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Hartmann: "Eine bluthundartige Lust an Zerstörung"

Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann
Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann(c) APA/HANS KLAUS TECHT (HANS KLAUS TECHT)
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Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann hat seine Stellvertreterin entlassen. Wie es dazu kam, dass er sich von „einer Freundin“ so plötzlich trennen musste und wie er diese unangenehme Situation erlebt, das sagte er der „Presse“.

Ihre Stellvertreterin Silvia Stantejsky wurde im November suspendiert und dann entlassen. Das gesamte Ensemble des Wiener Burgtheaters hat sich daraufhin geschlossen hinter die langjährige Mitarbeiterin des Hauses gestellt. Sind Sie stolz auf Ihr Ensemble, das sich so solidarisch verhält?
 
Matthias Hartmann: Ein großartiges Ensemble. Das Ensemble ist zuerst von mir über die Entlassung informiert worden. Das war ein sehr konstruktives Gespräch. Bei diesen starken Persönlichkeiten, die das Ensemble prägen, gibt es Kontroversen und einen differenzierten Blick auf die Sache. Die Schauspieler sehen es aber im Grunde wie ich: Wir sind mit Frau Stantejsky einen gemeinsamen Weg gegangen. Der war gut. Man kann sie für viele Dinge sehr lieben und für so manches Chaos auch nicht. Daraus habe ich auch nie ein Hehl gemacht, in gewisser Weise lief darüber auch immer der Schmäh. Das hat aber seine Grenzen, in dem Moment, in dem ich angewiesen werde, mich juristisch konform zu verhalten. Das ist natürlich unangenehm.
 
Frau Stantejsky ist seit 1980 an der Burg. Das heißt, Sie haben sie schon von den vorigen Direktionen übernommen.
 
Ja.
 
Sie wird von allen Seiten als die Seele des Hauses bezeichnet. Die Entscheidung, sie zu entlassen, muss schwierig gewesen sein.
 
Ehrlich gesagt, ich hatte überhaupt keine Zeit darüber nachzudenken.
 
Wieso?
 
Es wurde mir das Gesetz der Unverzüglichkeit präsentiert und mir damit gesagt, dass ich mich strafbar mache, wenn ich nicht handle.
 
Wann sind sie das erste Mal mit Informationen konfrontiert worden, die diese Maßnahme aus Ihrer Sicht notwendig machte?
 
In diesem Zusammenhang. Ich wurde Ende November zu einer Sitzung gerufen, und damals hieß es seitens der Wirtschaftsprüfer: Es gibt Dinge, die wir nicht zuordnen können. Da sich Verdachtsmomente ergeben, die man nicht ausräumen kann, müssen wir handeln.
 
Bei der Präsentation des Geschäftsberichts 2011/12 betonte Georg Springer, der Chef der Bundestheater-Holding, der Fehlbetrag von minus 3,7 Millionen Euro sei eine Konsequenz einer grundlegend veränderten Abschreibungsmethodik, die die neuen Rechnungsprüfer gefordert hätten.
 

Damit hat die Entlassung aber nichts zu tun.
 
Als Frau Stantejsky im März 2013 bekannt gab, künftig nicht mehr für die Position der kaufmännischen Direktorin zur Verfügung zu stehen, haben Sie sie dann zu Ihrer Stellvertreterin gemacht. Sie genoss damals also Ihr volles Vertrauen?
 
Absolut. Und so empfinde ich auch die Skandalisierung von ihr als eine Vorverurteilung und schlussendlich bleibt es an ihr und am Burgtheater und an uns allen hängen. Welche Ergebnisse die Untersuchungen auch bringen. Wir sind ein sehr gut gehendes Theater. Wir haben eine wahnsinnige Akzeptanz beim Publikum. Und wir liegen im Moment mit fast 200.000 Euro über einem sehr ambitionierten Einnahmensoll. Es ging uns sehr gut. Und nun gibt es in der Berichterstattung so eine bluthundartige Lust an der Zerstörung. Ich habe auch schon gesehen, wie andere jakobinerhaft durchs Dorf getrieben wurden. Im Nachhinein hat man oft gesehen, das alles gar nicht so war. Wenn man hinterher fragt, wieso habt ihr denn mit so einer Lust Leute beschädigt, heißt es: Der hat es doch eh verdient. Der kann sich ja jetzt eh rechtfertigen. Gerade Kulturjournalisten, die Sorge für so eine Institution wie das Burgtheater tragen, müssten jetzt Verantwortung übernehmen und nicht Skandalen hinterher rennen.
 
