Musik-Streaming: Wie viele Hörer man braucht, um 100 Euro zu verdienen

Daten & Fakten Der Streit zwischen Taylor Swift und Spotify wirft die Frage auf: Was bedeuten Streamingdienste für den Musikmarkt? Ein Blick auf die Daten.

Die Meldung hat für Aufsehen gesorgt: Die derzeit erfolgreichste Musikerin der Welt, Taylor Swift, zog vergangene Woche ihre gesamte Musik vom erfolgreichsten Musik-Streamingdienst der Welt, Spotify, ab. Zuvor hatte die US-Sängerin mit ihrem Popsong "Shake it off" die Hitliste der schwedischen Onlineplattform angeführt, nach dem Erscheinen ihres Albums "1989" ließ sie sämtliche Lieder sperren.

Sie wolle ihre Werke nicht einem Experiment überlassen, bei dem Künstler nicht fair bezahlt würden, erklärte sie in einem Interview. Swift ist nicht die erste Künstlerin, die Spotify nicht traut: Im Vorjahr zog etwa Thom Yorke, Frontman von Radiohead, seine Solo-Songs sowie die Lieder seiner Band "Atoms for Peace" vom Streamingdienst zurück. Auch die "Black Keys" können nicht auf Spotify gehört werden. Hauptargument der Kritiker: Mit Tarifen wie 0,6 US-Cent pro Song-Abruf könnten Musiker nicht überleben.

Taylor Swift performs on the Good Morning America Show in Times Square in New York City on October 3
Taylor Swift traut Spotify nicht. Wie wirbeln Streamingdienste tatsächlich den Musikmarkt auf?imago/UPI Photo

Musik sollte nicht gratis sein, argumentierte Swift, deren neues Album sich in der ersten Woche über eine Million Mal verkaufte, im "Wall Street Journal". "Taylor Swift hat absolut recht", pflichtete ihr Spotify-Chef Daniel Ek in einer Aussendung bei. Seine Firma habe seit der Gründung zwei Milliarden Dollar an die Musikbranche überwiesen. Und er führte Swift vor, was ihr entgeht: Künstler ihres Formats dürften im kommenden Jahr mehr als sechs Millionen Dollar vom Dienst erhalten.

Taylor Swifts Label Big Machine ließ diese Aussage nicht unkommentiert stehen. In den vergangenen zwölf Monaten habe Swift durch Spotify lediglich 500.000 Dollar eingenommen - das entspreche dem Erlös von 50.000 Album-Verkäufen, so Geschäftsführer Scott Borchetta.

Was bedeuten Streamingdienste wie Spotify nun wirklich für die Musikindustrie? Ein Blick auf die Daten.

Spotify: Vom Start-up zum Millionendienst

Spotify wurde 2008 in Schweden als Start-up gegründet. Mit dem Streamingdienst kann man am Computer oder auf mobilen Geräten Musik hören - jedoch lädt man die Lieder nicht via Download herunter, sondern überträgt sie via Stream in Echtzeit aus dem Internet. Zahlende Kunden können zudem auch Titel am Endgerät speichern und offline hören - "besitzen" tun sie die Musik allerdings nicht.

Heute zählt das Unternehmen laut eigenen Angaben 50 Millionen - davon 12,5 Millionen zahlende - Nutzer. Wer keine zehn Euro pro Monat für den Dienst zahlen will, nimmt Werbeeinschaltungen in Kauf. 41 Dollar ist jeder Nutzer laut Spotify im Schnitt wert. Was hat die Musikindustrie davon?

Spotify - das Geschäftsmodell

Wieviel Geld ein Künstler mit seiner Musik auf Spotify verdient, hängt davon ab, wie oft er angehört wird. Der gesamte Umsatz, den Spotify monatlich macht, wird anteilsmäßig auf die Künstler aufgeteilt, 30 Prozent behält Spotify dabei selbst ein. Was dem Künstler tatsächlich bleibt, hängt natürlich von seinen jeweiligen Verträgen mit der Plattenfirma ab - der Einfachheit halber werden hier stets die Zahlen angeführt, die an die Musikindustrie insgesamt ausgeschüttet werden.

Die Spotify-FormelSpotify

Wie viel ein Stream dem Künstler bringt, hängt also von den Werbeeinnahmen, der Anzahl zahlender Nutzer und der Popularität der Konkurrenz ab. Spotify gibt an, dass sich so in letzter Zeit Preise zwischen 0,6 und 0,84 Cent pro Stream ergaben.

Streamingdienste: Für wie viele Hörer bekommt man 100 Euro?

Die Webseite "The Trichordist", die sich für eine faire Bezahlung von Musikern einsetzt, hat im Februar die Streaming-Erlöse auf verschiedenen Anbietern verglichen, Spotify schüttete demnach nur 0,5 Cent pro Stream aus - und lag damit im Vergleich mit anderen Streamingdiensten weit hinten. Google Play etwa zahlte laut der Webseite knapp fünf Cent pro Stream.

