Von Autonomie bis Utopie: Was Bildung braucht

Volksschulkinder
Volksschulkinder(c) FABRY Clemens

Wie könnten die Bildungschancen in Österreich verbessert werden? Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Was müsste an den Universitäten geschehen? Kurz: Wo sollten die Bildungsreformen ansetzen?

Österreich gilt im internationalen Vergleich nicht unbedingt als ein Land, das in puncto Bildung Chancen im Übermaß bietet. Dass nur jeder Vierte hierzulande einen höheren Bildungsabschluss erreicht als seine Eltern, ist bekannt. Auch PISA-Studie und Bildungsstandards zeigen wieder und wieder: Mit Chancengerechtigkeit sieht es nicht sonderlich gut aus. Dass so auch Talente verloren gehen, muss nicht gesondert betont werden.

Was braucht es also, um die Bildungschancen zu erhöhen? Eine Änderung des Systems? Ein Überdenken mancher Einstellungen? Und wo gilt es anzusetzen?

Neu sind diese Fragen nicht. Doch gemeinhin werden sie rein ideologisch diskutiert (dafür umso erbitterter). Gesamtschule versus Gymnasium, Beschränkungen an den Universitäten oder freier Zugang für alle: Die immer gleichen Debatten trüben bisweilen den Blick auf andere Lösungen – womöglich bessere, vielleicht weniger ideologisch gefärbte. „Die Presse“ hat zehn Persönlichkeiten aus den unterschiedlichsten Bereichen – aus Wirtschaft und Kultur, aus Bildungsinitiativen und aus der Wissenschaft – gebeten, ihre drei Ideen für mehr Chancen zu formulieren.

In manchen Punkten sind sich die Ideengeber erstaunlich einig – wenn es etwa darum geht, dass es früh anzusetzen gilt, im Kindergarten oder davor. Darum, dass die Lehrer ein zentraler Faktor sind, dass sie entsprechend ausgewählt, ausgebildet und anerkannt werden müssen. Dass es mehr Freiraum braucht. Und dass Verschiedenheit nicht als Bedrohung, sondern als Chance begriffen werden soll.

In anderen Punkten gehen die Meinungen auseinander. OMV-Chef Gerhard Roiss wünscht sich mehr Wirtschaftsnähe in der Bildung, Kabarettist Thomas Maurer weniger. Und die Wissenschaftlerin Elke Gruber fordert wieder einen utopischen Entwurf von Bildung: dass diese dazu da ist, um das Leben der Menschen zu verbessern. (beba/jtk/j.n./rovi)

Veit Sorger, Uni-Rat an der TU Wien und Ex-IV-Präsident

Bundesrahmen für Kindergärten. Bildung beginnt bereits vor der Schule. Daher sollte es bei Diskussionen um Kindergärten auch nicht um reine Betreuung, sondern um Bildung gehen. Wie gut oder schlecht die Qualität ist, hängt derzeit vom Wohnort ab. Das ist alles andere als zeitgemäß oder fair, daher ist Bundeskompetenz anzustreben.


Studienbeiträge. Für den Kindergarten zu zahlen, für die Uni aber nicht ist weder fair noch sinnvoll. Studiengebühren und Beschränkungen wären wichtig (faires Studienbeihilfesystem), dann würden tendenziell auch nur jene ein Studium beginnen, die es wirklich beenden wollen.


Schulen teilprivatisieren. Ich bin für einen Teilprivatisierungsschritt. Jeder, der es sich leisten kann und will und einen Fit-und proper-Test abgelegt hat, nimmt eine Schule unter seine Verantwortung, unter strikten staatlichen Vorgaben und Kontrollen. Leistungsbereitschaft und Qualität würde dieser Wettbewerb sicher guttun.


André Stern, Autor („ . . . und ich war nie in der Schule“)

Vertrauen ins Kind. Die Gesellschaft stellt Kinder ständig infrage – statt darauf zu blicken, welch umwerfende Eigenschaften sie ohnehin mitbringen. Wenn wir wieder Vertrauen in das Kind haben, sehen wir, dass in mindestens einem Bereich in jedem von uns ein Genie steckt – vorausgesetzt, die Begeisterung ist da.


Abschied von Hierarchien. Damit wir das Genie in uns finden, müssen wir uns von den Hierarchien in unseren Köpfen befreien. Warum muss Mathematik wichtiger sein als Musik? Dasselbe gilt für Berufe: Wenn die Gesellschaft nicht der Meinung ist, dass Müllmann ein niedriger Beruf ist, kann jemand ein genialer und begeisterter Müllmann werden.

