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Wie die Welt Österreich wahrnimmt

Dirndl und Hüttengaudi
Dirndl und HüttengaudiREUTERS
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Für die Tschechen sind Österreicher schlampige Deutsche, für die Deutschen haben wir einen putzigen Hüttengaudi-Akzent, und für Chinesen ist Österreich so etwas wie eine Menge Mozarts am Hallstättersee.

Córdoba, Piefke-Saga, die Reblaus und die Pickelhaube: Um das Verhältnis der Deutschen zu den Österreichern ranken sich zahlreiche humorige, aber halb gare Klischees. Ein Versuch, zu den schlichten Wahrheiten des Jahres 2013 vorzustoßen, wirkt zwangsweise ein wenig ernüchternd. Versuchen wir es trotzdem: Grenznahe Süddeutsche aus Oberbayern oder dem Allgäu kennen Österreich viel zu gut, um in der Einschätzung ihrer Nachbarn stark danebenzuliegen. Und die meisten Mittel- und Norddeutschen, man muss es so sagen, kennen uns kaum.

Der Gedanke an Österreich weckt bei ihnen allenfalls ein paar angenehme Erinnerungen an ein Wochenende im schönen Wien oder die Hüttengaudi beim Skiurlaub. Was sich beim kleinen Nachbarn jenseits der geschickt drapierten Ferienkulisse sonst noch tut, wird spätestens seit Jörg Haiders Tod auch in gewöhnlich informierten Kreisen nur sehr peripher wahrgenommen.

Ein Beispiel: Die Volksbefragung über die Wehrpflicht, der hierzulande viele Monate erbitterter Debatten vorangingen, interessierte jenseits des Walserbergs annähernd niemanden. Nur die ungebrochene politische Stärke der Rechtspopulisten ist breiter bekannt, schafft Unbehagen und Unverständnis – aber auch das nur in bildungsbürgerlichen Kreisen.

Die Nichtbeachtung verschafft uns Vorteile: Was man kaum kennt, dem bringt man Wohlwollen als Vorschuss entgegen. Gern und oft hören wir Österreicher fern der Heimat, was für einen putzigen Akzent wir doch haben (wobei kaum jemand in der Lage ist, zwischen den für unsere Ohren so verschiedenen Dialekten zu unterscheiden). Hoch im Kurs steht immer noch das traditionsreiche „Schnitzel Wiener Art“. Aber dass es „Ösis“ waren, die Red Bull mit knallhartem Marketing an die weltweite Spitze der energiespendenden Zuckerwasser geboxt haben, das traut uns kaum jemand zu.

Was soll's, man mag uns – und viele Deutsche verbinden ihre Sympathiebezeugungen mit dem wehmütigen Bedauern, dass ihre Liebe von uns nicht erwidert werde. Sie haderten ja viel zu lange damit, in aller Welt unbeliebt zu sein – was sich immer mehr als Phantomschmerz erweist. Wenn ein Nachbar- und Brudervolk im einigermaßen deutschsprachigen Ausland bei internationalen Fußballturnieren nicht für die deutsche Nationalelf, sondern demonstrativ für deren Gegner jubelt, betrübt sie das aufrichtig.

Höflichkeit weckt Skepsis.
Wir beteuern, dass wir uns längst schon mit Poldi und Schweini freuen, wenn sie nicht gerade gegen uns Tore schießen. Dass unsere Landsleute allfällige Aversionen massiv abgebaut haben, vor allem infolge der vielen netten deutschen Studenten in unseren Städten. Das nehmen unsere Gesprächspartner ebenso dankbar wie skeptisch zur Kenntnis. Sie vermuten dahinter eine typisch österreichische Höflichkeit, für die wir Abstriche beim Wahrheitsgehalt unserer Aussagen machen – ganz anders als sie selbst, die tendenziell schroffen, aber geradlinigen Deutschen.

Aber wir meinen es ausnahmsweise ehrlich und ernst. Es ist ein Faktum, dass gegenseitiges „Fremdeln“ in den vergangenen zehn Jahren einem recht unkomplizierten Neben- und Miteinander gewichen ist, seltsam gegenläufig zum Verhältnis der Deutschen zu den Schweizern, in dem sich emotionale Fronten verhärtet haben. Ein Remake der „Piefke-Saga“ würde nur noch als „Sauschwåb-Saga“ einen Nerv treffen.

