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Voest-Chef:„In der Politik ist vieles nicht rational“

Wolfgang Eder
(c) Clemens Fabry / Die Presse
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Rahmenbedingungen, die das Überleben für Firmen schwer machen, und gleichzeitig Millionenhilfen für nicht überlebensfähige Unternehmen – dies zeige die Widersprüchlichkeit der heutigen Politik, sagt Voest-Chef Wolfgang Eder.

Die Presse: Sie kritisieren seit Jahren die Regierung wegen der Standortpolitik. Nun können Sie sich vor „Nachahmern“ nicht mehr retten. Freut Sie das?

Wolfgang Eder: Ich glaube, es ist damit gemeinsam ein Bewusstsein geschaffen worden, dass die Firmen bei den Rahmenbedingungen an die Grenzen stoßen. Jetzt ist es sinnvoll abzuwarten, ob der Dialog mit der Politik kommt. Mehr ist dazu derzeit nicht zu sagen.

 

Vor zwei Wochen haben Sie in den USA den Spatenstich bei einem neuen Werk gesetzt. Gibt es dort den Dialog mit der Politik, den Sie in Europa vermissen?

Ja, diesen Dialog gibt es dort sehr ausgeprägt. So hat sich die US-Regierung etwa im Herbst eineinhalb Tage Zeit für Gespräche mit Unternehmen genommen. Denn eines ist in den USA klar: Egal welches politische Lager dominiert, man wird die Kernstärke der USA – die Wirtschaft – nicht schwächen.

 

Kritik gibt es aber auch an Ihnen: Manche sagen, dass das neue Werk gar nie in Österreich geplant gewesen sei, weil man ja einen Hochseehafen benötige.

Würden wir das Werk in Europa bauen, wären die Produktionskosten pro Jahr rund 80 Mio. Euro höher. Daher scheidet Europa als Standort von vornherein aus. Es geht hierbei auch gar nicht um Österreich, das ist nur ein kleines Boot in einem großen europäischen Strom. Deshalb vergleichen wir auch nie die Energiepreise innerhalb der EU, sondern zwischen EU und anderen Wirtschaftsregionen.

 

Wie könnten die Energiekosten in Europa gesenkt werden?

Europa produziert genug Strom. Das Problem ist das Netz. Das ist europaweit einfach zu wenig durchlässig. Wir müssen also weg vom Energieprovinzialismus und nationalen Interessen. Es müssten Produktion und Netze im Rahmen eines europäischen Gesamtplans einmal zusammengefasst und dann effizient positioniert werden. Derzeit wird im Energiebereich von Kleinstversorgern vielfach überinvestiert, weil es keine Abstimmung gibt. Das zu ändern, würde die Preise um 20 Prozent senken.

 

Heimische Versorger sind im EU-Vergleich winzig. Braucht es hier eine Konzentration?

Ich will mich jetzt nicht in die österreichische Energiewirtschaft einmischen. Aber bei diesem Thema muss auch die Politik irgendwann klare Zeichen setzen.

 

Ein anderer Kritikpunkt der Stahlindustrie ist das CO2-Handelssystem. Mit Gratiszertifikaten hat die Branche unter dem Strich aber sogar Gewinne gemacht. Ist das nicht etwas verlogen?

Von uns können Sie da aber nicht reden ...

 

... es stimmt, die Voestalpine ist die große Ausnahme.

Grund für diese Situation ist, dass es 2007 den Ländern überlassen war, wie viele Gratiszertifikate sie verteilen. Und die Länder, in denen unsere Konkurrenten sitzen, waren da großzügig. Wir wurden wesentlich strenger als alle anderen behandelt, weil Österreich auch damals unbedingt das Umwelt-Musterland sein wollte. Das, obwohl wir beim CO2-Ausstoß auch schon 2007 die Benchmark waren.

 

Trotz all dieser Punkte äußert die EU-Politik den Wunsch nach Re-Industrialisierung. Bis 2020 soll der Industrieanteil wieder 20 Prozent betragen. Realistisch?

Dieser Plan ist vergleichbar mit dem Lissabon-Ziel, bei dem 2000 gesagt wurde, bis 2010 soll die EU der wettbewerbsfähigste Wirtschaftsraum der Welt werden. Nach drei Jahren ist dieses Ziel in der Versenkung verschwunden. Das wird auch jetzt so sein. In der Realität ist der Industrieanteil seit 2000 von 18 auf 14 Prozent gesunken. Und der Trend geht nach unten.

 

Wieso findet die Industrie bei der Politik so wenig Gehör?

Die Wurzeln dafür liegen 30 Jahre zurück, als die Ökologie-Bewegung in Europa erstarkte. Das war berechtigt, weil in den Nachkriegsjahren viel Schindluder mit der Umwelt getrieben wurde. Es wurde aber das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Erst langsam werden Stimmen laut, ob wir nun nicht in die andere Richtung übertreiben.

 

Müssen wir uns also an ein Europa ohne Grundstoffindustrie gewöhnen? Wäre das schlimm?

Wenn die Stahlindustrie aus Europa weggeht oder vertrieben wird, dann dauert es nicht sehr lange, bis auch die Autoindustrie verschwindet. Man kann VW oder BMW nicht aus Brasilien oder China beliefern. Das gleiche gilt für den Maschinenbau und andere weiterverarbeitende Industrien. Wenn man also die Stahlindustrie aus Europa vertreibt, stellt man nicht die 370.000 Arbeitsplätze der Branche in Frage, dann stellt man am Ende des Tages 20 Mio. Arbeitsplätze in Frage. Und das ist der Politik sehr schwer vermittelbar.

 

Gerade die Politik wendet mitunter aber auch Millionen auf, um etwa in Frankreich unrentable Stahlwerke zu retten.

Das ist ja das Widersprüchliche, dass wir einerseits mit Auflagen eingedeckt werden, die das Überleben immer schwieriger machen, und dann werden Millionen in nicht überlebensfähige Firmen gesteckt. Das ist ja schizophren. In der Politik ist halt vieles nicht rational.

 

Gibt es eine Zukunft für die Industrie in Europa?

Wenn wir in Europa eine neue Kommission bekommen, die die Bedeutung der Industrie versteht, dann ist die Rettung noch zu schaffen. Wenn wir aber weitere vier Jahre versäumen, dann ist die Industrie endgültig in Frage gestellt.

 

Das hieße dann auch keine Re-Investitionen in Linz.

Etwa 2025 sind Schlüsselkomponenten in Linz am Ende der Lebensdauer. Aufgrund von technischen Planungszeiten muss die Entscheidung, was und wo wir es machen, bis zum Jahr 2020 getroffen werden. Und bis dahin ist es nicht mehr lange.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2014)