Es kommt auch nicht jeden Tag vor, dass die Stellvertreterin des Burgtheaters entlassen wird. Wenn man sich hier zu so einem Schritt entscheidet, muss es dafür sehr gewichtige Gründe geben. Dass die Öffentlichkeit darüber informiert wird, ist doch auch in Ihrem Sinne. Immerhin geht es auch um Steuergelder.
 
Ich will auch, dass alles so schnell wie möglich aufgeklärt wird. Im übrigen hat auch Frau Stantejsky verstanden, dass diese juristischen Maßnahmen notwendig sind. Wir bleiben auch weiter Freunde. Das klingt schizophren, ist aber so. Und ich hoffe, dass alles erklärbar werden kann, dann liegen wir uns alle wieder in den Armen.
 
War Ihnen verständlich, warum, Frau Stantejsky im Vorjahr die kaufmännische Geschäftsführung nicht mehr machen wollte?
 
Sie hat ihre Entscheidung mit der wirtschaftlichen Situation des Burgtheaters begründet und auch immer schon die Nähe der Kunst gesucht. Ich fand es eine gute Gelegenheit, in einer schwierigen Situation jemanden mit neuem Blickwinkel als Geschäftsführer zu engagieren und zugleich Frau Stantejsky nicht zu verlieren, die eine große kaufmännische Kompetenz hat. Ich stehe ja als Regisseur meistens auf der Bühne, als künstlerischer Leiter bin ich erst mal Regisseur. Deshalb habe ich seit Bochum und Zürich ein sehr mündiges, gut eingespieltes Team.
 
Sie waren Intendant der Schauspielhäuser Bochum und Zürich. Hat sie die Struktur, die Sie an der Burg vorgefunden haben, erstaunt?
 
Ich habe Bochum und Zürich als Sanierungsfälle übernommen und saniert verlassen. Ja, vieles hat mich hier erstaunt. Und wenn man von extern kommt, ist man ja derjenige, der der Fremde ist. Da zerschlägt man auch nicht alle Strukturen, sondern begegnet ihnen mit Respekt und schaut, wie es hier so läuft.
 
Georg Springer ist Chef der Bundestheaterholding und auch Aufsichtsratsvorsitzender des Burgtheaters. Als Außenstehender fragt man sich schon: Ist ihm und den anderen Aufsichtsratsmitgliedern nichts aufgefallen?
 
Es gibt eine Geschäftsordnung. Ich bin zuständig für die Planung der Produktion und für das künstlerische Ensemble. Die buchhalterische Schnittmenge, die ich und Frau Stantejsky hatten, war, dass wir den Jahresabschluss gemeinsam unterschrieben haben. Und dieser Jahresabschluss ist jedes Jahr von Wirtschaftsprüfern geprüft und dem Aufsichtsrat vorgelegt worden. Der Aufsichtsrat muss ihn absegnen. Das hat die vorherigen Jahre gut funktioniert. Aber es ist an den Wirtschaftsprüfern festzustellen, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Als künstlerischer Geschäftsführer dieses Hauses muss ich mich darauf verlassen können.
 
Hat es im Alltag irgendjemanden gegeben, der die Arbeit von Frau Stantejsky unterstützt und gegengeprüft hat? Oder hat sie völlig autark agiert?
 

Wie gesagt, es gibt die Wirtschaftsprüfer bei der Gebarungsprüfung.
 
Aber gab es beim Arbeitsablauf ein Vieraugenprinzip?
 
Ja, das gibt es am Burgtheater auch. Ich musste unterschreiben.

Und außer Ihnen?

Kaufmännische und künstlerische Geschäftsführer unterschreiben bei Verträgen und höheren Investitionen.
 
Zuvor war Thomas Drozda kaufmännischer Geschäftsführer. Nach ihm kam Stantejsky. Hat sie vieles anders gemacht als ihr Vorgänger?
 
Sie ist eine Überzeugungstäterin, die die interessante Eigenschaft hatte, mit jeder Aufgabe, die sie dazubekommen hat, alle anderen beizubehalten. Und so hatte sie schließlich alle Aufgaben.
 
Sie wurde von vielen als überlastet beschrieben.
 
Wenn man das so beschreiben will, wie ich es getan habe, würde ich sagen: Sie war sehr gefordert.
 
Konnte Sie die Grenzen Ihrer Kapazität wahrnehmen?
 
