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Im Zweifel für die Freiheit - und mehr Familien

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Wer darf Kinder haben? Keine andere Frage der Medizin ist privater, keine andere wird intensiver diskutiert. Wo der Konsens fehlt, entscheidet die Logik.

Wer darf Kinder bekommen, und wie weit darf man dafür gehen? Kaum eine Frage ist intimer als diese. Und kaum eine öffentlicher. Über kein anderes Medizinthema wird derart intensiv gestritten wie über die Fortpflanzung – vielleicht mit Ausnahme des Todes. Tatsächlich ähneln sich beide Themen ja: Beide sind Privatsache und Fahnenfrage in einem. Jeder Einzelne hat seine Überzeugung genauso wie jede (Religions-)Gruppe.

Und da das notorischen Dissens bedeutet, hat die Politik lang – im Fall des Fortpflanzungsmedizingesetzes seit 1992 – das getan, was sie in solchen Situationen gern tut: nichts. Sie hat sich erst gerührt, als es juristisch nicht mehr anders gegangen ist und dann erst zum letztmöglichen Zeitpunkt. Das hat den Schönheitsfehler, dass das Gesetz nun durchgepeitscht werden muss, trotzdem stimmt die Richtung, die die Gerichte der Politik vorgegeben haben: im Zweifel für die Freiheit, für den Familienwunsch – und die Logik. Denn dort, wo die Meinungen und die Moral in der Gesellschaft auseinandergehen, zählen die besseren Argumente.

Betrachtet man den Reformentwurf nämlich im Detail, so tilgt er vor allem Widersprüche. Um mit dem harmlosesten Beispiel zu beginnen: Bislang war im Fall einer Samenspende keine In-vitro-Befruchtung (IVF) erlaubt, nur eine Technik, bei der Samen direkt in die Gebärmutter eingebracht wird. IVF ging nur mit dem Samen des Lebenspartners. Warum? Das konnte nie einer so recht erklären.

Auch das Verbot der Eizellenspende war nicht gut begründet (auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte akzeptierte das Verbot nur in Bezug auf die Vergangenheit). Das Verbot war nichts anderes als eine Ungleichbehandlung von unfruchtbaren Männern und Frauen. Natürlich ist die Spende einer Eizelle ungleich unangenehmer und riskanter als eine Samenspende, aber solange sie freiwillig und ohne relevanten finanziellen Anreiz geschieht, warum nicht? Auch Nieren dürfen gespendet werden. Ob man genug Frauen findet, die das (anonym) tun, ist eine andere Frage, aber kein Grund für ein Verbot.

Drittes und wichtigstes Beispiel: die Präimplantationsdiagnostik. Das Totalverbot ließ Paaren, die von schweren Erbkrankheiten oder häufigen Fehlgeburten betroffen sind, nur die Option, auf ein Kind zu verzichten oder bewusst eine Risikoschwangerschaft einzugehen, wobei es ihnen freisteht, im Extremfall bis kurz vor der Geburt abzutreiben. Diese Regelung war nicht nur unlogisch, sie war grausam. Dass der Vorabgentest von Embryonen theoretisch Potenzial zum Missbrauch hat, rechtfertigt allein kein Verbot. Denn würden wir immer so denken, sähe die Medizin generell ganz anders aus.

Auch im vierten Beispiel, der künstlichen Befruchtung von Lesben, war die Lösung logisch: Hier, da haben die Kritiker ja recht, gibt es einen Paradigmenwechsel, da keine medizinische Unfruchtbarkeit „geheilt“ wird. Aber auch hier gilt: Verbote brauchen Beweise. Wenn man nicht nachweisen kann, dass lesbische Paare schlechtere Eltern sind, dann soll man ihnen den Zugang zur Fortpflanzungsmedizin nicht verwehren.


Tatsächlich ist der Gesetzesentwurf aber auch nicht strikt rational: Vieles, was man hätte tun können, hat man nicht angefasst. Etwa, dass man überzählige Embryonen spenden darf, statt sie vernichten zu müssen. Auch über Social Egg Freezing hätte man reden können.

Wollte man aber nicht. Vielleicht auch aus Angst, dass man das Vorurteil bedient, Fortpflanzungsmedizin sei Lifestyle-Medizin. Und tatsächlich wäre so eine Verharmlosung falsch: Der Umweg zum Kind ist mit vielen Enttäuschungen gepflastert, schmerzhaft und teuer. Insofern ist es wichtig – und da besteht hoffentlich wirklich allseitiger Konsens –, dass die Fortpflanzungmedizin nie ein Gesellschaftsmodell ersetzen kann, das es Frauen ermöglicht, Kinder in dem Alter zu bekommen, in dem das biologisch auch gut funktioniert. Die Politik wird weiterhin mehr Kinderbetreuung zur Verfügung stellen müssen, die Wirtschaft sich familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle (Stichwort: Papamonat) einfallen lassen müssen. Denn Fortpflanzungsmedizin kann eine Option sein. Aber nie eine Ausrede.

E-Mails an:ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2014)