Ukraine: Indizien für Waffen aus Russland für Rebellen

Polnische Soldaten mit
Polnische Soldaten mit "Grom"-LuftabwehrraketenPolish Ministry of National Defence

Ukrainische Soldaten wollen im östlichen Unruhegebiet tragbare Luftabwehrsysteme des polnischen Modells "Grom" gefunden haben. Sie könnten über Umwege aus Georgien und Russland dorthin gelangt sein.

Für die ukrainischen Streitkräfte und jeden militärisch halbwegs informierten Beobachter war das ziemlich dramatisch: Anfang Mai schossen ethnisch russische Aufständische in den Unruhegebieten der Ostukraine an zwei Tagen insgesamt drei schwere Kampfhubschrauber des Typs Mil Mi-24, Nato-Code "Hind" (Hirschkuh) ab - und zwar zwei dieser Maschinen mit tragbaren, von der Schulter aus startbaren Luftabwehrraketen.

Zwei Besatzungsmitglieder starben, mehrere überlebten verletzt (eine Hind hat zwei bis drei Crewmitglieder und kann zudem acht Soldaten befördern, man nennt sie daher auch "fliegenden Schützenpanzer").

Ukrainische Mi-24
Ukrainische Mi-24 "Hind" im Tiefflug über RebellengebietEPA

Der Einsatz solcher Waffen gegen Fluggeräte in niedrigen Höhen, der für den Schützen meist sehr einfach ist und unter vorteilhaften Umständen eine hohe Trefferquote verspricht, ist bei Militärs und Terrorbekämpfern weltweit gefürchtet; immerhin gelang es bisher, die Verbreitung dieser "Fliegerfäuste" außerhalb regulärer Streitkräfte halbwegs einzudämmen - jedenfalls weit besser, als es bei tragbaren Panzerabwehrwaffen ("Panzerfäusten") gelang. Und die seit Jahrzehnten, vor allem aber seit dem Terror vom 11. September 2001 befürchteten Wellen von Abschüssen ziviler Flugzeuge durch Terroristen mit solchen Fliegerfäusten blieben auch weitgehend aus (siehe: zur Geschichte der "Fliegerfäuste").

Reste einer abgeschossenen Mi-24
Reste einer abgeschossenen Mi-24imago/ITAR-TASS

Die bei den Abschüssen in der Ukraine benutzten Modelle waren nicht bekannt, vermutet wurde, es seien Systeme vom russischen Typ SA-16 "Gimlet" oder SA-18 "Grail" gewesen, die Russen sagen "Igla" (Nadel) dazu. Beide kommen in russischen als auch ukrainischen Arsenalen vor und es gab mehrfach Berichte, dass solche Fliegerfäuste aus ukrainischen Depots geraubt worden seien.

Fundort nahe Kramatorsk

Nun aber wollen ukrainische Soldaten am 18. Mai nahe Kramatorsk im Donezk-Gebiet einen brisanten Fund gemacht haben, der zwar einerseits nach Polen weist, andererseits aber letzlich Russland ins Scheinwerferlicht stellt: Demnach, so das Verteidigungsministerium in Kiew, seien bei Separatisten Fliegerfäuste (man nennt sie kurz auch MANPADS, nach dem englischen Kürzel für "man-portable air-defence system") vom polnischen Typ "Grom" (Donner) gefunden worden. Die Rebellen hätten damit das Umfeld eines Fliegerhorsts bedroht. Der Fundort liegt übrigens nur etwa 20 Kilometer entfernt vom Abschussort der zwei von Raketen getroffenen Hind-Kampfhubschrauber.

Ein mutmaßliches
Ein mutmaßliches "Grom"-StartrohrUkrainisches Verteidigungsministerium

Auf einem Foto (siehe oben) ist ein Abschussrohr mit der Aufschrift "ROM E2" zu sehen, diese dürfte aufgrund des Blickwinkels verstümmelt sein und tatsächlich "GROM E2" lauten, nach der modernsten Version dieser Waffe, die neben Polen bisher, laut Angaben von Militärexperten, auch in Indonesien, Peru und Georgien benutzt wird. Ein weiteres Bild zeigt eine der gefundenen Waffen in ihrer Gesamtheit, nämlich Startrohr, Trageschaft und Batterieblock (s. nebenstehend).

