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Pop

DJs: Schönbrunner und andere Seelen

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(c) Christine Ebenthal/Die Presse
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Diese sechs Musikproduzenten und DJs sorgen in der heimischen Club-Landschaft für Furore: Julian und der Fux, Ken Hayakawa, Disco Demons, MOTSA und salute.

Vor einigen Monaten wurden in einem Kulturpanorama auf diesen Seiten weibliche DJs und Produzentinnen porträtiert - "Heldinnen der Nacht" - Nun folgt der Nachzügler: Für diese Ausgabe wurden nämlich sechs Männer in die Wiener Club-Location Grelle Forelle und dort vor die Kamera gebeten. Aus den Gesprächen mit diesen Szeneprotagonisten ging Wissenswertes über den Fluch und Segen von Trends in der Clubkultur hervor und über den Status quo des Musikstandorts Wien.

Speckbrot und Schulterklopfen

"Denn ab und zu geht s auf und ab, bin hin und weg, dann wird es knapp", heißt es in "Hin und Weg", der Ende März veröffentlichten Single des österreichischen Produzentenduos Julian & der Fux. Das Elektronikgespann, das mit zweideutigen deutschen Texten und eindeutig ansteckenden Melodien punktet, weiß, wovon es spricht. Das Schulterklopfen von Musikkollegen, -kritikern und vom Feuilleton tut zwar gut, noch besser sind aber verkaufte Platten, bezahlte Downloads und Auftritte, von denen sie halbwegs leben können. "Unser Hauptziel ist es, unseren Weg zu gehen, ohne uns Sorgen machen zu müssen", sagen auch Julian Hruza und Dominic Plainer. Seit dem Beginn ihres Projekts Julian & der Fux im Jahr 2012 setzten die beiden mit Tracks wie "Speckbrot" oder "Altes Ego" Ohrwürmer in die Gehörgänge der Clubgeher. "Über den Dächern" entstand im Vorjahr mit Ken Hayakawa, einer Wiener Techno-Institution.

Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen?

Der 32-Jährige Hayakawa wieder ist schon sein halbes Leben DJ. Der Wiener mit einem japanischen Elternteil begann vor zehn Jahren mit dem Produzieren von Musik, die er als Schönbrunner Techno bezeichnet. Seitdem ist er fixer Bestandteil der heimischen Musiklandschaft und betreibt wie auch Hruza ein eigenes Label, "Schönbrunner Perlen", das wie der Name schon verrät im fünften Wiener Gemeindebezirk ins Leben gerufen wurde. Als maßgeblichen Einfluss für seine elektronischen Kompositionen nennt Hayakawa seine Mutter, eine Klavierlehrerin, die ihn "schon sehr früh zum Üben getrimmt hat". Auch für alteingesessenen (Austro-)Pop hat Hayakawa ein Herz. So hat er 2011 die Rainhard-Fendrich-Nummer "Haben Sie Wien schon bei Nacht gesehen" aus dem Jahr 1985 neu interpretiert ("Wien bei Nacht"). Als der gebürtige Seekirchner seine Karriere an den Plattentellern begann, war ein anderer Protagonist der Wiener Elektronikszene gerade einmal geboren.

Aquacrunk und Futuresoul

Im Falle des gerade einmal 17 Jahre alten salute ist man nämlich versucht, den Begriff "Wunderkind" zu strapazieren. Der gebürtige Wiener mit nigerianischen Wurzeln macht seit knapp vier Jahren Musik. Nicht nur hierzulande wird sein Mix aus RnB, Hip-Hop, Trap, Synth und Soul die er am ehesten als "Aquacrunk" und "Future-Soul" beschreiben würde geschätzt, auch über die Landesgrenzen hinaus ist das Alter Ego salute zum Begriff geworden. Auftritte in Frankreich und in Kroatien beim Lighthouse Festival stehen demnächst an. Sein Remix zu "Money on My Mind" von Großbritanniens Pop-Hoffnung Sam Smith wurde innerhalb eines Monats allein auf der Musikplattform Soundcloud mehr als 250.000-mal gespielt. Der Maturant gehört zweifellos zu den meistgebuchten und auch talentiertesten DJs in Wien. Auch wenn er ein ambivalentes Verhältnis zur Auflegerei hat: "So bitter es auch klingt, das Auflegen ist dank der heutigen Technologie keine übergroße Kunst mehr. Ich persönlich feiere DJs sehr, die auch ihre eigene Musik machen." Dennoch will er lange Nächte in Clubs wie der Grellen Forelle oder der Pratersauna nicht missen. "Heutzutage bekommt man durch das Produzieren allein ja kaum mehr Geld."