Es steht  mir nicht zu, in der Zeitung über sie wie über einen Patienten zu sprechen. Das ist mir zu übergriffig. Sie ist in einer sehr schwierigen Situation, sie braucht nun Schutz.
 
Frau Stantejsky wurde auf Weisung der Holding suspendiert. Herr Dr. Springer sagte, Sie haben die Entlassung ausgesprochen.
 

Die Weisung der Holding lag vor und es war klar vorgegeben, wie nun zu handeln ist. Daher musste ich sie als Geschäftsführer auch entlassen. Normalerweise würde es dem menschlichen Instinkt entsprechen, sich zusammenzusetzen und das Problem solange miteinander zu besprechen, bis es geklärt ist. In diesem Fall durfte ich das nicht und musste unverzüglich handeln. Auf diese Weise war ich zu diesem Vorgehen genötigt, das mir menschlich nicht entspricht.


Wie geht es in der Causa Stantejsky nun weiter?

Wir wollen bis Ende Januar Prüfungsergebnisse haben. Leider dürfen wir nicht bloß mit dem gesunden Menschenverstand arbeiten, sondern müssen juristisch formal richtig vorgehen. Das irritiert mich, aber ich habe das jetzt gelernt.
 
Es ist noch nicht gesagt, dass die Entlassung aufrecht bleibt. Frau Stantejsky hat sie angefochten.
 
Das muss sie tun. Man hat ihr das auch in meinem Beisein geraten.
 
In einem Kommentar im „Standard" zur Causa steht, Sie können entweder von Stantejskys Praktiken gewusst haben oder nicht. Beides würde kein gutes Licht auf Sie werfen. Was sagen Sie dazu?
 
Wie ich eingangs gesagt habe, in die Buchungsvorgänge, um die es hauptsächlich geht, hatte ich keinen Einblick. Der Standard bezieht sich allerdings auf Springers Abschreibungsthema und verwechselt Äpfel mit Birnen. Ich bin für diese Bereiche nicht zuständig. Ich verstehe vielleicht von kaufmännischen Dingen mehr als andere künstlerische Direktoren, aber das System der Abschreibungen gehört nicht zu meinem Fach. Das Theater hat  jedenfalls Zuschussbedarf.

Die Warnungen, dass es zu wenig Subventionen für die Kunst gibt, werden jedes Jahr dringender. Sie haben darauf hingewiesen und viele andere auch, die von ihnen abhängen.
 
Ich habe beim 125 Jahr-Jubiläum vor der Kulturministerin und dem Bundespräsidenten gesagt, dass dieses Theater mit jedem Gehaltsabschluss eine Million weniger Budget zur Verfügung hat. Wenn Sie sich das Theater zum Zeitpunkt der Ausgliederung ansehen, können Sie feststellen, dass wir nur mehr knapp über 50 Prozent von dem haben, was davor da war. Das muss man sich einmal vorstellen! Wir haben nicht mehr 130 Schauspieler, sondern nur mehr 80. Das Burgtheater wurde erheblich abgeschmolzen. Im Verhältnis zu den anderen Institutionen waren wir es, die am meisten gespart haben. Insgesamt haben wir zwölf Prozent an Personal eingespart.
 
Fühlen sie sich von der Politik in Stich gelassen?
 
Ich möchte nach vorne schauen. Ich freue mich, dass nun ein wacher, interessierter und der Not nicht ausweichen wollender Mensch da ist, der sich der Situation stellt. (Anm.: gemeint ist der neue Kulturminister Josef Ostermayer). Er sieht nicht weg, sondern möchte das Problem lösen. Ich will ihm dabei helfen. Im Prinzip geht es hier nämlich um eine Frage, die sich die Kulturpolitik stellen muss und nicht ein Theaterdirektor. Ich mache den Auftrag mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln. Nur wie wir jetzt sehen konnten, haben Mittel, mit denen gearbeitet wurde, gar nicht zur Verfügung gestanden. 
 
Wenn man Theaterdirektor der ersten deutschen Bühne ist, hat man dem Publikum das Beste zu bieten. Sie müssen Regisseure wie Andrea Breth oder Peter Stein holen. Wer entscheidet, wofür wie viel Geld ausgegeben wird? 
 

