Karl Markovics: Filme machen, um geliebt zu werden

Karl Markovics
Karl Markovics(c) Christine Pichler

Karl Markovics über „Ausnahmezustand Menschsein“ im Volkstheater, warum er Film liebt, Allmachtsfantasien hat – aber keine Angst.

„Ausnahmezustand Menschsein“, eine Performance der Ottakringer Brunnenpassage im Volkstheater, ist eine Art Reise ins Ich, verbunden mit Shakespeares „Sturm“. Sie begleiten das Projekt. Sind Sie so etwas wie ein Pate?
Das klingt nach Vormund oder Erziehungsberechtigtem. Wir haben uns auf die Bezeichnung „Partner“ geeinigt. Willibald Cernko, Vorstandsvorsitzender der Bank Austria UniCredit, hat mich ein paar Tage nach meiner Laudatio für Erwin Piplits und Ulrike Kaufmann beim Nestroy-Preis angerufen und mich gefragt, ob ich ein Projekt mit dem Kunst-Sozialraum Brunnenpassage machen will, wo Menschen von überallher zusammenkommen. Die Bank unterstützt dieses niederschwellige Kulturprojekt. Ich habe überlegt und dann gesagt, ich könne das nicht verantworten, weil ich wieder einen Film mache und auch zu wenig Erfahrung mit dieser Art Theater habe. Aber ich kann mich durch meine Bekanntheit um die Öffentlichmachung der Performance kümmern.

Wie sind Sie auf den „Sturm“ gekommen?
Regisseur Daniel Wahl hat das Stück ausgewählt.

Die Brunnenpassage arbeitet viel mit und für Migranten. Steht das Migrationsthema auch bei „Ausnahmezustand Mensch“ im Zentrum der Aufführung?
Nicht vordergründig, aber es stehen Menschen aus 15 Nationen mit neun verschiedenen Sprachen auf der Bühne. Es soll um die großen Menschheitsthemen gehen. Shakespeare ist allumfassend, er spricht für alle, alles. Die Performance handelt von einer Reise, der Suche nach Antworten, der Frage nach Identitäten und Abhängigkeiten.

Wie ist Ihr Verhältnis zum „Sturm“?
Das Stück handelt vom Ausgestoßensein, es spielt auf einer Insel, die ein Sinnbild für unsere Existenz ist, und es gibt einen Schiffbruch. Auf allen Ebenen der Welt werden hier alle großen Emotionen verhandelt: Freiheit, Rache, Fantasie und Realität. Ich selbst habe den „Sturm“ als Kind erstmals in einer Prosadruckschrift aus einer ehemaligen Arbeiter-Bibliothek gelesen. Ich war fasziniert. Als wir dann in der Oberstufe des Gymnasiums im Englischunterricht das Stück durchgenommen haben, dachte ich kurz: Das kenne ich doch. Hat der Shakespeare das abgeschrieben? Später habe ich dann zweimal den „Sturm“ gesehen, einmal in einem großartigen Film mit John Cassavetes („Der Sturm“, 1982, in der Regie von Paul Mazursky), einmal im Burgtheater, die Peymann-Inszenierung, die fand ich schlecht.

Warum?
Es gab schöne Ideen, aber die Aufführung war so dermaßen theaterhaft, langweilig und überzogen gespielt. Es gibt diese Geschichte von Rod Steiger, der bei einem russischen Schauspiellehrer lernte. Steiger sollte einen Monolog sprechen, er reißt sich die Brust auf, packt alles an Emotionen in den Text, was möglich ist. Der Lehrer lauscht und sagt:  „Possible, but not necessary.“ So war der „Sturm“ im Burgtheater für mich. Mit weniger wäre es auch gegangen.
Wen würden Sie denn gern im „Sturm“ spielen?
Vielleicht den Prospero. Ich habe nie Traumrollen gehabt, auch nie Traumhäuser, so eine Vorstellung ins Blaue entwickeln, das ist nichts für mich.

Finden Sie, dass wir, wie es im Stücktitel heißt, wirklich in einem Ausnahmezustand leben?
Auf jeden Fall. Wenn man beginnt, sich seiner Existenz bewusst zu werden, begreift man, dass man in einem Ausnahmezustand lebt.

Weil wir sterben müssen?
Im Gegenteil, weil wir leben. Dass es uns gibt, dass wir Bewusstsein haben und reflektieren können, das ist doch ein großes Rätsel. Denken Sie an die Physik oder an die Kosmologie: Gibt es auf einem anderen Planeten Leben? Wie weit von der Erde ist dieser Planet weg, was ist das für ein Leben?

Zu viel darf man nicht nachdenken über solche Sachen, sonst wird man verrückt.
Ich weiß nicht. Man muss einfach vorsichtig sein. Aber ich habe keine Angst, dass ich verrückt werde. Man darf sich einfach nicht verrückt machen.

