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Wanda: Die Erben der Tante Ceccarelli

(c) Julia Stix
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Was macht das schöne Leben voll? Für die Wiener Band Wanda sind Höflichkeit, Liebe und Gin genug.

Die Tante Ceccarelli aus Bologna war in ihren Cousin verliebt. Er ist im Krieg gestorben. Ein grobes Ende für jede Liebe, auch wenn es eine Schwärmerei im selben Genpool ist. Und so wild wie die alte Geschichte klingt, war sie sicher nicht. Der ersten Zeile des durch die Lande reitenden Wanda-Albums „Amore“ konnte sie trotzdem einen guten Boden geben. Hier ein kurzer Auszug aus dem Einstieg in „Bologna“: „Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen, obwohl ich gerne würde, aber ich trau mich nicht!“ Bei einem Streifzug durch den neuen WU-Campus löste Marco Michael Wanda jedenfalls diese und andere Liebesgeschichten auf. Seine größte erlebt er zurzeit mit vier Männern: Reinhold Weber, Manuel Christoph Poppe, Christian Hummer und Lukas Hasitschka. Es sind die Musiker seiner Band, die so heißt wie er, Wanda, und die großen Anteil an diesem Album haben, über das seit einem halben Jahr so viele reden. „Baby“ und „Schatzi“ nennen sie sich untereinander. Die fünf verbinde eine innige Freundschaft, sagt er, der das meiste Scheinwerferlicht abbekommt, und hängt einen Gedanken an: „Ich denke, die Freundschaft in einer Band ist immer sehr abhängig davon, inwieweit man Erfolg hat.“

Wanda im Uhrzeigersinn: Reinhold Weber, Marco Michael Wanda, Manuel Christoph Poppe, Christian Hummer und Lukas Hasitschka.(c) Julia Stix

Unverdorben. Erfolg haben sie zurzeit genug. Nicht nur mit der gut verkauften Tour mit allein drei Konzerten in Berlin und dem Gejubel des deutschsprachigen Feuilletons, auch in der Heimat stehen die ersten Medaillen an. Der österreichische Musikpreis Amadeus ist ihnen in einer Kategorie sicher, dem FM4 Award, in vier anderen (Band des Jahres, Album des Jahres, Song des Jahres, Alternative Pop/Rock) sind sie nominiert. „Alles läuft wie von selbst, das ist relativ unheimlich. Irgendwann muss es eigentlich gegen die Wand fahren“, befürchtet Wanda. Noch ist nichts in Sicht. „Ich müsste mich schon verderben lassen, was ich aber nicht vorhabe.“ Und am zweiten Album dürfte es auch nicht scheitern, das ist schon fertig. Die Lieder seien bis auf wenige zur gleichen Zeit entstanden und wären austauschbar gewesen. „Wir haben viel Material geliefert.

Nur eine Nummer habe ich extra für die zweite Platte geschrieben, damit wir einen Hit haben.“ Geholfen hätten bei „Amore“ und dem Nachfolger – dessen Titel aus drei geheimen Worten bestehen soll – der Nino aus Wien als freundliche Stütze und Paul Gallister als Produzent. „Oft habe ich ein größeres Kino im Kopf, als sich umsetzen lässt, und dann kommt Paul und sagt: ‚Mach es so, dass es die Leute auch verstehen.‘ Ein Lied ist nur dann wirklich gut, wenn es aufgefasst werden kann, das hat er mir beigebracht.“ Dass Wanda sonst aber schon recht viel kann, ist ihm klar, und da brauche er weder Applaus noch falsche Bescheidenheit. „Ich wusste schon, dass es gut ist, was ich da mache.“ Um aber nicht zu früh kaputtzugehen, habe er sich mit der Öffentlichkeit Zeit gelassen. „Ich war für mich gern das unentdeckte Talent, das war eine gut zu spielende Rolle. Wenn man jung ist, macht das auch irgendwie sexy. Jetzt mit 27 war es reif und musste raus.“ Davor habe er sich noch quer durch die Geisteswissenschaften gekostet: Soziologie, Politikwissenschaft, Publizistik und Philosophie hätten ihm an der Uni nicht entsprochen. An der Angewandten wurde er zufriedener, als er bei Robert Schindel Sprachkunst studierte und sehr viel lernen durfte, vor allem, „dass man einen Geschmack braucht und nicht kitschig sein darf“.

