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Papst-Segen für die Armen Rios

PapstSegen fuer Armen Rios
Papst(c) EPA (SEBASTIANO MOREIRA)
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Begeistert wird Franziskus in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro aufgenommen, wo er zum "Kampf gegen Ungleichheit" aufruft. Die chaotische Organisation des Besuches stört die Pilger nicht im Geringsten.

Es gießt, ist kühl, windig und grau, die Wolken hängen einem im Nacken. So ist es seit Tagen, wenn der Papst irgendwo in der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro erscheint. So war es am Donnerstag, als Franziskus Varginha, einer Gemeinde am Rande des Favelakomplexes Manguinhos, einen Besuch abstattete.

Unter normalen Umständen wäre das keine Zeile wert (so ist das manchmal im subtropischen Winter), doch jetzt hat der Dauerregen sogar den Ablauf des seit Jahren geplanten Weltjugendtages durcheinander gebracht: Kurzerhand hat das Rathaus die für Sonntag geplante Abschlussmesse verlegt. Statt auf dem 50 Kilometer vor der Stadt gelegenen „Glaubensfeld“ soll sie am Strand der Copacabana stattfinden. Der Campus Fidei, eine riesige Brache beim Ort Guaratiba, gleicht einem Schlammloch.

Dabei hatten Kritiker genau vor dieser Situation gewarnt, stießen aber bei den Regierenden auf taube Ohren. Ihre Schwerhörigkeit mag auch damit zu tun gehabt haben, dass einer der Besitzer der zwei Millionen Quadratmeter großen Fläche einer der mächtigsten Transportunternehmer Rios ist und fest zum Filz der Stadt gehört. Jacob Barata Filho plante nach dem Abzug der Pilger vom „Glaubensfeld“ die Errichtung einer Wohnsiedlung – und hatte nichts gegen die Planierung der Fläche auf Staatskosten.

Für den Schlamassel können natürlich weder Papst noch Pilger etwas – aber dass diese Stadt teuer ist, sich aber nicht unbedingt teuer verkauft, haben auch sie bereits feststellen müssen. Erst verfuhr sich der Fahrer des päpstlichen Kleinwagens auf dem Weg vom Flughafen ins Zentrum und manövrierte den Pontifex in eine Menge begeisterter Pilger. Am nächsten Tag sorgte ein Stromausfall ausgerechnet kurz vor der Eröffnungsmesse an der Copacabana für den Totalstillstand der beiden Metro-Linien. Zwei Stunden lang ging gar nichts. Die Busse waren überfüllt, die Signalisierungen auf den Straßen unzureichend, Taxifahrer nahmen unverschämte Preise, und vor den Klos bildeten sich Schlangen, weil die katholische Jugend nicht auf die Straße pinkelt, wie hier bei Karneval und Fußballspielen üblich.

 

„Rio macht sich lächerlich“

Wie wird nun die Abschlussveranstaltung am Sonntag an der Copacabana ablaufen? Einen Vorgeschmack gab es Donnerstagabend, als der Papst von der riesigen Bühne am Strand zu einer Million Gläubigen sprach. Da stand man sich bereits im nassen Sand auf den Füßen, und wie bei einem Rockkonzert wurden Ohnmächtige aus der Menge gezogen. Eine Zeitung titelte: „Rio macht sich lächerlich.“ All das gesagt, muss festgestellt werden, dass die Besucher des Jugendtages eine stoische Freude an den Tag legen. Wann immer sie sich an ihren bunten Rucksäcken begegnen, wird gelacht, gesungen, gebetet. Franziskus wiederum tritt den Pilgern locker entgegen und ruft ihnen zu: „Ich habe gehört, dass die Bewohner Rios Regen und Kälte nicht ausstehen können. Euer Glaube ist stärker als Regen und Kälte.“

Die Brasilienreise vom ersten Lateinamerikaner und Nicht-Europäer im Papstamt war mit hohen Erwartungen verknüpft worden. Die einen erhofften sich vom Argentinier eine Stärkung der katholischen Kirche gegenüber den stark wachsenden evangelikalen Kirchen. Die anderen erwarteten klare Worte zur ungerechten Verteilung des Reichtums. Ebenso wollte man in Franziskus den Verbündeten der jungen Demonstranten sehen, die seit Anfang Juni gegen die korrupte Elite auf die Straße gehen.

Der Papst ist aber nicht so leicht einzuordnen. So haben sich die Hoffnungen der Homosexuellen auf eine tolerante Haltung zerschlagen: In einem „Bioethischen Handbuch“, das an Pilger verteilt wurde, wird die Homo-Ehe verurteilt. Pikantes Detail: Vor wenigen Monaten ließ Brasilien die gleichgeschlechtliche Ehe zu.

In Varginha ist Rayana Mayara hingegen verzückt. Die 18-Jährige wiegt im Regen ihren Säugling Ryan auf dem Arm. Ein paar Augenblicke zuvor war der Papst um die Ecke gekommen und hatte den Säugling spontan gesegnet. Nun steht Rayana für fünf Minuten im TV-Rampenlicht. Rayana schmiss mit 14 Jahren die Schule, mit 16 bekam sie ihren ersten Sohn. Eigentlich sei sie keine Katholikin, sondern besuche die evangelikale Kirche. Franziskus hört das nicht mehr, er ist mit seinem Gefolge aus Bischöfen und Sicherheitsleuten unter einem weißen Regenschirm die Hauptstraße schon weiter hinuntergelaufen. Einmal macht er vor einem winzigen Haus Halt und schüttelt der 82-Jährigen Bewohnerin die Hand. In Erwartung des Papstes hat sie Kuchen und Kaffee vorbereitet, aber Franziskus will nicht bleiben, er küsst ihr nur die Hand.

 

Ein Bild der Ökumene zwischen Rivalen

Den nächsten Stopp macht Franziskus vor dem Gemeindehaus der größten evangelikalen Kirche in Varginha. Auf den Stufen des dreistöckigen Gebäudes wartet Prediger Eliel da Silva im Kreise seiner Anhänger. Er schüttelt Franziskus freundschaftlich die Hand – ein Bild der Ökumene zwischen zwei rivalisierenden Glaubensrichtungen.

Schließlich betritt Franziskus den matschigen Fußballplatz, wo fünftausend Menschen warten. Von einer Bühne herab spricht er über die Solidarität der Reichen mit den Armen. „Ich appelliere an alle, die mehr besitzen“, sagt er: „Niemand darf gleichgültig vor der Ungleichheit sein, die immer noch auf der Welt existiert.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2013)