Maestoso Blanca alias „Amadeus“ fristete sein Dasein im Ausgedinge auf der Ranch Bill Clarks im kalifornischen San Luis Obispo County, und hie und da schwang sich auch Ronald Reagan auf der Farm seines Polit-Intimus auf den Sattel des Lipizzanerhengstes. Aus Dankbarkeit für die Marshall-Hilfe nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Wirtschaftskammer-Präsident Rudolf Sallinger dem US-Präsidenten im November 1982 auf dem South Lawn des Weißen Hauses ein ganz besonderes Gastgeschenk überreicht – ein PR-Coup der Sonderklasse, eingefädelt von Thomas Klestil, dem Botschafter in Washington.

Mozartkugel, Sachertorte, die Wiener Oper samt Philharmonikern und Sängerknaben, allenfalls noch der „Dritte Mann“ für Cineasten und ältere Semester: Das Österreich-Image in den USA spiegelt die sattsam bekannten Klischees wider. Eines immerhin erreichte der Marketing-Gag Sallingers: Kurzzeitig blieb die obligate Verwechslung von „Austria“ und „Australia“ aus.

In der Wahrnehmung der Amerikaner sind freilich die lieblichen Melodien und die Salzkammergut-Postkartenidylle aus „Sound of Music“, als Musical wie als Film prämiert am Broadway und in Hollywood, unschlagbar. Im Gegensatz zur Mehrheit der Österreicher kennt fast jeder Amerikaner schon von klein auf das Schicksal der musizierenden Trapp-Familie, die vor den Nazis nach Stowe in Vermont floh. Jährlich zu Weihnachten flimmert das alpenländische Melodram über die TV-Schirme zwischen Honolulu und Boston. Die „Sound of Music“-Touren in Salzburg sind denn auch gut gebucht.

Arnie. Ähnliches haben die Gründer des Arnold-Schwarzenegger-Museum in Thal bei Graz im Sinn. „Arnie“, Action-Held und Kaliforniens Ex-Gouverneur in Personalunion, hat es von den Austro-Emigranten am weitesten gebracht, und sein Akzent weist unverkennbar auf deutschsprachige Wurzeln hin. Schwarzenegger überdeckte die dunklen Flecken in Österreichs jüngerer Vergangenheit, von Waldheim bis Haider. Die Watchlist-Affäre und die Sanktionen gegen die schwarz-blaue Koalition sind zumindest in informierten Kreisen in Washington und New York erstaunlich gut in Erinnerung. Im Mittleren Westen gilt Austria allenfalls als Kleinstaat in Europa.

Von Alaska bis Florida stößt indessen ein Produkt „made in Austria“ auf höchste Wertschätzung. Ob auf Waffenmessen oder in Waffen-Shops, bei der Polizei wie bei Waffennarren: Die Amerikaner schwören auf die Güte der Glock-Pistolen, sie haben geradezu Kultstatus. Ihr Motto, abgewandelt von der Dollarnote, lautet daher nicht umsonst: „In Glock we trust“. In der Liebe zu Pferden und zu Waffen kommt nicht zuletzt die Pionier-Mentalität der Amerikaner zum Ausdruck.

Schweizer und Schweden haben es vorgemacht: Weil Schweiz auf Chinesisch (Ruishi) ähnlich klingt wie Schweden (Ruidian), haben beide Länder gemeinsam eine Kampagne gestartet und auf Europakarten gezeigt, wo sich was befindet. Etwas in dieser Art empfiehlt der chinesische Tourismusexperte Kang Jieshi auch Österreichern und Australiern. Denn Aodili (Österreich) und Aozhou (Australien) werden in China ebenfalls häufig verwechselt. Für eine solche Kampagne brauchte man halt eine ganze Weltkarte.