Verschiedenheit fördern. Das ist ein Appell zur Abschaffung des Notensystems: Wir müssen aufhören, Vergleichbares zu vergleichen – und stattdessen versuchen, möglichst Verschiedenes zusammenzubringen. So kann man notorische Probleme am besten lösen.


Hannes Androsch, Industrieller, Ex-Vizekanzler

Ganztägige Vorschule. Eine verpflichtende ganztägige Vorschule für alle ab drei Jahren dient der Sozialisierung aller Kinder, vor allem der Einzelkinder, aber auch der Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Das würde ebenso sicherstellen, dass alle Kinder bei Eintritt in die Volksschule der Unterrichtssprache folgen können.


Praxisbezug in der Lehrerausbildung. Ein Teil der Lehrerausbildung soll am künftigen Arbeitsplatz, in der Schule, absolviert werden. Lehrer müssen Freude am Lernen vermitteln, Talente fördern und Schwächen überwinden helfen. Das erfordert eine leistungsorientierte Schulautonomie.


Zugangsregeln und Studiengebühren. Die Universitäten brauchen ein sinnvolles Zugangsmanagement, ähnlich jenem an den Fachhochschulen. Studiengebühren sind ein zeitgemäßes Steuerungselement. Zur Sicherung der Chancengleichheit braucht es zugleich leistungsbezogene Studienbeihilfen.


Thomas Maurer, Kabarettist und Autor

Gesamtschule. Man sollte die Trennung der Kinder mit zehn Jahren dringend beenden. Das halte ich für einen der fundamentalsten Punkte – abgesehen von einer guten Frühförderung.


Wahlfreiheit. Der Staat sollte jede Schule – ob öffentlich oder privat – mit demselben Betrag pro Schüler fördern, vorausgesetzt sie liefert entsprechende Resultate. Dann hätten auch andere, neue Unterrichtsformen eine Möglichkeit, Standard zu werden.


Mehr Freiraum. Man sollte die Verschulung der Unis zurücknehmen. Statt rasch für die Wirtschaft ausgebildet zu werden, sollten Studierende die Chance bekommen, sich auszuprobieren und etwas zu sich selbst zu finden.


Aljoscha Neubauer, Psychologe an der Uni Graz

Umgang mit Begabungen lernen. Das goldene Rezept für den Unterricht gibt es nicht: In einem Fach begabtere Schüler brauchen einen anderen Unterricht als weniger begabte. Pädagogen sollten daher bereits in ihrer Ausbildung lernen, mit Begabungsunterschieden konstruktiv umzugehen und flexibler auf unterschiedliches Schülerverständnis einzugehen.


Differenzierte Lernangebote. Kinder ab zehn Jahren in allen Fächern gemeinsam zu unterrichten ist eine Illusion. Jeder hat andere Begabungen. Deshalb braucht es begabungsdifferenzierte Lernangebote, gegebenenfalls in spezialisierten Leistungskursen, um auf Begabungsentwicklungen flexibel reagieren zu können.


Lehrer gut auswählen. Es braucht die richtigen Lehrer, um gute Bildung zu gewährleisten. Bei den Aufnahmeprüfungen sollte auch darauf geachtet werden, dass die ausgewählten Studierenden offen für Kreativität sind. Unser Hauptkapital für die Zukunft sind die kreativen Köpfe unserer Kinder.


Elke Gruber, Erziehungswissenschaftlerin

Lernen über das gesamte Leben. In unserer langlebigen Gesellschaft nimmt das Lernen über die gesamte Lebensspanne eine historisch einzigartige Rolle ein. Freilich sind Kindergarten, Schule und Erstausbildung essenziell, doch die Bildungschancen müssen über die gesamte Lebensspanne gefördert werden.

Weg vom Häppchenlernen. Die Komplexität unserer Gesellschaft erfordert eine intellektuelle Beweglichkeit, die nicht mit verständnisschwachem Häppchenlernen bewältigt werden kann. Es braucht neue Formen des Lernens – kognitiv, emotional und sozial –, die in Richtung eines Verständnisses der Welt gehen.

Utopien. Der Bildungsdiskurs ist sehr stark pragmatisch orientiert. Alles muss machbar sein, auf die Bedürfnisse moderner Gesellschaften ausgerichtet. Wir brauchen wieder einen utopischen Entwurf: Dass Bildung dazu da ist, das Leben der Menschen zu verbessern. Hier muss man ansetzen, um Sinn, Lust und Zugang zu finden.


