Schnellauswahl

Gasprinzessin, Mutter der Nation, moralische Instanz

UKRAINE CRISIS
UKRAINE CRISIS(c) APA/EPA/SERGEY DOLZHENKO (SERGEY DOLZHENKO)

Nach zweieinhalb Jahren Haft ist Julia Timoschenko wieder in Freiheit. Sie ist nicht mehr die Ikone der Revolution. Doch für die Präsidentenwahlen könnte sie sich neu erfinden – es wäre nicht das erste Mal.

Es war so typisch für Julia Timoschenko: Am vergangenen Freitag, als sie aus dem Gefängnis im ostukrainischen Charkiw entlassen wurde, führte sie ihr erster Weg nicht etwa nach Hause. Sie flog von Charkiw nach Kiew, und angekommen am Flughafen fuhr sie sofort auf den Maidan-Platz. Im Rollstuhl sitzend, in für sie untypisch dunkler Kleidung, gezeichnet von der Haft wegen mutmaßlichem Amtsmissbrauch, hielt sie eine mitreißende Rede.

Timoschenko ist eine begabte Rednerin. Sie kann die Menschen begeistern, und diese Fähigkeit ist ihr auch nach zweieinhalb Jahren Gefängnis nicht abhanden gekommen. Zehntausende hatten sich auf dem Kiewer Unabhängigkeitsplatz Maidan versammelt und freuten sich mit ihr über ihre Freilassung.

Bitte nicht an die Macht! Aber es gab auch Momente, in denen sie gespürt haben muss, dass etwas anders ist. Etwa, als das Auto, in dem Timoschenko mit dem jetzigen Premier und Vertrauten Arseni Jazenjuk saß, angehalten wurde. Von Kämpfern des Maidan, die „Julia“, wie sie in der Ukraine oft genannt wird, eine Nachricht mitgeben wollten. „Julia, denke daran, dass wir die Revolution gemacht haben – nicht du“, sollen sie gesagt haben. Und dann waren da diese Schilder auf dem Maidan: „Julia soll frei sein – aber nicht die Macht bekommen.“ Aber nach den Ereignissen auf dem Maidan hat sie die Macht bekommen.

Oder vielmehr: einen Teil der Macht. Timoschenko wurde nach der Orangen Revolution von 2004/05 Premierministerin unter Präsident Viktor Jutschtschenko, mit dem sie sich in den folgenden Monaten zerfleischte. Die Zwietracht der Orangen Revolutionäre enttäuschte viele einstige Anhänger. Es sollte neun Jahre dauern, bis sich das Land wieder gegen einen Präsidenten erhob.

Auf dem Maidan sind die Zelte von Timoschenkos Vaterlandspartei nur einige von vielen. Die politischen Parteien haben in der jetzigen Protestbewegung nicht mehr den Einfluss, den sie bei der Orangen Revolution hatten. Sie haben ihre Autorität verloren und müssen um ihre Anerkennung hart kämpfen: Die Oppositionspolitiker, die nun in Kiew ans Ruder gekommen sind, sprachen alle paar Tage auf dem Maidan vor – und wurden oft ausgebuht. Diese Proteste hatten keine Anführerin wie Timoschenko, und auch keinen männlichen Volkstribun. Es ist eine Bewegung ohne Führer, selbstorganisiert und dezentral. Vielleicht ist es die neue Situation, die Timoschenko dazu gebracht hat, nach ihrem Antrittsbesuch am Maidan doch etwas Distanz zu wahren. Sie ist nach Berlin gefahren, um sich von ihrem Rückenleiden kurieren zu lassen. Vielleicht muss sie beobachten und überlegen, wie es weitergehen soll.

Frau mit Vergangenheit.
Die Richtung hat sie schon vorgegeben: Timoschenko will für das Präsidentenamt kandidieren. Ihr stärkster Konkurrent aus dem prowestlichen Lager ist Vitali Klitschko. Sein Vorteil: Anders als die einstige „Gasprinzessin“ Timoschenko, die in ihrer Heimatstadt Dnjepropetrowsk ein Vermögen gemacht hat, ist er nicht vorbelastet mit einer Vergangenheit aus Geschäften und Korruption. Das ist gleichzeitig sein Nachteil: Er ist im Gegensatz zu der gerissenen und machtbewussten Populistin unerfahren und agiert teils unbeholfen. Wenn es Klitschko gelingt, den Wählern Timoschenko als „Frau mit Vergangenheit“ zu verkaufen, könnte er die Wahl gewinnen.

Doch es wäre nicht Timoschenko, wenn sie es nicht schaffen könnte, sich noch einmal völlig neu zu erfinden. Ukraine-Experte Winfried Schneider-Deters hält das für möglich: Timoschenko habe sich schon einmal vollkommen neu erfunden: Aus der Oligarchin ist das „soziale Gewissen der Ukraine“ geworden, als sie an die Macht kam. Eine neue Rolle könnte sie schon gefunden haben: die der „geläuterten moralischen Instanz“. Und als solche könnte es ihr abermals gelingen, die Massen zu begeistern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2014)