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Aufräumen in der Burg: Wer kann helfen? Und wie?

A general view of Austria´s historic Burgtheater theatre in Vienna
A general view of Austria´s historic Burgtheater theatre in Vienna(c) REUTERS (HEINZ-PETER BADER)
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Das Burgtheater muss im schlimmsten Fall 13 Millionen Euro einsparen. Geld ist im Theater immer schon Mangelware gewesen. Warum? Und: Was tun? Die dümmste Idee: Auf Stars verzichten. Die beste Idee: Fund Raising.

Über alles gibt's was im Internet, aber ziemlich wenig über Kunst und Geld. Vielleicht, weil das so ein peinliches Thema ist? Künstler finden immer, dass sie zu wenig bekommen. Und, so ist ihr Image, sie geben gern mehr aus, als sie sich leisten können. Aber näher betrachtet: Unterscheidet sie das überhaupt wirklich von Hinz und Kunz, uns allen? Das Burgtheater schlitterte in eine Krise. Es muss ein Defizit von 8,3 Millionen Euro plus fünf Millionen Euro Steuerschulden abdecken. Bei 46,4 Millionen Euro Subvention, doppelt so viel, wie die meisten deutschen Sprechtheater bekommen, sollte das keine Kunst sein. Ist es aber doch. Theater ist personalintensiv. Eigenproduktionen sind teuer, auch wenn die sogenannten Leading Teams (Regisseur, Bühnenbildner usw.) weniger große Summen in die eigene Tasche leiten. Was ist zu tun, was wäre möglich? Hier einige Vorschläge.

Schluss mit dem Repertoire. Nur mehr wenige deutschsprachige Bühnen leisten sich ein Repertoire-System, viele lockern es auf: Es gibt En-bloc-Betrieb, Schließtage, Kleinveranstaltungen. Im angelsächsischen Raum sind täglich wechselnde Vorstellungen weitgehend unbekannt, Auf- und Abbau der Produktionen käme viel zu teuer. Es gibt En-suite-Betrieb, wenn die Aufführung erfolgreich ist, wird sie länger gespielt, manchmal viele Jahre. Außerdem gibt es Tour-Unternehmungen, die z. B. mit Shakespeare durch die Welt reisen. Letztes Jahr war etwa beim Festival Art Carnuntum ein feiner „Lear“ zu sehen.

Bisher haben sich die Bundestheater, zu denen das Burgtheater gehört, heftig gegen die Abschaffung des Repertoire-Betriebs, zu dem sie auch gesetzlich verpflichtet sind, gewehrt. Gesetze kann man ändern. Aber: Mit Übergangsproblemen ist zu rechnen, wie groß diese sind, ist auch eine Frage der Organisation. Ein Beispiel für einen gelungenen En-suite-Betrieb ist das Theater an der Wien. Eine zentrale Frage für die Burg ist: Wie wirkt sich die Umstellung auf Besucherzahlen, Abonnenten aus. Unkenrufe sagen: Fatal!

Abonnenten sind die Säule des Theaters, auch wenn sie an ihren mehr oder weniger fixen Vorstellungstagen – Claus Peymann führte in der Burg das Wahlabo ein – gelegentlich ein Nickerchen halten. Schauspieler murren dann: „Heute haben wir wieder vor 1000 Bulgaren gespielt.“ Damit sich jetzt niemand diskriminiert fühlt: Der Spruch stammt aus der Zeit vor der Wende im Osten. Für die Abschaffung des Abonnements gibt es abschreckende Beispiele: Peter Zadek (1926–2009) löste in den 1980er-Jahren als Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg – das in etwa gleich groß ist wie die Burg und das größte deutsche Theater – das Abonnement auf, was desaströse Folgen für die Auslastung hatte. Muss man Leute per Abo zwingen, ins Theater zu gehen?

Nein, aber wenn möglich sollte man sie nicht daran erinnern, dass sie auch auf das Theater verzichten könnten. Außerdem bekommen sie die Karten günstiger. Manche Abonnenten würden nicht im Traum daran denken, ihr Abo herzugeben: jene der Philharmonischen Konzerte, diese Abos werden von einer Generation zur anderen weitergegeben. Früher war das auch bei Burg-Abos der Fall. Was ist da passiert?

Crowdfunding. Man kann die Kartenpreise erhöhen, aber das würde mit der Zeit zu einem Rückgang der Besucher führen. Man kann Sponsoren, Donatoren, Mäzene suchen, die freilich von Krisen als schwarzen Löchern, in denen ihre guten Gaben verschwinden, nicht begeistert sind. Die Möglichkeiten, Spenden von der Steuer abzusetzen, sind in Österreich begrenzt. In angelsächsischen Ländern ist das besser geregelt. Kunst ist als Investment anerkannt. Interessant ist ein Blick auf den Film: Es gibt alles. Blockbuster bringen Milliarden. Aber auch Kunstfilme haben ihren Markt. Förderungen machen insgesamt nur einen Bruchteil der Finanzierung von Kino-, TV-Filmen aus.