Wie oft muss ein Lied beim jeweiligen Streamingdienst angehört werden, damit dieser 100 Euro (=125 US-Dollar) ausschüttet?

Rund 24.000 Mal muss ein Song also auf Spotify gehört werden, um 100 Euro zu lukrieren. Kritikern des Service ist das zu wenig, mit dem Verkauf ihrer Musik könnten sie viel mehr Geld einnehmen. Ein Vergleich: iTunes behält (verschiedenen Quellen zufolge) 30 Prozent der Downloaderlöse ein. Um 100 Euro zu verdienen, müsste Taylor Swift also nur knapp 14 Alben auf iTunes verkaufen. Die von ihren Besitzern dann natürlich beliebig oft angehört werden können.

Wie Streaming den Musikmarkt umkrempelt

Ist Streaming nun gleichbedeutend mit dem Untergang der Musikindustrie, killt die Gratiskultur die Kunst, wie Taylor Swift sagt? Nicht unbedingt, wenn es nach der Recording Industry Association of America geht. Das starke Wachstum der Streaming-Umsätze habe dazu beigetragen, dass die US-Musikindustrie in den letzten Jahren stabil war, heißt es in einer Publikation.

Dass das Wachstum am Streamingmarkt so bald nicht stagnieren dürfte, bezeugt auch YouTube: Die Google-Tochter gab am Mittwoch erst bekannt, ihre Videoplattform um einen reinen Musik-Abodienst zu erweitern: "Youtube Music Key".

15 Milliarden Dollar wurden 2013 am weltweiten Musikmarkt umgesetzt, 5,9 Milliarden davon (39 Prozent) digital. 2014 dürften sich die Umsätze wohl erstmals mehrheitlich aus dem digitalen Markt speisen. Streaming wird dabei immer wichtiger: 2013 wurden bereits 27 Prozent der Digital-Umsätze mit Streaming gemacht. 2008 waren es noch 9 Prozent.

Immer mehr Menschen nutzen Online-Streaming-Angebote:

Vor allem in Schweden, wo Spotify gegründet wurde, nutzen inzwischen weit mehr Internet-User Streaming-Dienste als Download-Plattformen.

Für Österreich wurden keine solchen Vergleichszahlen erhoben. Der Verband der Österreichischen Musikwirtschaft gab jedoch bekannt, dass der Anteil der Streaming-Umsätze am gesamten österreichischen Online-Musikmarkt im ersten Halbjahr 2014 auf mehr als 25 Prozent stieg - verglichen mit 20 Prozent im Vorjahr. Rund 30 Dienste sind hierzulande verfügbar, 30 Millionen Titel können abgerufen werden.

Stoppt Streaming die Piraten?

Während Taylor Swift und Kollegen Spotify vorwerfen, den Musikmarkt zu kannibalisieren, konterte Daniel Ek vor allem mit einem Argument: Während Spotify die Künstler (wenn auch spärlich) vergütet, kommt durch Piraterie kein Cent herein. Gäbe es keine Streamingdienste, so würden deren Nutzer einfach illegal Musik herunterladen.

Dass Streamingdienste Piraterie eindämmen dürften, bestätigt auch IFPI, der Weltverband der Phonoindustrie. Er vermutet, dass einige Abo-Nutzer zuvor illegale Dienste genutzt haben. Darauf deutet auch eine Studie des Marktforschungsinstituts GfK hin: Demnach greifen neun von zehn zahlenden Spotify-Nutzern und sieben von zehn Gratisnutzern "weniger häufig" auf illegale Dienste zurück.

Wenig Nutzen für kleine Künstler

Für weniger berühmte Musiker dürften Streamingdienste mit ihren mikroskopischen per-Stream-Raten (noch) nicht die große Erlösquelle sein. Die US-amerikanische Cellistin Zoë Keating, die ihre Einnahmen regelmäßig offenlegt, erklärte im Vorjahr, dass ihre Streaming-Erlöse vernachlässigbar seien.

Für sie sei das aber kein Problem: Sie sieht Spotify als Entdeckungstool, nicht als Einkommensquelle, erklärte sie im "Guardian".

Dabei machen Musikverkäufe, online oder offline, für "kleine Musiker" ohnehin nur einen Bruchteil ihrer Einnahmen aus, wie eine Studie von Peter DiCola von der Northwestern University School of Law zeigt. Er befragte rund 5000 Musiker nach ihren Einnahmequellen. Hoch im Kurs: Liveauftritte, Unterricht, Einkommen als Orchester- oder Studiomusiker. Von Verkäufen lukrieren die Künstler lediglich sechs Prozent.