Reduziert. Die für ihn widrigste Geschmacklosigkeit beim Schreiben? „Zu viele Adjektive. Ich bin bei allen Künsten ein Fan von Reduktion, vom Hemingway’schen Eisbergmodell. Wenn du als Produzierender genug fühlst, musst du es nicht mehr aufschreiben. Dann wird das, was du auslässt, vom Rezipienten trotzdem wahrgenommen.“ Dabei bezieht er sich auf „Fiesta“. Hemingway schreibt in seinem Roman gegen den Ersten Weltkrieg, ohne ihn mit einem Wort zu erwähnen. Auch die Musik sei eine Sprache, die sich reduzieren lasse. „In der Popmusik geht es um nichts als die Stimme, die singt. Der Rest ist egal. Mein Gitarrist weiß das, deshalb ist er auch ein begnadeter Gitarrist. Ich glaub, es geht nicht darum, spielen zu wollen, sondern etwas artikulieren zu wollen, ohne aufdringlich zu sein.“ Bei dem Debütalbum habe er sich bewusst nur auf ein paar wenige Plätze und Themen konzentriert, die er gut kenne: ein Café, ein bis zwei Frauen, Alkohol, Familie, dysfunktionale Familie, Sinnsuche, Absturz. „Das setzt sich im zweiten Album fort.“ Ähnlich reduziert liest sich auch die Backstage-Wunschliste im Technical Rider der Band: Höflichkeit, Amore und Hendrick’s Gin. Oft braucht es eben nicht viel, um jemanden glücklich zu machen. Aber was macht das schöne Leben für Wanda wirklich voll? „Wenn es tugendhaft und ehrenwert ist. Wenn man sich selbst und seinen Lebensentwurf realisiert, ohne jemandem dabei zu schaden.“ Hohe Tugend in der Musikwirtschaft? Das klingt frisch. Jetzt, da er die Branche und ihre Gesetze von innen kennenlerne, merke er aber noch mehr, dass er „niemandem auf die Füße treten kann. Allerdings kann ich mittlerweile andere Leute dafür bezahlen, dass sie es für mich tun.“

Durch die Decke. Der Hype um die Band Wanda hatte für den Sänger viele Vorteile. „Ich weiß zum Beispiel, dass ich ohne Erfolg weniger glücklich war als jetzt.“ Nicht nur als Musiker, „als Persönlichkeit hatte ich keinen Erfolg. Ich habe mir viele Jahre nicht gefallen. Es waren diese anderen vier Typen, die das möglich gemacht haben. Es ist das erste Mal, dass ich mir trauen konnte, und das erste Mal, dass mein Lebensentwurf Sinn ergeben hat.“ Über das Kennenlernen jener fünf Typen ranken sich aber die Mythen. Sie hätten sich in einem Taxi kennengelernt oder auf Elite-Partner, liest man. „Wir haben uns so schnell gefunden, dass es in Wahrheit keine Legende wert ist“, winkt Wanda ab. 1,5 Jahre sei das nun her. Ab­­gesehen von literarischen, ideologischen und kulinarischen Schnittmengen (die Band bevorzugt die Volksküche und trifft sich gern an gut gefüllten Tischen, bevor sie sich dem Schnaps widmet), war die Tatsache ausschlaggebend, dass alle keine Befindlichkeitstypen wären. „Hier hat sich niemand als Künstler verstanden. Wir wollten alle arbeiten, an einer Sache und dem jeweiligen Lebensentwurf, das hat mich beeindruckt – und natürlich, dass ihnen die Lederjacken so gut passen.“ Die Lederjacken waren eine Aufnahmebedingung. Seine ist aus Berlin. Die des Gitarristen gehörte dem Vater, die anderen sind vom Naschmarkt. Schneller als die Jacken hatte Wanda aber die Lieder für das Debüt beisammen. „Luzia“ war die erste gemeinsame Nummer. „Ich habe sie in einer Dachbodenwohnung im vierten Bezirk vor drei Jahren geschrieben. Später ist dort die Decke eingestürzt, genau an der Stelle, an der ich immer geschlafen habe.“

Zurück zur Tante. Auch wenn Wanda nicht über echte Geschichten schreibt – „das ist alles unbewusstes Material aus Wiens Straßen“ –, hat eine bestimmte Frau Einfluss auf ihn, seine tote Tante Ceccarelli. Sie hat ihm nach einem kleinen Debakel („meine Mutter wollte mich zum Pianisten erziehen, das Klavier hatte ich in meiner ersten Stunde zerstört“) ein paar Lauteninstrumente geschenkt. Auf denen schrieb er dann Lieder über Katzen und Feuerwehrmänner, Themen, die im Leben eines Sechsjährigen eben wichtig sind. „Diese Tante war super, sie hat immer nur ferngesehen und geweint, weil sie schwer mit Arthritis beschäftigt war. Alle anderen in meinem Umfeld haben ihre Unsicherheit überspielt, diese Tante hat sie gezeigt. Das fand ich ehrlich. Sie war ein unglaublich mitfühlender Mensch. Und sie war tatsächlich in ihren Cousin verliebt, der aber im Krieg starb.“ Tante Ceccarelli kam übrigens aus Bologna. „Ich war zwar nicht oft dort, aber für eine lebenslange Liebe zu Italien hat es gereicht.“ Amore gibt es eben in vielen Fa­çons, wie geht es Wanda, wenn er an die Liebe denkt? „Ich werde traurig. Auch wenn ich sie fühle, vor allem, wenn es eine ganz große Liebe ist, bei der man das Gefühl hat, dass sich das alles nicht ausgehen kann. Ihre Vergänglichkeit ist wahrscheinlich ein wesentliches Merkmal der Liebe. Spätestens mit dem Tod ist sie weg. Einmal leben ist ja relativ genug, aber dass die Liebe enden muss, die Liebe zu vielem, das ist schade.“