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Israels Ex-Premier Ariel Scharon gestorben

File photo of Israeli PM Ariel Sharon speaking to the media during a news conference in Tel Aviv
File photo of Israeli PM Ariel Sharon speaking to the media during a news conference in Tel AvivREUTERS
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Nach achtjährigem Koma infolge eines Hirnschlags ist Ex-Premiers Ariel Scharon 85-jährig gestorben.

Der frühere israelische Ministerpräsident Ariel Sharon ist tot. Der 85-Jährige starb am Samstag auf der Intensivstation eines Krankenhauses nahe Tel Aviv, wie ein Sprecher von Regierungschef Benjamin Netanyahu bestätigte. Der ehemalige Armeegeneral lag nach einem Schlaganfall und einer Hirnblutung seit acht Jahren im Koma.

"Das Volk Israel hat heute einen lieben Mann, einen großen Führer und einen mutigen Krieger verloren", erklärte der Minister für strategische Angelegenheiten, Juval Steinitz. Präsident Shimon Peres bezeichnete Sharon als "tapferen Soldaten und kühnen Führer, der seine Nation liebte und seine Nation liebte ihn."

Sharon wird ein Staatsbegräbnis erhalten, das am Montag stattfinden wird. Von diesem Sonntag an soll der Leichnam Medienberichten zufolge zunächst in der Knesset, dem Parlamentsgebäude in Jerusalem, aufgebahrt werden. Dort kann die Öffentlichkeit von Sharon Abschied nehmen. Das Begräbnis werde vom Büro des Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu organisiert, sagte dessen Sprecher Mark Regev auf Anfrage. Ein Datum für die Beisetzung stehe noch nicht fest. Sharon hatte gebeten, neben seiner zweiten, im Jahr 2000 gestorbenen Frau Lily auf einem Hügel bei seiner Farm im Süden Israels beerdigt zu werden.

Merkel lobt Abzug aus Gazastreifen

US-Präsident Barack Obama hat zum Tod von Ex-Regierungschef Ariel Sharon die Freundschaft mit Israel bekräftigt. Obama würdigte Sharon am Samstag als einen Mann, der dem Staat Israel sein Leben gewidmet habe. Dem israelischen Volk und den Hinterbliebenen sprach er sein Beileid aus.

Das Außenministerium in Wien hat im Namen der Republik nach dem Tod von Ariel Sharon den früheren israelischen Ministerpräsidenten als eine "nicht unkontroversielle, aber prägende Persönlichkeit für die Politik Israels" gewürdigtDie deutsche Kanzlerin Angela Merkel würdigte Sharon als "israelischen Patrioten" und lobte seine "mutige Entscheidung", die israelischen Siedler aus dem palästinensischen Gebiet abzuziehen. Er habe "einen historischen Schritt auf dem Weg zu einem Ausgleich mit den Palästinensern und zu einer Zwei-Staaten-Lösung getan."

UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon sprach in einem Kondolenzschreiben davon, Sharon sei "ein Held für sein Volk" gewesen, zuerst als Soldat und dann als Staatsmann. "An Ministerpräsident Sharon wird man sich dafür erinnern, dass er den politischen Mut und die Entschlossenheit hatte, die schmerzhafte und historische Entscheidung durchzusetzen, die israelischen Siedler und Truppen aus dem Gazastreifen abzuziehen", sagte Ban.

Hamas feiert Tod eines "Kriminellen"

Die radikal-islamische Hamas feierte im Gaza-Streifen dagegen den Tod des einstigen Feldherrn und Politikers. "Der Weggang dieses Tyrannen gibt uns mehr Vertrauen in den Sieg", sagte Hamas-Sprecher Salah al-Bardawil in Gaza.

Acht Jahre lang lag Ariel Scharon im Koma. Der General focht seine letzte Schlacht. „Er kämpfte wie ein richtiger Krieger“, urteilte Chefarzt Zeev Rotstein. Ohne Rücksicht auf Verluste war der „Bulldozer“ stets nach vorn geprescht, wenn es galt, Terroranschläge zu rächen oder in Feindesland vorzustoßen, wenn zigtausende Wohnungen für die nach Israel strömenden russischen Einwanderer gebaut werden mussten, oder um Siedlungen zu errichten – und später genauso, um sie wieder abzureißen. Nicht sein früherer Parteifreund Benjamin Netanjahu wird nun um ihn trauern, sondern Präsident Schimon Peres von der Arbeitspartei, der ihm ungeachtet politischer Differenzen über Jahrzehnte ein enger Freund war.