Gerhard Roiss, Vorstandsvorsitzender der OMV

Bildung marktnah gestalten. Keine Angst vor mehr Industrie in der Bildung! Man muss hin zu Bildungsinhalten, die der Markt auch braucht, zu den Ausbildungen, die gefragt und mit denen Jobs auch garantiert sind. Die Wirtschaft kann hier – etwa an den Unis – einiges an Impulsen liefern.


Fokus vom Kindergarten an. Die Technik ist in Österreich derzeit unterbelichtet. Es geht darum, in jungen Menschen schon früh die Begeisterung für Technik und Naturwissenschaften zu wecken, sie also bereits im Kindergarten an diese Themen heranzuführen.


Freiräume schaffen. Man muss dringend weg von der Ideologie, die die Bildung derzeit in Geiselhaft nimmt – und auch weg von der Beschäftigung mit dem Bildungsapparat. Stattdessen sollte man Freiräume für Innovation in der Bildung schaffen: von der Autonomie, sich als Direktor selbst seine Lehrer auszusuchen, bis hin zur Auswahl der Lerninhalte an der Schule. 


Walter Emberger, Gründer Teach for Austria

Den Lehrerberuf aufwerten. Der Beruf von Lehrern und Kindergartenpädagogen sollte aufgewertet werden in Bezug auf Auswahl, Bezahlung und Image. Eine genaue Auswahl derer, die Pädagogen werden wollen, hilft jene zu finden, die sich den Herausforderungen des Berufes stellen wollen und diesen auch gewachsen sind.


Quereinsteiger fördern. Die berufsbildenden Schulen führen es vor, und sie haben weltweit einen guten Ruf. Das Quereinsteigen in Schule und Kindergarten sollte attraktiver gemacht werden. Kinder erhalten Impulse von Leuten, die viele Aspekte der Welt gesehen haben. Umgekehrt sollte auch das Quer-Aussteigen aus dem Lehrerberuf leichter gemacht werden – hier ist die Wirtschaft gefordert.


Verpflichtende ganztägige Bildung. Kinder sollten ganztägig in der Schule sein – und ohne Hausaufgaben nach Hause gehen. Das würde die Chancen für jene erhöhen, die keine Eltern daheim haben, die mit ihnen lernen können. 


Sabine Seidler, Rektorin der Technischen Uni Wien


Diversität zulassen.
Vielfalt befeuert die Bildung. Die Durchlässigkeit zwischen Bildungs- und Systemgrenzen muss durch offene Kommunikation erhöht werden. Dieser Weg beginnt im Kindergarten – etwa, indem man früh Mehrsprachigkeit fördert und Formate anbietet, die Kinder mit Uni und Wissenschaft in Berührung bringen.

Mobilität erhöhen. Es braucht mehr finanzielle Förderung und Unterstützung von Studierenden, die einen Teil ihres Studiums im Ausland absolvieren möchten. Interkultureller Austausch weitet den Blick und erhöht die Chance auf Erfolge.

Weiterbildung fördern. Bildung hat kein Ende! Wir haben die Chance, uns ein Leben lang zu bilden und Wissen anzueignen. Und das ist nicht nur auf den schulischen oder universitären Bereich beschränkt. Es muss daher mehr Weiterbildungsmöglichkeiten geben.


Bernhard Schmid, Lebenshilfe Wien

Mit Unterschieden umgehen lernen. Derzeit werden nur manche Pädagogen für die Arbeit mit Kindern mit Behinderungen ausgebildet. Es sollten aber alle angehenden Pädagogen in ihrem Studium einen Grundstock erlernen, wie man mit Unterschieden umgeht und wie man Kindern mit und ohne Beeinträchtigung adäquat gemeinsame Lerninhalte vermittelt.

Unterstützung durch Idealisten. Manche Privatschulen leben vor, wie man ehrenamtliche Unterstützer einbindet. Dafür sollte man auch in öffentlichen Schulen möglichst viele Personen gewinnen. Freilich braucht es auch geschulte Fachkräfte – etwa für pflegerische oder psychosoziale Aufgaben.

Gemeinsamer Unterricht für alle.
Alle Kinder sollten die Chance bekommen, gemeinsam unterrichtet zu werden. Jeder kann etwas, was für den anderen hilfreich sein kann. Das Miteinander ist ein Wert und eine Chance für alle, nicht nur für die behinderten Kinder.