Als „Herz Europas“ haben die Österreicher ihr Land in den 1980er-Jahren in China beworben. Mit Erfolg: Wien und Salzburg gehören zu den attraktivsten Touristenstädten der Chinesen in Europa. Bis vor wenigen Jahren durften sie nur in Reisegruppen nach Europa kommen. Gern haben die chinesischen Touristen dann das Rundumpaket „Zehn Länder in 14 Tagen“ gebucht. Österreich war immer dabei. „Zugegeben, häufig wussten sie hinterher nicht mehr, ob der Stephansdom in Wien oder in Salzburg war oder Schloss Schönbrunn nicht doch in Ungarn“, erzählt Kang. Aber europäische Touristen würden sich ja auch nicht jeden Tempel in China merken.

Was aber bei den meisten Chinesen schon hängen geblieben ist: Österreich ist Mozarts Wirkungsstätte und Heimat. Im Pekinger Trendviertel Sanlitun fand erst vor wenigen Wochen das Salzburg-Festival mit zahlreichen Mozart-Stücken statt. Hart gesottene Klassikbegeisterte erschienen dort sogar mit Mozart-Perücke. Bekannt geworden ist Österreich in China aber auch noch aus einem anderen Grund: Als die 30-Millionen-Stadt Chongqing in Südwestchina vor einigen Jahren einer Verwaltungsreform unterzogen wurde und den Status eines Stadtstaates erhielt, wurde die erweiterte Fläche Chongqings gern mit der Größe Österreichs verglichen.

Und doch: Für die präzise Zuordnung landestypischer Symbole reicht das kulturgeografische Wissen zuweilen doch nicht. Im Hongkonger Stadtteil Mongkok wirbt ein Geschäft mit „echt importierten Milchprodukten“ aus Aodili (Österreich). Neben kräftigen Milchkühen in idyllischer Alpenlandschaft hat sich auf das Plakat freilich auch ein Känguru verirrt.

Am Ende der Welt hat man Österreich sehr gern. Allen, die ihr Austria-Ego pflegen möchten, sei eine Taxifahrt durch Buenos Aires angeraten. Denn dort wird jeder Besucher gefragt, woher er denn käme, und – falls er nicht gerade aus den USA oder Großbritannien ist – mit Hochachtung eingeseift.

Österreich liegt in der Taxler-Sympathieskala auf einer Topplatzierung, denn es ist in Europa, was gut ist in der Stadt, in der fast alle ihren Ursprung dort haben. Es ist deutschsprachig, was es in die Spitzengruppe der Sympathieträger bugsiert, denn Argentinier verbinden damit Begriffe wie Zuverlässigkeit und Disziplin, Attribute, deren Fehlen in Argentinien jeder Taxler beklagt. Die Österreicher liegen sogar etwas vor den Deutschen: Im Fußball gelten sie nicht als Gefahr für Messi und Co.

In höheren Bildungsniveaus ist die Sympathie nicht geringer. Die Freunde des Teatro Colón huldigen bis heute dem Wiener Direktor Erich Kleiber, die Stadt mit der größten Psychologendichte der Welt hinterfragt sich nach Sigmund Freud, und die Elite schwärmt vom Arlberg. Im argentinischen Mozarteum sammeln sich Habitués klassischer Harmonien, während Elektrokids sich virtuell mit Wiener Clubs wie dem „Flex“ kurzschließen. Alles todo bien.

Gut ist das Verhältnis wohl, aber kaum innig. Österreichs Wirtschaft, die ein Tausendstel ihres Warenstromes an den Rio de la Plata leitet, hat wenige Großinvestments in dem 40-Millionen-Land mit der eigenwilligen Zahlungsmoral getätigt. Wichtigste Player sind Casinos Austria und ein Zweig der Familie Swarovski, der die Bodegas Norton besitzt, eine der größten Kellereien dort. Argentinien litt lange unter der Blockade der EU-Agrarmärkte, doch mit dem Hunger der Schwellenländer in Asien und Arabien öffneten sich neue Märkte und politische Prioritäten. Alte Verbindungen nach Europa schliefen ein. Derzeit vermiesen rigide Importrestriktionen den Österreichern die Lust auf argentinische Abenteuer.

Als Heinz Fischer warten musste.Wie wichtig Österreich ist, durfte ausgerechnet Heinz Fischer im Vorjahr erleben: Beim ersten Besuch eines österreichischen Präsidenten in Argentinien mussten er, zwei Minister und zwei Staatssekretäre zwei Stunden auf die Herrin der Casa Rosada warten. Präsidentin Kirchner hatte viel zu tun. af

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2013)