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Irak: Der IS führt Krieg gegen die Kultur

Mehr als 2000 Jahre alte assyrische Bildhauerkunst, von IS-Terroristen in wenigen Sekunden zerstört.(c) REUTERS (REUTERS TV)
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Kunsthistoriker sprechen von einem „Verlust für die ganze Welt“. Terrormiliz IS zertrümmerte in einem Museum in Mossul mit Pressluftbohrern und Vorschlaghämmern 2500 Jahre alte Statuen.

Kairo/Mossul. Weltweit herrscht blankes Entsetzen, seit das Video aus dem Museum von Mossul im Netz zu sehen ist. Unterlegt mit religiösen Gesängen wüten Krieger des Islamischen Staates durch die weitläufigen Ausstellungsräume, stoßen einzigartige assyrische Statuen vom Sockel, schlagen ihnen die Köpfe ab und zertrümmern Reliefs mit Vorschlaghämmern und Pressluftbohrern. Einige der Täter in dem fünf Minuten langen Film tragen Bärte und traditionelle Galabijas, andere sind glatt rasiert, in Jeans und T-Shirt. „Auch wenn diese Dinge hier Milliarden von Dollar wert sind, für uns sind sie absolut nichts“, deklamiert einer der Bärtigen mit schwarzer Häkelmütze und erhobenem Zeigefinger in die Kamera.



Unesco-Chefin Irina Bokova zeigte sich „tief schockiert“ und forderte eine Krisensitzung des UN-Sicherheitsrates. Archäologen in Europa und den USA vergleichen die Barbarei von Mossul bereits mit der Zerstörung der Buddha-Figuren von Bamian 2001 durch die Taliban in Afghanistan. „Eine Tragödie und ein katastrophaler Verlust für Iraks Geschichte und Archäologie von unfassbaren Dimensionen“, urteilte der syrische Historiker Amr al-Azm auf seiner Facebook-Seite. Zerstört worden seien einige der wunderbarsten Stücke assyrischer Bildhauerkunst – „ein Verlust für die gesamte Welt“.

Bereits kurz nach der Eroberung von Mossul im Juni 2014 hatten die IS-Gotteskrieger in der zweitgrößten Stadt des Irak Dutzende Moscheen und Kirchen in die Luft gesprengt, darunter das berühmte Mausoleum des Propheten Jonas, das jahrhundertelang als Wahrzeichen für die religiöse und kulturelle Verwobenheit der Region galt. Zuletzt jagten sie am Donnerstag die sogenannte Rote Moschee im Stadtzentrum in die Luft, die aus dem 12. Jahrhundert stammt. Im Jänner plünderten sie die Universitätsbibliothek und zündeten die Zentralbibliothek von Mossul an. 8000 unwiederbringliche Manuskripte verbrannten.

 

Ausgrabungen in Ninive

In dem jetzt verwüsteten Antikenmuseum bedrohten die Kämpfer kurz nach ihrem Einmarsch zunächst das verängstigte Personal und erklärten, man werde wiederkommen und alle Skulpturen zerstören, wenn ihr Kalif Ibrahim, alias Abu Bakr al-Baghdadi, dies per Fatwa befehle. Acht Monate später machten die IS-Barbaren nun ihre Ankündigung wahr. Neben altorientalischen Skulpturen im Museum von Mossul wurde auf dem nahegelegenen Ausgrabungsgelände von Ninive auch eine monumentale assyrische Hüterstatue zerstört. Der geflügelte Stier aus Granit ist Teil des Nergal-Tores aus dem siebten Jahrhundert vor Christus. Er gehörte zur Befestigung von Ninive, einer der Hauptstädte des assyrischen Reiches.
„Diese Statuen hinter mir sind Götzen von Menschen früherer Jahrhunderte, die diese anstelle von Allah anbeteten“, deklamiert ein IS-Krieger in die Kamera, der in dem Video als Moderator fungiert. Auch der Prophet Mohammed habe in Mekka mit seinen gesegneten Händen Götzenbilder zerstört. „Diese Statuen und Götzen stammen nicht aus der Zeit des Propheten oder seiner Begleiter, sie wurden von Satanisten ausgestellt“, steht auf einer Einblendung zu lesen.

Besonders gefährdet sind die vorislamischen Schätze Syriens und Mesopotamiens. In Syrien plünderten IS-Kämpfer die Museen von Aleppo und Raqqa, wo sie ihr Hauptquartier haben. Nach einem Bericht der UNO wurden seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 fast 300 historische Stätten beschädigt, darunter die berühmte Kreuzritterburg Krak des Chevaliers, die römische Säulenstraße von Palmyra sowie die Altstadt von Aleppo. Die antike Stätte Apamea sieht auf Satellitenbildern aus wie eine Mondlandschaft, durchpflügt von hunderten illegaler Grabungslöcher. Im Irak liegen 1800 der insgesamt 12.000 registrierten archäologische Fundstätten im Machtbereich des IS.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2015)