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Franz Welser-Möst: "Ich habe im Leben genug Geld verdient"

(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)
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Der österreichische Dirigent Franz Welser-Möst erklärt, warum Oper wie Sport ist, er nichts von Monopoly, aber viel von Aktien hält und unter welchen Umständen er umsonst dirigiert.

Die Presse: Sie sind ein sehr erfolgreicher Dirigent. Gab es im Lauf Ihrer Karriere auch Aufführungen, bei denen Sie ausgebuht wurden?

Franz Welser-Möst: Ja. Zum ersten Mal passierte das 1991 an der Deutschen Oper Berlin. Das kam so: Götz Friedrich, damals Intendant, wollte mich als neuen Generalmusikdirektor. Mit dem alten Generalmusikdirektor, Sinopoli, hatte er sich zerstritten. Ich wusste davon nichts. Da ging eine Sinopoli-Fraktion in meine Fidelio-Aufführung und hat mich regelrecht von der Bühne gefegt. Am nächsten Tag hat mich Götz Friedrich zu sich gerufen und sagte: „Weder das Publikum noch die Presse engagieren Sie, sondern ich.“ Das fand ich sehr beruhigend. Ich bin auch hier schon ausgebuht worden. Oper ist wie Sport. Das ist auch Teil der Lebendigkeit eines solchen Betriebs.

Nimmt man so etwas persönlich?

Beim ersten Mal war ich am Boden zerstört, weil ich ja nicht wusste, was die Hintergründe waren. In Wien gibt es zum Beispiel einen Herrn, der Christian Thielemann (deutscher Dirigent, Anm.) vergöttert. Jedesmal, wenn ich Wagner dirigiere, buht er mich aus. Das finde ich irgendwie rührend. Ich lächle dann immer in die Richtung, wo er sitzt.

Sind Sie vor Aufführungen heute noch nervös?

Nein, fast nicht mehr. Das letzte Mal nervös war ich beim ersten Neujahrskonzert. Hinter der Bühne sind alle aufgeregt herumgerannt. Das hat mich echt nervös gemacht.

Ist das Neujahrskonzert das Höchste in der Karriere eines Dirigenten?

Ja, absolut.

Auch finanziell?

Auch das. Wenn ein Konzert in über 80 Länder übertragen wird, das macht einen dicken Batzen Geld aus. Allein die Fernsehrechte.

Verdienen Sie auch mit Tonträgern Geld, oder ist das marginal?

Tonträger sind tot. Die sind nicht dazu da, um Geld zu verdienen. Eine CD-Aufnahme ist PR für einen, die jemand anderer bezahlt. Wir veröffentlichen auch CDs von Live-Mitschnitten: Da habe ich kürzlich eine Abrechnung über 14,76 Euro bekommen.

Wollten Sie schon als Kind Dirigent werden?

Ab dem 14. Lebensjahr wollte ich auf jeden Fall Musik machen. Mein Traum wäre es gewesen, in einem möglichst guten Orchester, vielleicht bei den Wiener Philharmonikern, in der zweiten Geige eine Stelle zu bekommen.

Da sind Sie ja doch weiter gekommen ...

Ich bin jedenfalls nahe bei den zweiten Geigen (lacht).

Konnten Sie Ihren Lebensunterhalt gleich bestreiten?

Ja, ich bin da hineingerutscht. Ich war erstaunt, als ich mit 25 Jahren das Angebot bekam, bei einem Orchester in der schwedischen Provinz Chef zu werden, nachdem ich einmal als Gastdirigent dort war. Dann hat eines das andere ergeben. Über Geld habe ich nie groß nachgedacht.

Spielt das Finanzielle bei Ihren Engagements keine Rolle?

Wenn man in dieser Liga spielt, hat man einen Preis, der nicht verhandelbar ist. Das wissen die Veranstalter auch. Ich halte das so: Entweder kann jemand meine Gage zahlen, oder ich mache es gleich umsonst. Etwa wenn es um junge Leute geht, wie beim Webern-Orchester der Uni Wien.

Früher war Ihnen das Geld egal?

Früher war ich froh, dass ich irgendetwas bekomme. Aber sobald man bekannt ist, kommen die Manager, verhandeln und versuchen in eigenem Interesse, möglichst viel herauszuschlagen. Ich habe mich nie darum gekümmert.

Aber Sie haben sich dafür eingesetzt, dass die Orchestergagen erhöht werden ...

