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Kehrtwende in Kobane: Kurden stehen vor der Rückeroberung

KOBANE
KOBANE(c) APA/EPA/SEDAT SUNA (SEDAT SUNA)
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Der Islamische Staat (IS) kontrolliert nur mehr ein kleines Gebiet in der syrisch-kurdischen Enklave. Dennoch ist das Umland der Stadt in den Händen der Islamisten.

Wien/Kobane. Ein Foto macht die Runde: Zwei Männer in Kampfmontur stehen auf einem Hügel, sie heben triumphierend ihre rechten Arme hoch, mit den Händen formen sie das Victoryzeichen, hinter ihnen sind die Arme weiterer Männer zu sehen. Auf den Hügeln in der kargen Winterlandschaft Nordsyriens haben die Kämpfer die kurdische Flagge mit dem roten Stern gepflanzt. Das Foto hat in den sozialen Netzwerken innerhalb kürzester Zeit Kultstatus erreicht: Die Kurden haben den strategisch wichtigen Hügel Miştenur bei der bitter umkämpften Stadt Kobane in der Nacht auf Montag zurückerobert. Vor drei Monaten war Miştenur in die Hände der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gefallen; von hier aus können die Milizen sowohl die türkisch-syrische Grenze als auch Kobane sowie die Hauptstraßen gut überblicken.

In den vergangenen Wochen haben sich IS und kurdische Kämpfer der syrischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) – unterstützt durch PKK und Peschmerga – heftige Straßenkämpfe geliefert. Seit über vier Monaten schon will der IS die Stadt nahe der türkischen Grenze erobern. Zu Beginn ihrer Offensive gelang es den Islamisten, mehrere Stadtteile unter ihre Kontrolle zu bringen, die kurdischen Milizen aber haben inzwischen mithilfe der Luftschläge der Anti-IS-Koalition einen Großteil der Stadt zurückerobert. „Kobane wird zu 85Prozent von den Kurden kontrolliert“, sagt Rami Abdurrahman von der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte der „Presse“. Darüber hinaus haben die YPG-Kräfte zwei wichtige Straßen eingenommen, die zum einen nach Aleppo und zum anderen in die Islamistenhochburg Raqqa führen. Die Straßen dienten dem IS als Lieferweg für Kriegsmaterialien. Der westliche Part der Stadt ist trotz der Rückeroberungen weiterhin IS-Gebiet, sagt Abdurrahman. Wie auch andere Beobachter zeigt er sich überzeugt davon, dass Kobane nicht in die Hände der Jihadisten fallen wird.

 

Nächster Kampf: Mossul

Die Luftangriffe dürften dem IS auch finanziell geschadet haben, zumal die Ölreserven, die die Terrorgruppe erbeutet hatte, gezielt angegriffen wurden. Kürzlich sagte der US-Sonderbeauftragte der Anti-IS-Koalition, John Allen, im „Spiegel“, dass der IS dank der fehlenden Öleinnahmen seine Kämpfer nicht bezahlen könne. Um die Kampfmoral zu steigern, verbreitet der IS offenbar heroisierende Videos über die Jihadisten in Kobane. Vorsichtigen Schätzungen zufolge sind beim Kampf um die nordsyrische Stadt 1600 Menschen gestorben, der Großteil davon sollen IS-Mitglieder gewesen sein. Rund 32 tote Zivilisten wurden bisher gezählt, tatsächlich dürfte die Zahl aber viel höher sein.

Ob eine Niederlage in Kobane den Nimbus der Unbesiegbarkeit, den die IS-Terrorgruppe unbeirrbar pflegt, nachhaltig zerstören wird, bleibt offen – der Kampf um Kobane wurde bereits mit vielen folgenschweren Schlachten und humanitären Katastrophen der jüngeren Geschichte verglichen: Stalingrad, Vukovar, Rwanda, Srebrenica. Fakt ist jedenfalls, dass die Islamisten nach wie vor das Umland Kobanes kontrollieren, auch wenn sie in diesen kurdischen Gebieten einen schwereren Stand haben als etwa in den von (sunnitischen) Arabern bewohnten Regionen rund um Raqqa.

Wenn die Kurden Kobane erfolgreich verteidigen, könnte der IS seine Kämpfer in die irakische Stadt Mossul zurückziehen, die vergangenen Sommer den Islamisten in die Hände gefallen ist. Die irakische Armee bereitet derzeit eine Offensive vor; Mossul soll zurückerobert werden.

Vonseiten der Kurden rund um Kobane ist unterdessen zu hören, dass die Luftangriffe die Rückeroberung zwar ermöglicht haben, aber die Enttäuschung darüber, dass die USA und ihre Verbündeten keine Bodentruppen schickten, ist geblieben. Noch enttäuschter zeigen sich die YPG sowie deren Schwesterorganisation PKK von der Türkei: Erst nach langem Herumlavieren hat Ankara vergangenen November rund 150 Peschmerga-Kräften, die die Kurden in Kobane unterstützen sollten, das Passieren der türkischen Grenze erlaubt. Die Kurden werfen der türkischen Regierung vor, dass sie die IS-Kämpfer schneller über die Grenze nach Syrien lässt als die Kurden. Umgekehrt sind tausende Flüchtlinge aus Kobane in die Türkei geflüchtet, die meisten harren nun in der Provinz Şanliurfa aus.

AUF EINEN BLICK

Kobane. Seit vier Monaten verteidigen vorwiegend kurdische Kämpfer die kurdische Enklave in Syrien gegen den Islamischen Staat (IS). Vorsichtigen Schätzungen zufolge sind bisher 1600 Menschen gestorben, die meisten sollen IS-Kämpfer gewesen sein. Nun haben die Kurden den strategisch wichtigen Miştenur-Hügel vom IS zurückerobert: Von hier aus sind sowohl Kobane als auch die türkisch-syrische Grenze gut zu sehen. Zudem kontrollieren die Kurden nun zwei wichtige Hauptstraßen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2015)