Ich entscheide, in Zusammenarbeit mit der Dramaturgie, über den Spielplan, das Engagement der Künstler. Und muss für das Abonnement eine bestimmte Zahl an neuen Stücken herausbringen, Und ja, das Beste, zumindest die bestmöglichen Konstellationen zusammen zu bringen, ist meine Aufgabe. Es sind dann letztendlich auch die Konstellationen, also das Zusammenspiel von Regie, Schauspiel, Bühne, Kostüme etc. , die es zu finanzieren gilt. Nicht leicht im vorraus planbar.

Gibt es an des Strukturen in diesem Haus etwas zu ändern?

 
Es gibt sicherlich Reformbedarf. Interessant wäre die Frage, ob das Theater nach der Ausgliederung zum freien Wirtschaftsunternehmen diesen Schritt überhaupt je richtig gelebt hat. Ich freue mich, dass ich jetzt mit einem neuen Geschäftsführer (Anm.: Thomas Königstorfer), der nicht aus den Strukturen dieses Betriebes erwachsen ist, zusammenarbeite. Wir haben nun die Chance auf mehr Transparenz, wir müssen uns über die Abläufe besser klar werden.
 
Sie sorgen sich um das Image des Burgtheaters. Ähnliches gibt es doch in vielen  deutschen Theatern, die enormem finanziellen Druck unterliegen.
 
Solche Bedingungen sehe ich woanders nicht. Und ich habe einige Erfahrungen mit Theatern. So über die Verhältnisse zu leben, wie das Burgtheater es wegen der nicht erhöhten Subventionen tun musste, musste sonst keines. Es ist ein Mythos, dass die Theater hierzulande großzügig behandelt werden. In Österreich sind alle so wahnsinnig stolz auf ihre Theater, aber der Mangel ist ein eklatantes Problem. Das ständige Quengeln über die Misere in homöopathischen Dosen war ein Fehler. Der Zeitpunkt, wo es nicht mehr so weitergeht, ist längst überschritten.
 
Sie inszenieren selbst viele Stücke an diesem Haus. Beziehen Sie dafür auch Honorare? 
 
Das ist das Prinzip des regieführenden Intendanten und dafür hat man mich auch geholt. Ich inszeniere auch nicht mehr als meine Direktionskollegen anderswo. Ich leiste auch etwas für meine Gage. Es ist aber das Ethos eines Burgtheaterdirektors, nicht die höchste Gage zu beziehen, sondern immer einen erheblichen Abstand zu den Höchstgagen einzuhalten. Das war bei mir in allen Häusern, die ich geleitet habe, Praxis.

Und wie steht es mit der Anstellung von Familienmitgliedern? Ihre Schwester und Ihr Schwager leiten gemeinsam die "Junge Burg".

Warum kommen Sie jetzt mit einem Thema, das jeder kolportierender Journalist bereits ausgehandelt hat? Ich habe bereits bei meiner Pressekonferenz zum Antritt gesagt, dass ich seit 15 Jahren mit meiner Schwester im Doppelpack antrete. Ihre Arbeit ist gerühmt, noch jeder Nachfolger habt versucht, sie zu halten. Ich musste einiges an Aufwand leisten, sie zu überreden, nach Wien zu kommen, und die "Junge Burg" zu machen. Die Strukturen für das junge Schauspiel bestehen heute in Bochum und Zürich immer noch. Wir haben diese Sparte erfunden.

Sie haben sich unlängst durch eine Vertragsverlängerung bis 2019 noch einmal fürs Burgtheater verpflichtet. Das lässt auf Optimismus schließen. Macht die Arbeit derzeit überhaupt Spaß?
 
Natürlich empfinde ich große Verantwortung für den Organismus Burgtheater, eine der wichtigsten Institutionen der Welt im Bereich des Sprechtheaters. Wir sind hier in diesem Gebäude in Sichtweite mit dem Bundeskanzleramt, dem Rathaus, dem Parlament. Seit 125 Jahren sind hier die besten Theaterkünstler tätig. Meine Aufgabe ist es, diesen Betrieb sicher, gut und transparent in eine Zeit zu überführen, in der weiterhin die Besten hier arbeiten - mit Projekten, die sich der Avantgarde aussetzen ebenso wie mit jenen, die sich aufs Sprechen und die Schauspieler konzentrieren. Das ist mein ganzer Ehrgeiz, die Anpassung an die Zeit stellt sich jedes Mal neu. Da gibt es Phasen innerer Rückbesinnung und solche der Politisierung. Wie etwa derzeit mit unserem Ungarn-Projekt. Ich möchte mich eigentlich damit beschäftigen, und mit dem Stück, das ich gerade schreibe. Unhonoriert übrigens.