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Wie antisemitisch sind die Ungarn wirklich?

(c) REUTERS (LASZLO BALOGH)

Die rechtsradikale Jobbik öffnete Schleusen für den Antisemitismus. Der Jüdische Weltkongress ist besorgt. Doch Juden in Budapest wiegeln ab.

Auf die Frage, ob der Antisemitismus in Ungarn zunehme, hebt der jüdische Maler Mucius verdutzt die Augenbrauen. Nach einigem Nachdenken erzählt er einen Witz. „Kommt ein ausländischer Journalist in ein Dorf, wo ihm zwei Bauern über den Weg laufen. Danach gefragt, ob es in Ungarn Antisemitismus gebe, antworten sie mit Nein, um sofort hinzuzufügen: Aber wenn es Nachfrage danach gibt, dann schon!”

Für Mucius, der im Budapester Judenviertel zwei Galerien betreibt, verhält es sich heute nicht viel anders. Das ganze „Antisemitismus-Geschwätz” werde von den Medien doch nur hochgeschaukelt, sagt er. Die Geschäftsführerin der ebenfalls im jüdischen Viertel liegenden, koscheren Konditorei Fröhlich, Éva Zádor, sieht die Sache ähnlich. „Antisemitismus? Ach was!” In ihren Augen werde das „in Politik und Medien künstlich geschürt“. Sie habe jedenfalls noch keine antisemitischen Anpöbelungen erlebt. „Ansonsten heiße ich jeden Antisemiten zu einem Plauderstündchen willkommen. Ich möchte ihnen ein paar Geschichten erzählen.“

Offenheit ist auch für den Rabbiner der Israelitischen Glaubensgemeinschaft in Ungarn, Slomó Köves, das Zauberwort. Er betont, dass der größte Feind der Juden die „Unwissenheit“ sei. „Wir müssen auf die Leute zugehen, damit sie uns kennenlernen“, sagt er. Der Rabbi erzählt, dass seine Vereinigung beim Musikfestival Sziget mit einem Zelt vertreten gewesen sei. Einmal habe sogar ein Skinhead das Zelt besucht. „Zu unserer Überraschung hat er gesagt, dass wir eigentlich coole Typen seien.“

Hunderttausend Juden leben heute in Budapest, wo auch die größte Synagoge Europas steht. Vor dem Krieg waren es viel mehr. 1944 wurden in nur wenigen Monaten mehr als 430.000 Juden nach Auschwitz und in andere Konzentrationslager deportiert.

Der Antisemitismus überlebte, auch in der kommunistischen Ära. Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, ist alarmiert. Ungarn befinde sich unter der nationalkonservativen Regierung von Viktor Orbán auf einem „gefährlichen Irrweg“. Unter den Magyaren greife der Antisemitismus immer mehr um sich. Für Lauder war das Grund genug, um die heute beginnende Vollversammlung des Jüdischen Weltkongresses (WJC) in Budapest abzuhalten, sozusagen als erhobenen Zeigefinger des Weltjudentums gegen den Antisemitismus in Ungarn.

Wie zur Bestätigung seiner Diagnose hielten am Samstag mehrere hundert Menschen, vor allem Anhänger der rechtsextremen Partei Jobbik, eine „antizionistische Kundgebung“ in Budapest ab, aus Anlass der WJC-Tagung.

Ungarns Außenminister János Martonyi konterte Lauders Vorwürfe indes. Die Regierung Orbán gehe entschieden gegen rassistische und antisemitische Tendenzen vor. Sie sei es auch gewesen, die per Gesetz dafür gesorgt habe, dass uniformierte rechtsradikale Gruppierungen, zumal die „Ungarische Garde“, jetzt nicht mehr „ungehindert herummarschieren und Angst verbreiten“ können, sagte Martonyi. Mehr noch: Die Regierung habe im Zuge der jüngsten Verfassungsänderung die rechtliche Möglichkeit gestärkt, „gegen rassistische und antisemitische Parolen“ aufzutreten. Das sei von der jüdischen Gemeinde auch begrüßt worden.

Die klaren Worte Martonyis waren offenbar an die Adresse jener Kritiker der Regierung Orbán gerichtet, die dieser vorwerfen, dem Antisemitismus in Ungarn Vorschub zu leisten. Orbán selbst zeigte sich angesichts des immer wieder gegen ihn vorgebrachten Antisemitismusvorwurfs geknickt. Im Interview mit der israelischen Zeitung „Jediot Ahronot“ sagte er vor wenigen Tagen, dass ihn der Vorwurf „ins Herz getroffen“ und „wehgetan“ habe.