Eine der gefundenen FliegerfäusteUkrainisches Verteidigungsministerium

Dass Polen aber die russischen Rebellen in der Ukraine beliefert haben dürfte, ist auszuschließen. Vielmehr verläuft die heiße Spur zunächst über Georgien: 2007/08 wurden nämlich, Angaben des UN-Registers über den Handel mit konventionellen Waffen zufolge, 30 Startblöcke und 100 Grom-Raketen vom Hersteller "Mesko" in der südpolnischen Stadt Skarżysko-Kamienna nahe Radom nach Georgien geliefert. Sie kamen dort noch im August 2008 während des mehrtägigen russisch-georgischen Krieges zum Einsatz, polnischen Angaben zufolge wurden zwölf Groms abgefeuert und hätten neun Ziele (Flugzeuge bzw. Hubschrauber) getroffen - eine sehr hohe, aber nicht unwahrscheinliche Trefferquote von 75 Prozent.

Von Russen in Georgien erbeutet

Im Zuge der Gefechte erbeuteten freilich russische Truppen, wie das Militärfachmagazin "Jane's Defence" berichtet, mehrere Container mit einer unbekannten Anzahl von Grom-Raketen in ihren Startrohren. Wenig später gab zudem das russische Militär in Tschetschenien bekannt, dass bei dortigen Rebellen ebenfalls Groms erbeutet worden seien, sie dürften auch aus georgischen Beständen gestammt haben, das ist aber ungewiss. Wie dem auch sei: Jedenfalls dürfte sich die heiße Spur der polnischen Fliegerfäuste über Russland fortgesetzt haben und nun in den Unruhegebieten der Ostukraine enden.

Noch ein zweites, etwas komplizierter zu beschreibendes Indiz untermauert diesen Verdacht. Dazu muss man wissen, dass bei vielen MANPADS, etwa der Grom, die Startrohre nicht wiederbefüllbar sind oder das nur von Fachleuten in der Fabrik oder Technikern hinter der Front gemacht werden kann. Nach dem Start der Rakete wird das Rohr dann vom Trageschaft und der Batterieeinheit abgenommen und ein neues Rohr mit Rakete darin wird an diese Teile angeschlossen.

Verräterische Kombination

Nun sollen die in der Ostukraine gefundenen Fliegerfäuste eigenartigerweise Kombinationen aus polnischen Grom-Startrohren mit Schäften und Batteriekästen des russischen SA-18-Systems sein - das ist technisch an sich nicht sehr schwierig, weil beide Systeme von der Grundarchitektur her gleich sind. 2008 allerdings sollen die Russen in Georgien, Berichten zufolge, in den Containern nur Grom-Rohre und -Raketen, nicht aber dazugehörige Schäfte und Batterien erbeutet haben. Das wiederum legt die Annahme sehr nahe, dass die jetzt aufgetauchten Grom-Startrohre in der Ukraine tatsächlich aus jener in Georgien gemachten Beute stammen.

Seitens des Herstellers Mesko gab es vorerst keine Stellungnahme.

Die Grom wurde in den 1990ern in Polen im Kern aus russischen Vorgängern wie der heute in vielen Armeen verbreiteten "Strela" (SA-7 "Grail") und der SA-18 konstruiert. Mesko hatte schon in den 1970ern die Strela in Lizenz gebaut und daher Erfahrung damit. Zudem heißt es, dass der polnische Geheimdienst nach dem Zusammenbruch der UdSSR Baupläne der SA-16/18 in Sankt Petersburg unter der Hand gekauft habe.

Libyscher Rebell mit SA-7 aus Regierungsarsenalen während des Bürgerkriegs 2011
Libyscher Rebell mit SA-7 aus Regierungsarsenalen während des Bürgerkriegs 2011Reuters

Ab 1995 wurde die Grom in Serie gebaut. Das Geschoss ist eine rund eineinhalb Meter lange Rakete Kaliber 72 Millimeter, die eine Endgeschwindigkeit von 650 Meter pro Sekunde erreicht. Reichweite: rund 5,5 Kilometer bzw. maximale Flughöhe 3,5 Kilometer. Das Ziel wird mittels eines Infrarotsuchkopfs automatisch verfolgt und angeflogen, der Schütze muss es nur anvisieren und dann abdrücken - der Angelsachse sagt "fire and forget" dazu.