Replik

Doktor Döpfner und Mister Mathias

Meinung, wo es Haltung braucht, und Unterhaltung, wo Meinung gefragt wäre: Ein Medienmanager als janusköpfiger Politaktivist.

Was macht ein interessierter Leser mit dem Vorabdruck („Zu früh aufgeben sollte man Europa nicht“ von Mathias Döpfner, 18. 4. 24) eines Politbuchs, in dem fast jeder Satz zwischen trivial und x-beliebig changiert, und das den Archetypus eines lobbyierendem Essayismus darzustellen scheint? Ist das gar das Werk einer KI? Nein, die Erläuterungen wirken denkbar unkünstlich-intelligent, durchsetzt mit menschelnd-ideologischem Denkschweiß.

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Am gerechtesten wird der analysierende Leser dem Text wohl, wenn er die essayistische Hervorbringung mit der halb verdeckten Interessenlage des Autors und dessen öffentlich bekundeter Privatmeinung abzugleichen versucht.

Mathias Döpfner, seit 2002 Vorstandsvorsitzender des Springer-Konzerns, malt die Wände unserer dystopischen Welt schwarz. Er beschreibt, wie der Westen Putin und andere Autokraten unterschätzte. Er bilanziert, dass es bei den aktuellen Konflikten um Schwächung der Weltmacht USA und um Unterminierung der Demokratie geht. Alles schön, gut, logisch, doch leider nach ungenießbarem Rezept zusammengestellt.

Döpfners Politgericht

Wild mixt er zwei Kriege, eine Inflation, eine Rezession (egal, wie kurz und wo es sie gab), eine Pandemie (egal, ob schon vorbei), einen „woken“ Kulturkrieg (egal, ob existent), einen Bauernprotest (oh, erinnert uns an frühere), einen Klimawandel und schließlich eine „narzisstische Instagram­Gesellschaft“ zu seinem Politgericht. Übermäßige Vertiefung ließe ja die intellektuelle Unschärfe des Gedanken-Eintopfs hervortreten! Als Pfeffer und Salz fungiert Döpfer’sches Partikularinteresse.

Eine beachtenswerte, wenn auch steile These: Sowohl der russische als auch der Krieg gegen den Hamas-Terror „sind nur Stellvertreterkriege für den wahren Konflikt zwischen den USA und China“. Den Stellvertreterkrieg­Topos benutzen links- und rechtsextreme Denkschmieden heute gern, um die Verantwortung realer Akteure zu vernebeln – in diesem Fall läge nun umgekehrt nahe, Putinismus und Islamismus als sekundäre Probleme zu begreifen. Doch egal, irgendwann schnippt der Topmanager mit den Fingern, meint, dass in der „Krise eine große Möglichkeit“ liege, stellt fest, dass China ur-ur-urgefährlich sei, und fordert den Aufbruch Europas, des „Kontinents der Vielfalt“, als „Modernisierungsmagnet“, da andere „Alternativen schlechter“ wären.

Nicht jeder hierzulande kennt ihn, aber Döpfner geistert oft durch deutsche Medien. Er war jener Mann, der im Herbst 2020 in einer Mail (die er später als „Scherz“ bezeichnete) seinen Mitarbeitern ernsthaft und argumentreich ein „in sich gehen und beten“ für Donald Trumps Wahlsieg nahelegte – Trump bedankte sich später extra –, jener, der den rechtslastigen, wegen Machtmissbrauch in Bedrängnis gekommenen Ex-„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt als den „letzten und einzigen Journalisten in Deutschland, der noch mutig gegen den neuen DDR-Obrigkeitsstaat aufbegehrt“ bezeichnete – Reichelt leitet inzwischen ein Fake-News-Medium –, jener, der den Klimawandel jovial guthieß und „die Ossis“ als „entweder Kommunisten oder Faschisten“ verhöhnte. Döpfner wehrte sich gegen die Veröffentlichung privater Messages, musste aber die Begründung des Deutschen Presserats hinnehmen, er habe sie nicht privat, sondern als Vorstandsvorsitzender verfasst.

Nicht ohne Medienkritik

Das aktuelle Buch bringt nun weniger der Vorstandsvorsitzende Dr. Döpfner auf den Markt, als ein halbprivater Mr. Mathias, der im Vorwort versichert, Linke würden ihn für allzu rechts halten und umgekehrt – alter Trick, sich ins Recht zu setzen –, und schamhaft-stolz berichtet, dass Putin ihm einst eine Eskorte zum Airport mitsandte. Der Vorabdruck kommt nicht ohne Medienkritik aus. „Altehrwürdige journalistische Marken“ würden durch „aktivistisches“ Agieren ihren eigenen „Zerfall beschleunigen“ – ganz im Gegensatz, möchte man hinzufügen, zum Boulevard der „Bild“, deren Aktivismus traditionell darin bestand, die arbeitende Bevölkerung mit Sport, Klatsch und Tittitainment in falschem Bewusstsein ruhigzustellen.

Mächtige Menschen reden nie nur wegen der schönen Worte. Und so hören wir die Agitation der Döpfner & Mathias-Lobbyabteilung störend laut mitklappern. Der Großaktionär interpretiert „staatlich gesponserten Kapitalismus“ leicht paranoid als schleichende Staatsbürger-Gewöhnung an das chinesische Modell – quasi der eigenständigste Gedanke. Der ehrenwerte Impetus, unsere Demokratie zu retten, gerät Döpfner, dem befangenen Medienzaren, zum Tanz-den-Neocon-Kulturkampf. Er beklagt „freiheitseinschränkende Methoden“ der Klimapolitik, lässt sich wie ein Stargast von FPÖ-TV über die WHO aus, und zum Scoren des obligaten, billigen Anti-Woke-Punkts jammert er über die „immer intoleranter werdende Toleranzbewegung“.

Texte haben ihm bisher nicht gerade den Ruf eines Meisters der Exaktheit eingebracht. Stefan Niggemeier erwarb sich im Blog „Übermedien“ das Verdienst – und erlaubte sich auch den Spaß – immer, wenn Döpfner bei Reden als Präsident des deutschen Zeitungsverleger-Bundesverbands eine Falschnachricht (etwa: im Freibad von Neuss sei auf einmal Bockwurst geächtet, Schweinefleisch-Ablehnung, Islam-„Unterwerfung“) verbreitete, mit einem Faktencheck zu kontern, wobei Niggemeier Lügen behutsam als Lügen bezeichnete, ohne je geklagt zu werden. Döpfner sät habituell Meinung, wo es Haltung bräuchte und imitiert Unterhaltung, wo Meinung gefragt wäre. Klar muss man ein solches Buch nicht lesen. Aber mit etwas KI­Unterstützung könnte man es wohl alle zwei Monate schreiben.

Martin Amanshauser (*1968 in Salzburg) arbeitet als Autor und Reisejournalist (u. a. im „Schaufenster“ der „Presse“).

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