Eine relativ junge Möglichkeit der Filmfinanzierung ist das Crowdfunding (Schwarmfinanzierung). Spenden für bestimmte Projekte werden bei Einzelpersonen eingesammelt, z.B. via Internet. Dieses Modell ließe sich auch für das Theater adaptieren – und aus kleinen Anfängen zu einem Fundraising in größerem Ausmaß entwickeln. Wer spendet z.B. einen Euro für die Burg? Da hat sogar meine 18-jährige Tochter, die selten ins Theater geht, nicht Nein gesagt. Die Bühnenkunst hat aufgrund ihrer Abhängigkeit von der öffentlichen Hand wenig Offenheit für verschiedene Finanzierungsformen entwickelt.

Stadttheater haben ihre strengen und eigenartigen Gesetze: Warum koproduzieren sie nicht mehr, machen Gastspiele? Warum tauschen sie nicht mehr ihre Schauspieler aus? Weil jedes Stadttheater – und letztlich zählt auch die Burg dazu, die sich gern mit dem Titel Nationaltheater schmückt – seine Schauspieler und Produktionen für einen Unique-Selling-Point hält. Aber ist das noch zeitgemäß? Warum haben Burgschauspieler häufig nur wenige Vorstellungen im Monat? Früher sind Größen wie Attila Hörbiger oder Ewald Balser viel öfter aufgetreten.

An einem Theater lässt sich allerlei „verkaufen“. Eine Geschichte dazu: In den 1990er-Jahren stand die Josefstadt am Rande der Pleite, Ursache waren eine künstlerische Offensive mit Aufführungen von Luc Bondy oder Peter Stein – und teure Gäste. Das bereits zugesagte staatliche Umbaubudget musste für die finanzielle Sanierung verwendet werden. Die Josefstadt war so baufällig, dass sie fast keine Betriebsgenehmigung mehr bekommen hätte, die Fassade bröckelte ab.

Burg-Freunde? „Familiensilber“. Der Fondsmanager Peter Pühringer, seine Familie, seine Stiftung, spendeten für die Renovierung der Josefstadt, der Fördererverein u.a. Freunde des Hauses engagierten sich. Der Freunde-Verein des Burgtheaters agiert eher im Verborgenen, wenn er auffällt, dann durch Schimpfen auf den jeweiligen Direktor, vor allem Claus Peymann war beliebte Zielscheibe des Burg-Vereins.

Die Josefstadt-Homepage gibt Einblick in Möglichkeiten zu spenden: Sponsoren gaben Geld für die Sitze und erhielten dafür auf diesen ihr Namensschild. Beim Salzburger Haus für Mozart gab es gute Ergebnisse mit einem Renovierungseuro, der auf die Kartenpreise aufgeschlagen wurde. Vermietungen für Events sind eine weitere Möglichkeit. Das Burg-Ensemble könnte sich für Benefizveranstaltungen zur Verfügung stellen... Immobilien veräußern: Das ist leider keine sehr nachhaltige Maßnahme. Am ehesten kommt Sale and lease back der Burg-Probebühnen im Arsenal infrage, abwickeln würde dies die Bundestheater-Service-Gesellschaft Art for Art. Die Schließung des Kasinos würde bedeuten, dass ein Ort für Ungewöhnliches, Experimentelles wegfällt. Der Bund soll bereit sein, die Immobilie im Stadtzentrum zu verkaufen, die Burg bekäme eine stattliche Summe für das Mietrecht, allerdings eben nur ein Mal.

Der Hanuschhof ist die kostbarste Immobilie der Bundestheater. Wozu braucht ein Theaterbetrieb eine Schneiderei in der City? Doch: Käme ein mutmaßlich hoher Verkaufserlös den Theatern zugute - oder dem Bund?

Smart sparen. Im Moment sind viele verschiedene Ideen im Umlauf, wie man die Burg sanieren könnte. Eines ist mit Sicherheit Unsinn: Stars zu eliminieren. Stars sind das Salz der Kunst, Stars locken das Publikum, in der Oper, in der bildenden Kunst und auch im Theater. Wenn am Burgtheater Größen wie Sunnyi Melles, Corinna Kirchhoff, Martin Wuttke oder Udo Samel – um nur einige profilierte Darsteller zu nennen – nicht mehr auftreten würden, wäre das ein großer Fehler. Aber vielleicht werden nur Ensemble- in Gastverträge umgewandelt. Die Staatsoper führt vor, wie man ein junges Ensemble aufbaut, das an Opernhäuser in aller Welt engagiert wird. Das Burgtheater könnte hier mehr tun. Derzeit scheinen mittlere Kräfte im Vormarsch. Allerdings brauchen Künstler auch Zeit, sich zu entwickeln. Ensemblepflege hat durchaus auch mit Geld zu tun. Doch gerade in Wien gehen Besucher vor allem wegen der Schauspieler ins Theater. Bei der derzeitigen Diskussion um die Burg-Führung sind eher Künstler, Schauspieler als Praktiker im Gespräch: Ein Ratgebergremium von Helga Rabl-Stadler, Salzburger Festspielpräsidentin, Albertina-Chef Klaus A. Schröder, beide sehr beschlagen im Auftreiben von Sponsoren, sowie Art-for-Art-Geschäftsführer Josef Kirchberger als Theaterexperte könnte Ideen für die Burg entwickeln. Bitte ohne Honorar. In letzter Zeit wurde schon genug Geld für Gutachten ausgegeben.

