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Baumbauer: „Wir alle schauen gebannt nach Wien“

Archivbild Frank Baumbauer
Frank Baumbauer(c) APA (Neumayr Franz)
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Frank Baumbauer, über 20 Jahre lang Intendant an deutschen Theatern, rät, die Erregung „herunterzudimmen“, die Schulden auf null zu stellen und dafür zu sorgen, dass keine neuen aufgebaut werden.

Die Presse: Das Burgtheater muss ein Defizit von bis zu 13 Millionen Euro abtragen. Was täten Sie als Intendant?

Frank Baumbauer: Mir wäre das nie passiert! Eher fließt die Isar rückwärts oder die Donau! Das funktioniert ja nicht so, dass man morgens aufwacht und Schulden sind da. Da muss man früher Alarm schlagen.

Ein Teil des Burg-Defizits entstand dadurch, dass der Staat seinen Bühnen lange Zeit die jährlichen Lohnerhöhungen nicht gegeben hat. In Deutschland werden die Tariferhöhungen abgegolten, oder?

Das ist sehr unterschiedlich. Die Kammerspiele in München mussten einen Teil der Tariferhöhungen selbst erwirtschaften. Intendanten müssen der Politik klarmachen, dass, wenn man jedes Jahr durch Nicht-Abgeltung von Inflation und Gehaltserhöhungen drei Prozent verliert, das mit der Zeit auf Kosten der Kunst geht. Das ist doch klar!

Haben Sie Erfahrung mit Fundraising?

In Hamburg gute, in München schlechte. Beim Burgtheater muss man erst mal wieder Vertrauen aufbauen, bevor man private Geldgeber finden kann. Ich würde eine Bad Bank gründen, das macht man ja auch bei Unternehmen. Die Schulden müssen auf null gestellt werden. Mit einem Rucksack voller Steine kann man nicht marschieren. Die Verantwortlichen, Politik, Holding, müssen sich zusammensetzen und die Strukturen so säubern, dass das Burgtheater mit seinen Zuwendungen auskommt und keine neuen Schulden aufgebaut werden.

Hat der entlassene Burgchef Matthias Hartmann Fehler gemacht?

Das kann ich nicht beurteilen. Sicher ist: Hartmann hätte spätestens bei seiner Vertragsverlängerung Bedingungen stellen müssen – und bei Nichterfüllung nicht verlängern dürfen. Bevor Karin Beier nach Hamburg ging, sollten beim Schauspielhaus 1,8 Millionen Euro eingespart werden. Als Beier kam, erhielt sie noch etwas dazu. Das ist die einzige Drehschraube, die wir Intendanten haben, wenn wir kommen und wenn wir verlängern, ich habe es immer so gemacht. Es ging immer ums Sparen, aber wenn ich meine künstlerischen Absichten nicht realisieren kann, gehe ich raus aus meinem Vertrag. Ich hatte sogar eine Ausstiegsklausel.

Wird Beier das Hamburger Schauspielhaus füllen, das so groß ist wie die Burg?

Beier ist sehr ehrgeizig. Sie weiß, dass sie das schwierigste deutsche Theater übernommen hat. Das dreht einen durch die Mangel. Aber ihr ist es zuzutrauen, dass sie es schafft. Nur müsste sie eine Weile in Hamburg bleiben.

Und nicht gleich wieder nach Wien an die Burg abdampfen, beispielsweise 2015/16.

Das darf man grundsätzlich nicht machen. Wenn man den Leuten was verspricht und dann geht, holt einen das irgendwann ein.

Was halten Sie von Interimslösungen wie jetzt an der Burg?

Meine Erfahrung ist: Interimszeiten sind furchtbar, vor allem, wenn sie länger dauern.

Ist die Burg ein wichtiges Theater?

Auf jeden Fall.

Werden wir in zehn Jahren noch ins Burgtheater gehen?

Natürlich! Aber die Situation ist neu. Darum schauen wir alle gebannt nach Wien. Ich meine: Man muss jetzt mal die verständliche Erregung, die da durch Wien schwappt, herunterdimmen. Um nicht immer von einer Bad Bank zu sprechen: Das Burgtheater und seine Mitarbeiter sind die Good Bank. Da muss man jetzt sagen: Hier ist Mist gebaut worden, wir arbeiten den auf – und dann geht alles einen guten Weg. Luft anhalten, stabilisieren, das ist jetzt das Wichtigste.

Wie geht es denn so generell dem deutschen Theater? Nach der Wende gab es üble Prognosen für die Zukunft.

Die deutschen Theater laufen großartig. Die Generationsablöse hat funktioniert, beim Publikum, aber auch auf der Bühne. Es sitzen nicht mehr nur die älteren Semester im Zuschauerraum, die ihr traditionelles Theater sehen wollen. Manchmal ist es natürlich ökonomisch extrem schwierig.

Ist es eine Plage oder eine Freude, Intendant zu sein und diesen Flohzirkus eigenwilliger Kasperln zu managen?

Die Kasperln machen, was sie wollen, klar. Aber der Intendant muss Autorität haben, das hat gar nicht so viel mit Macht zu tun. Die Leute müssen verschweißt sein, Schauspieler, Technik, Verwaltung, müssen an einem Strang ziehen. Das ist gar nicht so schwer. Intendant sein ist auch sehr genüsslich. Man denkt nicht den ganzen Tag, oh Gott, sitz ich in der Klemme zwischen Geldgebern und Mitarbeitern. Oft macht es Spaß, den Leuten, die reingehen, denen, die dort arbeiten, und auch dem Chef. Wir sollten jeden Tag eine Kerze ins Fenster stellen, dass wir in deutschsprachigen Ländern diese Unterstützung vom Staat für die Kultur haben.

ZUR PERSON

Frank Baumbauer, geboren 1945 in München, Sohn der bekannten Theateragentin Erna Baumbauer, war ab 1988 Intendant: in Basel, am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, bis 2010 an den Münchner Kammerspielen. Auf die Frage, ob er sich für die Burg-Direktion ab 2016/17 interessieren würde, sagt er: „Erst wenn ich für Positionen gefragt werde, denke ich darüber nach.“ [ APA/Neumayr ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.03.2014)