Schlaflos in Wien

Auch der 24-jährige MOTSA teilt diese Meinung. "Der klassische DJ hat über die Jahre an Bedeutung verloren", sagt er. Der Wiener, der in Schottland aufgewachsen ist, hat sich gänzlich der Musik verschrieben. Die schlaflosen Nächte scheinen sich für ihn im wahrsten Sinne des Wortes ausgezahlt haben. Seine treibende House-Nummer "Sleepless Nights" erschien im August 2013 auf der CD des britischen Musikmagazins "Mix Mag", seit 1983 ein wichtiger Print-Begleiter in Sachen Clubkultur. Ein Ritterschlag für jeden aufstrebenden Produzenten. Das Feature sieht der junge Wiener als "tolle Promotion". Er bekam dafür zwar kein einziges Pfund, dafür eine Remix- und EP-Anfrage vom renommierten walisischen DJ und Produzenten Sasha. Das tägliche Semmerl verdient sich MOTSA wie auch seine hier erwähnten Kollegen in erster Linie mit schweißtreibenden DJ-Sets. An die Honorare von eigens eingeflogenen Mischpultkünstlern kommen die Wiener Local Heroes freilich nicht heran. Genau diese Gagen-Diskrepanz kritisieren übrigens nicht wenige lokale Größen.

Wien ist nicht Berlin. Und das ist gut so.

Jakob Bouchal vulgo Disco Demons wünscht sich generell ein stärkeres Selbstbewusstsein der heimischen Clubmusik-Standorte. Der junge Oberösterreicher, der in Wien Jus studiert, sagt im "Schaufenster"-Interview: "Wien ist nicht Berlin, wird es auch nie werden, und das ist gut so. Es passieren aktuell viele spannende Dinge in Wien, neue DJs, Produzenten und Labels machen sich einen Namen. Es wird wieder experimentiert, darauf sollte meiner Meinung nach der Fokus liegen." Der 23-Jährige teilt seine Ansichten übrigens auch in seinem Blog discodemons.net. Bouchal geht dabei kritisch auf inhaltsleere, aber finanziell lukrative Genrehypes ein: etwa auf die EDM-Hysterie (EDM steht für Electronic Dance Music) und aktuell auf die populäre Deep House-Musik: "Schade ist das vor allem für jene, die tatsächlich anspruchsvollen Deep House produzieren. Sie sind der Gefahr ausgesetzt, mit all jenen in einen Topf geworfen zu werden, die nur schnelles Geld verdienen wollen", so der Blogger.

Langfristig braucht es vielmehr eine eigene Identität und Individualität, sofern es sie heutzutage angesichts des Überangebots an Einflüssen, Stilen und der Mash-up-Kultur noch geben kann: "Man zeichnet sich als DJ dadurch aus, dass man nicht das Gleiche wie alle anderen macht. So kann ich ohne Probleme ein romantisches Valentinstaglied von den Isley Brothers spielen und danach eine Synthnummer von Rustie auflegen", beschreibt salute seinen Zugang.

DJ-Geschäft als Männerdomäne

Das DJ-Geschäft ist nach wie vor eine "Männerdomäne", meint Disco Demons, der sowohl auf globaler Ebene als auch im Wiener Zusammenhang klaren Aufholbedarf sieht, um das Verhältnis von Frauen- und Männer-DJs auszubalancieren. Der 24-jährige MOTSA befindet es ebenfalls als eine "unbestreitbare Tatsache", dass die gläserne Decke für Frauen auch in der scheinbar so offenen und fortschrittlichen Clubwelt existiere. Julian Hruza von Julian & der Fux gesteht wieder ein, dass wenig passiere, um diesen Zustand zu ändern: "Wir machen dafür weniger, als wir uns vorgenommen haben."

Gut für die Seele

(Partei-)politisch wollen sich die Künstler im Clubkontext nicht instrumentieren lassen. "Politik hat nichts in der Musikkultur verloren", bringt es der 17-jährige salute auf den Punkt. "Man wird eh rund um die Uhr mit Informationen bombardiert. Im Club mag ich es, wenn man beim Wesentlichen bleibt: Es geht ums Abschalten, ums Tanzen, ums Feiern", fasst Techno-Produzent Ken Hayakawa zusammen. Tanzen ist eben gut für die Seele. Für die Simmeringer, Seekirchner und für die Schönbrunner sowieso.

>> Interview mit MOTSA

>> Interview mit Julian und der Fux

>> Interview mit Ken Hayakawa

>> Interview mit Disco Demons

>> Interview mit salute