Zuletzt wurde vorgeschlagen, die Bundestheater-Holding zu streichen. Der Vertrag des Holding-Chefs Georg Springer läuft heuer mit Jahresende aus. Weg mit den hohen Managementgagen und der Verwaltung! Die Idee ist naheliegend, aber kurzsichtig. Springer verdient viel. Das ist richtig. Aber das überwiegende Holding-Budget dient den Theatern – für bauliche Investitionen, die sie in Hinkunft immer dringender brauchen werden. Schon heute sieht man den Verfall der baulichen Substanz, nicht an den glänzenden Fassaden und auch noch nicht im Zuschauerraum, aber hinter der Bühne. Der Zustand der Kammerspiele der Josefstadt vor der Renovierung sollte ein abschreckendes Beispiel sein. Wenn man nicht investiert, verfallen Wiens Theater.

Mehr Geld vom Staat. Man muss nicht die Postings auf den Homepages der Zeitungen lesen, um zu wissen, dass Subventionserhöhungen unpopulär sind. Trotzdem hat der entlassene Burg-Chef Matthias Hartmann recht, der von einem „Gulasch“ aus verschiedenen Faktoren gesprochen hat, die die Krise ausgelöst haben. Die Bayerische Staatsoper in München, heute geführt vom ehemaligen Burgtheater-Direktor Nikolaus Bachler, erhält die Tariferhöhungen (jährliche Steigerung der Löhne und Gehälter) vom Staat abgegolten.

Die österreichischen Bundestheater bekamen diese seit 1999 kaum bzw. nur teilweise. Merkwürdig: Staats- und Volksoper konnten trotzdem Rücklagen bilden. Dennoch: Mit der Zeit führt die Verweigerung der Inflationsabgeltung und des Ausgleichs der Gehaltssteigerungen zur Auszehrung der Bühnen – die, das sollte man gerade in Wien nicht vergessen – auch dem Fremdenverkehr dienen. Sprich: Kulturinstitutionen sorgen für Einnahmen der Wirtschaft (Geschäfte, Hotels, Restaurants).

Das zugegeben für den Steuerzahler kostspielige Gesamtkunstwerk Wien schafft Umwegrentabilität. Von dieser profitiert auch die Gemeinde Wien, die nichts für die Bundestheater zahlt, obwohl diese in Wien sind, weil sie die Wiener Bühnen finanziert – bei sinkender Bundesbeteiligung. Trotzdem müssten ein paar Millionen aus dem überaus großzügig dotierten städtischen Kulturbudget für die Burg drinnen sein. Eine andere Möglichkeit: Zentrierung der Mittel. Ein paar Off-Theater schließen, speziell solche, die nicht gut ausgelastet sind. Die Stadt gibt den Off-Bühnen als Avantgardeförderung stattliche 25 Millionen Euro im Jahr.

Die Grünen in der Stadtregierung werden zwar den sprichwörtlichen Baum aufstellen, wenn Geld von kleinen zu großen Institutionen umverteilt wird. Dennoch: In dieser Krise sollte man sich von Häme gegen die Burg verabschieden und zusammen wirken.

Kurze Geschichte einer ersten Bühne, reich an Erfolgen und Turbulenzen

1748 wird das Theater nächst der Burg eröffnet, 1888 das heutige Burgtheater.
Schauspieler klagen über die schlechte Akustik des Baus. Berühmt wird Charlotte Wolter für ihren „Wolterschrei“. Gespielt wird viel Boulevard. In der disparaten Monarchie darf die Burg nicht kritisch sein. Der Kult um die Mimen war geboren.

Gerhard Klingenberg, Achim Benning, Claus Peymann, Nikolaus Bachler...
Klingenberg kämpfte für das Regietheater, Benning gegen den Ruf, ein Linker zu sein. Peymann stritt mit vielen, wurde geliebt, gehasst. Bachler befriedete die Burg, reichte aber an Peymanns Glamour nicht heran. Matthias Hartmann gewann mit Witz, Kulinarik, wurde aber nach Bekanntwerden des Millionendefizits der Burg entlassen.

BURG-KRISE

November 2013. Die ehemalige kaufmännische Geschäftsführerin des Burgtheaters, Silvia Stantejsky, wird entlassen. Sie weist alle Vorwürfe wegen Malversationen in der Buchführung zurück und klagt vor dem Arbeitsgericht.

März 2014. Minister Ostermayer entlässt Burg-Chef Matthias Hartmann. Auch er weist alle Vorwürfe zurück und klagt beim Arbeitsgericht. Der Anwalt der Bundestheater-Holding und des Burgtheaters erklärte am Freitag, dass Hartmann „am Stantejsky-System beteiligt war“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.03.2014)