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Berlinale: Anständige Monster und Retter

(c) Jerome Prebois
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"Der Anständige" zeigt Himmlers Wahn unkommentiert - ein geglücktes Wagnis. Schlöndorffs "Diplomatie" feiert den General, der Paris vor der Zerstörung bewahrt hat.

Püppi ist im Jahr 1941 schon ein großes Mädchen mit eigenem Poesiealbum. Pappi hat ihr eine Widmung geschrieben: Seine Tochter Gudrun soll immer „anständig, tapfer und gütig“ bleiben. Dann organisiert Pappi für Püppi und Mutti einen Ausflug nach Dachau. Im Konzentrationslager sehen sie die Gärten, die Mühle und von Sträflingen gemalte Bilder. „Schön ist's gewesen!“ schreibt Püppi in ihr Tagebuch.

Pappi ist Heinrich Himmler, der Herr über SS und Gestapo, Stratege der Vernichtung, Organisator der Shoa. Im Jänner machte „Die Welt“ ein Konvolut an Briefen, Fotos und Notizen Himmlers publik. Sie sind im Besitz der Familie von Vanessa Lapa. Die israelische Regisseurin hat sie zu einem filmischen Porträt kompiliert, das auf der Berlinale präsentiert worden ist. Der ORF hat den Film mitfinanziert und wird ihn im Herbst zeigen – als einziger deutschsprachiger Fernsehsender. Alle anderen ließen die Finger davon. Ihnen war die Machart zu heikel.

Denn Lapa lässt einfach die Notate verlesen, von Tobias Moretti, seinen Kindern und Sophie Rois. Dazu zeigt sie historische Fotos und Filmmaterial, erst illustrierend, später oft kontrastierend. Wie der Familienalltag mit dem Terror zusammenhängt, bleibt so unscharf wie die Schnappschüsse der Soldaten. Es tritt kein Historiker auf, der uns eindringlich aufklärt, welches Monster dieser Himmler war. Nichts lenkt die Meinungsbildung sicher zum korrekten Urteil. Lapa zwingt den Zuschauer hinein in eine wahnhafte Logik, erweckt die bösen Geister, um sie sicherer zu vertreiben. Darf man das?

Man darf. Anders kommt man Himmler nicht bei. Keiner aus der Nazi-Führungsriege ist so rätselhaft geblieben wie er. Warum verfiel der junge Bayer, mit behüteter Kindheit im bildungsbürgerlichen Haus, der Hetze der Splitterpartei NSDAP? Der Film zeigt, wie bruchlos Verfolgungs-, Rassen- und Größenwahn in ihm heranreiften: wie er als Schulbub im Ersten Weltkrieg das „Russenungeziefer“ hasst, wie „glücklich“ ihn die „völkische Haltung“ seiner schlagenden Verbindungsbrüder macht, welche „Wollust“ es ihm bereiten würde zu kämpfen – für Raum im Osten, gegen die Untermenschen, die „geistig-seelisch niedriger stehen als Tiere“.

 

Radikale Perversion des Ethos

Es geht nicht nur um die viel beschworene „Banalität des Bösen“, das spießige Familienidyll der Massenmörder. Himmler fehlte auch jeder Skrupel: „Ich schlafe sehr gut“, trotz der vielen Arbeit, meldet er von einer seiner Inspektionstouren nach Auschwitz. Vor allem aber verwirrt die wahnhafte Moral, durch die der „Reichsführer SS“ die Gräuel rechtfertigte.

Der Film gipfelt mit den Posener Reden von 1943, in denen Himmler die „Ausrottung der Juden“ als ein „niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte“ preist: „Dies durchgehalten zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.“ Dazu die Bilder der Leichenberge in den KZ. Lapa stellt sich der bitteren Erkenntnis, dass sich das radikal Böse in Himmlers Welt in ein Gewand des Guten gekleidet hat. Diese Perversion des Ethos ins Bild zu bringen bewegt stärker als jeder korrekte Kommentar.

Wie ein Mensch sich selbst kraft seines Gewissens aus den Schlingen des Wahns befreit, vom falschen zum wahren Anstand findet und zugleich eine der schönsten Städte der Welt und Millionen ihrer Bewohner rettet, zeigt Volker Schlöndorff in dem spannenden Kammerspiel „Diplomatie“. Der deutsche General von Choltitz (Niels Arestrup) hat soeben das Kommando von Paris übernommen. Im Gepäck den – strategisch sinnlosen – Befehl von Hitler, die Stadt in Schutt und Asche zu legen, bevor sie in die Hände der Alliierten fällt. Der Sprengstoff muss nur noch gezündet werden. Doch in der letzten Nacht überzeugt der schwedische Konsul Nordling (André Dussolier), ein Diplomat mit enormer sozialer Intelligenz, den Kommandanten in einem langen, fesselnden Dialog, vom blinden Gehorsam abzulassen und die Stadt unversehrt zu übergeben.

Die Verfilmung des gleichnamigen Stücks ist vor allem ein Fest gediegener Schauspielkunst. Die schöne Geschichte basiert auf historischen Fakten, die nur theatralisch verdichtet und zugespitzt sind. Tatsächlich wirkten neben Nordling auch der Bürgermeister und ein Agent auf von Choltitz ein. Der General entschied sich auch nicht in letzter Minute, er sabotierte fast von Anfang an geschickt die Vorbereitungen zum Inferno. Seine Leistung war also größer als im Film gezeigt. Zumal er um seine Familie bangen musste. Denn seinetwegen hatte Hitler soeben die Sippenhaft für Offiziere eingeführt, die seinen Befehlen nicht gehorchen.

Das glückliche Ende macht „Diplomatie“ zum seltenen Fall eines Feelgood-Movies über den Zweiten Weltkrieg: Der General, seine Frau und seine Kinder überlebten. Und die Glocken von Paris läuten heute noch, wie damals, am Tag der Befreiung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2014)