Nicht mit Jobbik. Als „echter Christ“ sei für ihn alles unerträglich, was der „menschlichen Freiheit und Würde“ entgegenstehe. Diesbezüglich bezeichnete Orbán die antisemitische Partei Jobbik, die bei der Parlamentswahl 2010 knapp 17 Prozent der Stimmen erlangen konnte, als „wachsende Gefahr“. Der ungarische Premier schloss in dem Interview denn auch unmissverständlich aus, jemals mit Jobbik zu kooperieren oder gar eine Koalition einzugehen. Orbán wurde in der Vergangenheit wiederholt vorgeworfen, er mache Zugeständnisse an die radikale Rechte. Wohl mit der Absicht, seine Kritiker endlich zum Schweigen zu bringen, wird Orbán heute auch eine Rede vor der Vollversammlung des Jüdischen Weltkongresses halten. Wie im Vorfeld zu erfahren war, will er das jüdische Forum dazu nutzen, um sich in aller Deutlichkeit vom Antisemitismus zu distanzieren.

Dass Orbán und die Regierungspartei Fidesz mit Antisemitismus in Verbindung gebracht werden, hat mehrere Gründe. Zum einen hat die Regierung etliche antisemitische Schriftsteller der Zwischenkriegszeit in den Nationalen Grundlehrplan als „empfohlene“ Autoren aufgenommen. Orbán-Intimus und Parlamentspräsident László Kövér nahm 2012 sogar an einer Gedenkfeier für einen nazistischen Schreiberling (József Nyírö) teil. Zum anderen ist da die halbherzige Abgrenzung der Regierung vom Fidesz-Mitbegründer und heutigen Zeitungskommentator Zsolt Bayer. Dieser schlug mehrfach antisemitische und romafeindliche Töne an, ohne ernsthafte Konsequenz.


Nase gebrochen.
Auch der jüngste Vorfall um Ferenc Orosz, dem Vorsitzenden der Raoul-Wallenberg-Gesellschaft, kam der Regierung in ihrem Bestreben, sich vom Antisemitismus reinzuwaschen, höchst ungelegen. Orosz wurde vor Kurzem bei einem Fußballspiel von antisemitischen Fans die Nase gebrochen. Wie Orosz selbst berichtete, hatte er während des Spiels einige Anhänger aufgefordert, ihre „Sieg Heil“-Chöre zu beenden. Darauf hätten sie ihm mit der Faust ins Gesicht geschlagen und ihn als „jüdischen Kommunisten“ beschimpft.

Doch wie verbreitet ist der Antisemitismus in Ungarn tatsächlich? Der Politologe Péter Krekó verweist darauf, dass „alle relevanten wissenschaftlichen Studien“ der letzten Jahre auf einen wachsenden Antisemitismus hindeuten. Krekó führt diese Tendenz auf Jobbik zurück. Die Partei habe Ende der Nullerjahre Roma-Hetze und Antisemitismus in den öffentlichen Diskurs gebracht. Damit seien in Ungarn zwei „gesellschaftliche Tabuthemen“ mit einem Schlag salonfähig geworden.

Der Politologe erklärt, dass sich der Antisemitismus in Ungarn nicht zuletzt in Verschwörungstheorien manifestiere. „Mithilfe von Verschwörungstheorien können wir die Sichtweise aufrechterhalten, dass nur die bösen anderen dafür verantwortlich sind, dass den guten Menschen Schlimmes widerfährt.“ Laut Krekó gibt es in Ungarn „praktisch kein negatives gesellschaftliches und politisches Ereignis von großer Tragweite, das nicht auf Verschwörungen zurückgeführt wird, hinter denen entweder Israel oder allgemein die Juden stehen.“

Eine im Vorjahr veröffentlichte Studie der US-amerikanischen Anti-Diffamierungs-Liga (ADL) bestätigt die Erkenntnisse Krekós. Laut ADL sind mehr als 70 Prozent der Ungarn der Meinung, dass die Juden zu viel Einfluss auf das Geschäftsleben und die internationalen Finanzmärkte haben. Ein klassisches antisemitisches Stereotyp. Manche ungarischen Juden wie der Maler Mucius haben sich offenbar an diese Atmosphäre gewöhnt – andere nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2013)