Ein Falke denkt um

Ganz ähnlich wie einst Regierungschef Yizhak Rabin im Alter umdachte, wurde der Falke Scharon in seinen letzten Wirkungsjahren zahm. Scharons Abzug aus dem Gazastreifen im Jahr 2005 sollte der Anfang vom Ende der israelischen Besatzung sein. Trotz Abzugs blieb indes der Frieden aus.

Scharon war ein Mensch, der Emotionen auslöste – gute wie schlechte. Mit schweren Schritten stapfte der hochgewachsene, übergewichtige Soldat und Politiker über Schlachtfelder und rote Teppiche. Aus der Persona non grata von einst war am Ende einer der meist respektierten Gäste nicht nur im Weißen Haus geworden. „In der Galerie der großen Regierungschefs in der Geschichte Israels reiht sich Arik (Ariel) in die mythologischen Figuren wie David Ben-Gurion, Menachem Begin und Yizhak Rabin ein“, schrieb Tommi Lapid über den nicht immer gut gelittenen Freund.

Als Ariel Scheinerman kam er 1928 im britisch regierten Palästina zur Welt, schloss sich schon als junger Mann dem jüdischen Untergrund an und organisierte die „Haganah“, aus der später die Israelische Verteidigungsarmee wurde. Im Unabhängigkeitskrieg 1948 wurde er zum ersten Mal lebensbedrohlich verletzt. Rang und Namen verschaffte er sich mit seiner berüchtigten Einheit 101, die auszog, um arabische Überfälle zu rächen, und die dabei auch Frauen und Kinder nicht verschonte.

Im Verlauf des Sechs-Tage-Krieges errang der auf Anraten Ben-Gurions inzwischen auf Scharon umbenannte Soldat den Rang des Brigadegenerals und kommandierte die Einheit, die Ost-Jerusalem stürmte. Er war dabei, als Israel die Altstadt eroberte, die symbolträchtigste Trophäe, die Helden machte. Sieben Jahre später wurde Scharon im Auftrag des Likud, den er selbst mitformiert hatte, zum ersten Mal ins Parlament gewählt und schon bald ereilte ihn der Ruf ins Kabinett. Gemeinsam mit Begin trieb er den Frieden mit Ägypten voran. Scharon war damals für die Auflösung der jüdischen Siedlungen auf der Sinai-Halbinsel verantwortlich.

Gemeinsam begannen Begin und Scharon 1982 auch den Libanon-Feldzug. Es ist das dunkelste Kapitel in der Geschichte Scharons, der die Schlachten als Verteidigungsminister über weite Strecken hinter dem Rücken Begins führte. Ziel war, die PLO so weit zurückzutreiben, dass sie Israel nicht länger gefährlich werden konnte. Der Feldzug endete mit dem von christlichen Milizen verübten Massaker in den beiden palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Shatilla bei Beirut, dem Scharon keinen Einhalt gebot. Ein israelisches Militärtribunal machte ihn indirekt für das Massaker verantwortlich. Scharon verlor das Amt des Verteidigungsministers.

Das Urteil schien das politische Aus für Scharon zu bedeuten, doch Anfang der 1990er-Jahre stand er wieder obenauf. Als Bauminister schaffte er Wohnraum für hunderttausende Immigranten aus den ehemaligen Sowjetstaaten. 1998 machte ihn sein späterer parteiinterner Erzrivale Netanjahu zum Außenminister. Scharon übernahm den Parteivorsitz nach der Wahlschlappe 1999, und schon zwei Jahre später schaffte er den Sprung ins höchste Regierungsamt.

 

Mitauslöser der Intifada

Zu diesem Zeitpunkt wütete die zweite Intifada, die Scharon selbst mitausgelöst hatte, als er umgeben von hunderten Sicherheitsleuten den Tempelberg besuchte. In Reaktion auf den Terror schickte er die Armee in die palästinensischen Flüchtlingslager – und seinen Intimfeind Jassir Arafat in die Muqataa, das Hauptquartier des Palästinenser-Präsidenten. Der Likud kam mit dem Schwenk ihres Chefs nicht mit, und schon wenige Monate nach dem Abzug aus Gaza spaltete Scharon seine alte Bewegung, um die liberale Kadima zu gründen. „Ich bin sicher, dass ich das überstehe“, glaubte Scharon noch nach einem ersten leichten Schlaganfall. Doch am 4. Jänner 2006 fiel er durch eine Hirnblutung ins Koma. von dem er nie wieder erwachte.