Sie machen wieder einen Film, „Superwelt“ mit Ulrike Beimpold. Worum geht es da?
Um Gott und die Welt – und mehr möchte ich nicht verraten. Ich drehe im Sommer. Das Drehbuch ist geschrieben, mehr oder weniger, der Film ist ausfinanziert.

Wie war die Resonanz auf Ihren ersten Kinofilm „Atmen“?
Ich könnte zufriedener nicht sein. Wir hatten mit 50.000 Zuschauern im Kino gerechnet und hatten 90.000 – und im Fernsehen zur Primetime 550.000 Zuseher. Der Film ist ja nicht unbedingt eine Komödie. Und das gegen Hansi Hinterseer. Immerhin.

Geht es dem österreichischen Film gut bzw. besser als noch vor ein paar Jahren?
Es kann immer besser sein, was die Strukturen und das Budget betrifft. Wir waren auf keinem hohen Niveau. Das hat sich Gott sei Dank sukzessive gebessert, aber nach oben ist immer noch Platz, vor allem wenn größere Summen im Spiel sind. Von der internationalen Wahrnehmung her sind wir mit dem österreichischen Film auf einem Nachkriegshöhepunkt. Der Nachwuchs hat eine unglaubliche Kreativität, und es kommen immer mehr neue Namen.

Was sind Ihre Lieblingsfilme?
Da tue ich mir schwer. Ich mag sehr viele Arten von Film: Blockbuster, Spielfilme, Dokumentationen, Hitchcock, europäisches Autorenkino, amerikanische Independent-Filme. Es kommt immer drauf an, erwischt mich ein Film – oder nicht.

Welcher Film hat Sie zuletzt erwischt?
Es gab zwei Filme beim österreichischen Filmpreis, die mich beeindruckt haben: „Soldate Jeannette“ von Daniel Hoesl und „Talea“ von Katharina Mückstein. Das sind zwei junge Regisseure, die mutig sind und jeder auf seine individuelle Art spannend.

Wird der Film in Österreich bald wichtiger sein als das Theater? Wird man Subventionen eher an Filme vergeben als an Bühnen?
Ich finde es immer gefährlich zu sagen, das eine Medium bekommt zu viel Geld, das besser beim anderen aufgehoben wäre. Damit sollte man gar nicht anfangen.

Werden Sie jemals wieder Theater spielen?
Ich komme ja vom Theater, aber seit drei Jahren stehe ich nicht mehr auf der Bühne. Für die Zukunft kann ich das nicht ausschließen. Was mir auf die Nerven gegangen ist am Theater, waren die Wiederholungen, 30 Vorstellungen. Das ist mir mit zunehmendem Alter immer schwerer gefallen. Es muss erst einmal wieder das Sehnsuchtsreservoir für das Theater wachsen. Jetzt ist der Film für mich das Zentrale. Susan Sontag hat einmal gesagt: Wenn Richard Wagner heute geboren würde, würde er Filme machen. Das stimmt. Film ist das adäquate Gesamtkunstwerk für die heutige Zeit. Das Erschaffen eines Films befriedigt Allmachtsfantasien. Das gebe ich ganz offen zu. Das ist das Spiel mit der Schöpfung. Wer das Gegenteil behauptet, will es entweder nicht zugeben oder hat es nicht durchschaut.

Da würden Theaterregisseure widersprechen. Es gibt doch die Idee des großen Welttheaters.
Nicht in dieser Absolutheit. Ich spreche vom „Auteur“ im französischen Sinne, der schreibt, besetzt, dreht, die Fäden der gesamten Produktion in der Hand behält. Kein Theaterregisseur beginnt mit einem leeren Blatt.

Der Filmemacher ist so eine Art Gott – oder Prospero?
Er kreiert sich seine eigene Welt und braucht wie Prospero einen guten und einen bösen Geist. Der gute Geist sagt, es kann nicht bunt und verspielt genug sein.

Und der böse?
Der böse Geist sagt, alles ist lächerlich und sinnlos, was du tust. Aber dafür sind die bösen Geister ja da. Sie ziehen einen herunter auf den Boden, wo wir alle stehen und herkommen. Der böse Geist ist nicht zwingend etwas Negatives. Er sorgt dafür, dass die Dinge Hand und Fuß haben. Wenn ich eine Welt erfinde, muss sie etwas mit uns zu tun haben, zum Du sprechen. Wir machen ja keine Filme, bloß damit sie da sind, oder für uns selbst, sondern damit sie gesehen werden und im Idealfall, damit wir von den Leuten geliebt werden. Die Balance muss stimmen, ein gewisser transzendenter, fantastischer Umgang mit der Wirklichkeit muss sein, eine Schwerelosigkeit – einerseits und andererseits ein im besten Sinne banaler Klang, der das Ganze festhält.

Tipp

„Ausnahmezustand Menschsein“ von Clemens Mägde nach Shakespeares „Sturm“, Ko-Produktion Volkstheater/Brunnenpassage, ab 4. 4., Volkstheater