Beim Wiener Staatsopernorchester haben die Musiker damals um 30 Prozent weniger verdient als in vergleichbaren anderen Häusern in Europa, etwa in München. Früher war es für einen Orchestermusiker das Höchste, Mitglied der Wiener Staatsoper oder der Wiener Philharmoniker zu werden. Aber kurz bevor ich mein Amt hier antrat, haben zwei junge Musiker gekündigt. Das ist vorher nie vorgekommen. Da läuten die Alarmglocken.

Was wollen Sie in Ihrer Karriere eigentlich noch erreichen?

Ich bewege mich mehr und mehr in die Richtung, dass ich weniger tun will, das dafür umso besser. Ich strebe nach Bedingungen, um ein Stück so nahe wie möglich dem Ideal in meiner Vorstellung zu realisieren. Meine Ansprüche werden auch immer höher. Das ist in einem Repertoirebetrieb wie der Staatsoper natürlich schwieriger, weil man immer Kompromisse schließen muss. Man kann nicht 300 Abende im Jahr– so viele Spielabende gibt es an der Staatsoper– Festspiele haben.

Lehnen Sie oft Angebote ab?

Ja. Wenn ich alle Angebote annehmen würde, müsste mein Kalender das Dreifache an Zeit haben.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Angebote aus?

Ich habe zwei Chefposten, die haben oberste Priorität. Da bleibt nicht viel Zeit. Dann gibt es noch die Salzburger Festspiele. Ich trete kaum irgendwo anders als Gastdirigent auf. Ich bin auch von meiner Konstitution her nicht so gebaut, dass ich 52 Wochen im Jahr durcharbeiten kann. Ich brauche Auszeiten.

Können Sie sich vorstellen, in Pension zu gehen?

Nein, aber weniger zu machen. Ich habe mir vor zwei Jahren auf meinem Grundstück am Attersee ein zweistöckiges Haus gebaut, das nur Bibliothek ist. Das war ein Kindheitstraum von mir, den ich mir erfüllt habe. Dort möchte ich mehr Zeit verbringen.

Könnte man Ihren Job denn in Teilzeit ausüben?

Nein, das geht nicht. Man kann auch nicht Teilzeit-Bundeskanzler sein. Aber wenn ich diese Position einmal nicht mehr habe, werde ich in aller Freiheit und ohne Kompromisse einfach gezielt jene Stücke heraussuchen, die mir persönlich am Herzen liegen. Wenn das dann jemand – ob in der Staatsoper oder bei den Salzburger Festspielen– haben will, dann mache ich es. Und sonst eben nicht. Ich habe in meinem Leben genug Geld verdient. Ich habe ausgesorgt und unterliege keinem Arbeitszwang aus finanziellen Gründen. Das ist ein Privileg, das nicht viele haben.

Sie sind in Ihrem Job ein Einzelkämpfer. Wie verbessern Sie Ihr Handwerk, wenn Sie sich nicht mit anderen messen können?

Mit gnadenloser Selbstkritik. Ich kann mit einer Aufführung glücklich, aber ich darf nie zufrieden sein. Ich habe einen inneren Computer, der abspeichert, was verbesserungswürdig ist. Das quält einen. Ohne dieses Quälen kommen Spitzenleistungen nicht zustande. Aber jetzt haben wir gar nicht über meine Geldanlage geredet ...

Wie haben Sie Ihr Geld angelegt?

Ich habe einen guten Vermögensverwalter. Selbst mache ich es nicht. Ich bin keiner, der Monopoly spielt. Ich investiere viel in Aktien, aber nur von Firmen, die ich selbst beurteilen kann.

Ab wann war Ihnen klar, dass Sie einen Berater brauchen?

Ab einer gewissen Summe. Ich unterhalte mich mit ihm immer wieder, rede überhaupt gern mit Wissenschaftlern, Wirtschaftstreibenden, Politikern. Für mich gibt es nichts Langweiligeres, als wenn die Leute nur über Musik reden wollen.

Passiert Ihnen das oft, dass die Leute denken, mit Ihnen über Musik reden zu müssen?

Ja, ich versuche dann immer, höflich die Kurve zu kriegen, damit wir über etwas anderes reden.

ZUR PERSON

Franz Welser-Möst (*1960) ist ein österreichischer Dirigent und seit dem Jahr 2010 Generalmusikdirektor der Wiener Staatsoper. 1985 gab er sein Debüt bei den Salzburger Festspielen, von 1990 bis 1996 war er Musikdirektor des London Philharmonic Orchestra, viele Jahre war er auch für das Opernhaus Zürich tätig. Seit 2002 ist er Musikdirektor des Cleveland Orchestra. In den Jahren 2011 und 2013 dirigierte Welser-Möst das Neujahrskonzert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2014)