Künste

Klimadaten auf der Bühne, als Notenblatt und im Museum

Gloria Benedikt schafft Choreografien, die Klimawandeldaten in eine ästhetische Erfahrung verwandeln.
Gloria Benedikt schafft Choreografien, die Klimawandeldaten in eine ästhetische Erfahrung verwandeln.Jason Nemirow
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Eine Sängerin singt den Temperaturanstieg und an die Museumsdecke wird ein Energiefußabdruck in Echtzeit projiziert. Immer mehr Künstlerinnen und Künstler nutzen Klimaforschung für ihre Arbeit.

„Das Theater ist einer der letzten Orte, an dem die Leute ihr Handy abschalten“, sagt die Choreografin Gloria Benedikt. „Das Licht geht aus, es gibt einen Fokus.“ Sie ist davon überzeugt: Will man komplexe und emotionale Themen wie den Klimawandel verhandeln, braucht es genau so einen Raum. „Wir befinden uns in einer existenziellen Krise. Wissenschaftliche Daten zeigen: Wenn wir so weitermachen, könnten wir uns und viele andere Lebewesen abschaffen. Wenn wir aber umlenken, könnten wir in einer gesünderen, gerechteren, sichereren Welt leben. Es liegt an uns.“

Benedikt, die ihre Arbeiten u. a. vor dem EU-Parlament und dem World Science Forum präsentiert hat, ist Absolventin der Ballettakademie der Wiener Staatsoper, der English National Ballet School und der Harvard University. 2015 ging sie ans Internationale Institut für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg (Niederösterreich), um zu untersuchen, wie Wissenschaft und Kunst voneinander profitieren können, damit die gesellschaftliche Transformation zur Nachhaltigkeit gelingt. Welche Rolle das Theater dabei spielen könnte, hat sie in einer jüngeren Publikation argumentiert (Performing against the Catastrophe, TDR, Cambridge University Press, 2023).

Uralte Idee verabschieden

Die darstellenden Künste, so Benedikt, schöpfen ihre Kraft auch aus der kollektiven Erfahrung und seien prädestiniert dafür, Klimawissen in gesellschaftliches Verständnis zu übersetzen. „Wissen allein reicht nicht aus, um zu handeln. Es geht um den großen Perspektivenwechsel, dass die Natur stärker ist und die Ressourcen nicht unlimitiert sind. Aus der uralten Idee ,Macht euch die Erde untertan‘ ist halt nichts geworden.“

Im anglosächsischen Raum ist dieser Zugang als „Eco Theater“ bereits etablierter als hierzulande. In dem Format entstehen wissenschaftlich fundierte künstlerische Produktionen zu Klimarealität und Umweltgerechtigkeit. Charakteristisch dafür: Der Mensch steht nicht zwangsläufig allein im Mittelpunkt, aufgezeigt werden zum Beispiel Verbindungen und Abhängigkeiten aller lebenden Organismen und den Rahmen bilden lange Zeiträume. Gewollt seien weder dystopische Stücke, noch Happy Ends à la Hollywood, erklärt Benedikt: „Wir wollen realistisch bleiben, aber auch Hoffnung geben. Damit plagen wir uns irrsinnig.“ Nicht zuletzt gelte es den Spagat zu schaffen, konstruktiv zu bleiben, ohne zu moralisieren und in Dogmatismus zu verfallen. „Das Publikum sollte nachher auch nicht weggehen und sich denken, es ist eh zu spät.“


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