes we can“ – hier Sätze wie: „Ich brauche keine Meinungsumfrage, ich geh ins Wirtshaus.“

Und doch haben der US-amerikanische Präsident und der Wiener Bürgermeister mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick meinen möchte. Beide sind im Einklang mit ihrer Stimme. Sie verkörpern geradezu die Inhalte und Befindlichkeiten, die sie transportieren (wollen). Das ist mutig – und schafft Publikum. Man hört ihnen einfach zu.

Ähnlich wie Obama spreche Häupl mit dem ganzen Körper, er sei locker und habe eine gute Wortmelodie, sagen die Stimmexperten Gunda Hofmann und Karsten Lochau, die gemeinsam die Sprachschule „Stimme und Sprechen Wien“ führen. Kurzum: Obama und Häupl sind authentisch, wenn sie reden. Und das ist ein nicht zu unterschätzender Erfolgsfaktor in der Politik.

Denn bei den meisten Volksvertretern ist die Stimme, wie es im Fachjargon heißt, „verschüttet“. Bedeutet: Die Resonanzräume, die jeder Mensch hat, sind verschlossen. Die Stimme klingt dann nicht – wie ein Instrument – in den Körper hinein, sondern so, als wäre sie von der Person entkoppelt worden. In der Politik kann das fatale Folgen haben: Die Botschaft kommt nicht an, weil der Zuhörer entweder gelangweilt aussteigt oder dem Redner nicht glaubt, dass er tatsächlich meint, was er sagt.

Anzeichen für eine unterdrückte Stimme gibt es beispielsweise bei Doris Bures. Die Worte blieben im Hals stecken, die Verkehrsministerin klinge monoton und verhalten, analysiert Hofmann. „Deshalb wirkt sie weniger kompetent, als sie wahrscheinlich ist.“ Auch Maria Fekter mangelt es an Überzeugungskraft. Wenn die Finanzministerin etwas behaupte, werde ihre Stimme „scharf und schrill wie eine Sirene“. Damit erreiche sie das Gegenteil dessen, was sie will: „Fekter wird unpersönlich und damit unglaubwürdig.“

Wer nach den Ursachen für Stimmblockaden forscht, landet schnell in der Psychologie. Ausschlaggebend ist fast immer die Lebensgeschichte, denn der Mensch passt auch seine Tonlage den Anforderungen der Umwelt an. Vielleicht wurde der damals Siebenjährige im Schulchor für seine laute Stimme gemaßregelt. Das eingeschüchterte Kind verstellt sich – und nimmt diesen Habitus ins Erwachsenenleben mit.

Werner Faymann hat sich in seinen mittlerweile viereinhalb Kanzlerjahren zumindest rhetorisch stark verbessert. „Aber stimmlich hat er ein Problem“, meint Hofmann. „Er wirkt sehr kindlich.“ Generell sei Faymanns Auftreten aber „in Ordnung“, weil er in der Lage sei, flüssig zu sprechen. Für Michael Spindelegger gilt das eher nicht. Der Vizekanzler rede abgehackt, weil er die Sache in den Vordergrund und seine Persönlichkeit in den Hintergrund schiebe. „Das klingt ein bisschen künstlich, als spräche er einen Werbeslogan.“

Die gute Nachricht ist: Man kann etwas dagegen unternehmen. Profis – Schauspieler oder Sänger zum Beispiel – überzeugen sprachlich auch an jenen Tagen, an denen sie vielleicht traurig sind. Den meisten Politikern gelänge das mangels Stimmausbildung nicht, und das sei schade, meint Lochau. Zumal auch sie einen Sprechberuf hätten: „Sie sollten den Menschen verständlich erklären können, was sie vorhaben.“

Strache schluckt, wenn er täuscht. Dass komplexe Themen wie die Berechnung des Pensionskontos dem Wähler auch vom besten Redner nicht hinreichend nähergebracht werden könnten, sei eine Mär. „Man kann alles interessant machen“, sagt der Stimmtrainer und erzählt die Geschichte von Robert de Niros deutschem Synchronsprecher Christian Brückner, der einmal aus einem Telefonbuch vorgelesen hat. Das Ergebnis war verblüffend: „Die Hörerschaft konnte gar nicht genug bekommen von Namen und Nummern, weil Brückner eine so schöne Stimme hat.“

Ein anderes Missverständnis lautet: Oppositionspolitiker müssen aggressiv sein, um Gehör zu finden. Heinz-Christian Strache etwa spreche die Menschen nicht direkt an, sondern „drüber, drüber, drüber“ – obwohl seine Stimme „eigentlich okay ist“, wie Lochau findet. Auffällig ist außerdem, dass der FPÖ-Chef in manchen Momenten heftig zu schlucken beginnt. „Da stimmt etwas nicht.“ Täuscht er dann? „Keine Ahnung. Aber Menschen, die authentisch sind, passiert so etwas nicht.“

Generell gilt beim Reden: Weniger ist mehr. Aufmerksamkeit erlangt nur, wer die Lautstärke zurückdreht. Offensiv darf, ja soll man sogar sein, aber nie aggressiv. Diese Grenze überschreitet mitunter auch Eva Glawischnig. Hofmann bescheinigt der Grünen-Chefin eine ambivalente Performance: „Wenn sie über Privates spricht, bleibt ihre Stimme weich, dann ist sie gut.“ In der politischen Debatte vergesse Glawischnig allerdings oft auf die Atmung, werde hektisch und laut. Automatisch schlüpfe sie damit in die Verteidigerrolle.

Möglicherweise lässt sich das auch gesellschaftspolitisch begründen. Nicht nur, aber vor allem in Männerdomänen wie der Politik haben es Frauen schwerer. Viele erliegen dem Irrglauben, die Kollegen übertönen zu müssen, um sich durchsetzen zu können. Die Folge? „Sie werden unlocker.“ Dabei zeige Maria Vassilakou vor, wie es geht, meint Hofmann. Die Wiener Vizebürgermeisterin „redet ganz klar, wird dabei nie aggressiv und ist deshalb überzeugend“.

Obama sagt es einfach. Dass eine einzige Stimme Machtverhältnisse verschieben (oder einzementieren) kann, ist mehrfach bewiesen. Inwieweit auch das Sprachorgan Stimme eine Wahl zu entscheiden vermag, bleibt weitgehend Mutmaßung. Man muss allerdings kein Demoskop sein, um behaupten zu können, dass ein guter Redner eher gewählt wird. „Es reicht nicht, inhaltlich ausgezeichnet zu sein“, meint auch Lochau.

Zumal politische Inhalte nur dann beim Adressaten ankommen, wenn zuvor eine Atmosphäre geschaffen wurde. Und das geht nur über Emotionen. Barack Obama ist bekanntlich ein Meister dieser Disziplin. Er geht auf die Bühne und sagt es einfach: „I feel good.“

Es wäre jedoch falsch, würden Werner Faymann und Michael Spindelegger wie Obama klingen wollen. Der Versuch wäre zum Scheitern verurteilt, weil die beiden völlig andere Typen sind. Oder, ein anderes Gedankenexperiment: Man stelle sich vor, Michael Häupl spricht plötzlich Hochdeutsch. Wer würde ihn dann noch wählen?

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2013)