Schnellauswahl

Krebs: Diskussion um Pflanzenschutzmittel Glyphosat

Themenbild
ThemenbildImago
  • Drucken

Bei der Frage, ob die Substanz Glyphosat möglicherweise zur Entstehung von Krebs beitragen könnte, scheiden sich die Geister.

Expertendiskussionen gibt es derzeit rund um den weltweit häufig verwendeten Pflanzenschutzmittelwirkstoff Glyphosat. Die Frage, ob die Substanz möglicherweise zur Entstehung von Krebs beitragen könnte, scheidet das für die Substanz in der EU zuständige deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR/Berlin) und ein Expertengremium der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC/Lyon).

Glyphosat wird zur Verhinderung von unerwünschtem Pflanzenwuchs in der Landwirtschaft eingesetzt. Es hemmt - so das deutsche Bundesinstitut - ein Enzym, das nur in Pflanzen, nicht bei Mensch oder Tier vorkommt. In der EU für die Bewertung zuständig ist eben dieses deutsche Institut. Es hat - weil es im Rahmen der EU für diesen Wirkstoff zuständig ist - seit vergangenem Jahr im Rahmen der routinemäßigen Wiederbegutachtung 150 neue toxikologische Studien und mehr als 900 wissenschaftliche Artikel überprüft und in seine Stellungnahme eingearbeitet.

Keine Hinweise auf krebserzeugende Wirkung

Zusätzlich wurde über die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA/Parma) eine europaweite Konsultation von Experten organisiert. Daraus flossen noch einmal 350 Kommentare in die Bewertung ein. Das BfR stellte fest: "Die Analyse der zahlreichen neuen Dokumente ergab keine Hinweise auf eine krebserzeugende, reproduktionsschädigende oder fruchtschädigende Wirkung durch Glyphosat bei den Versuchstieren." An den Grenzwerten sei nichts zu ändern. Alle "nationalen, europäischen und anderen internationalen Institutionen" (z.B. ein Meeting von Weltgesundheitsorganisation WHO und UN-Ernährungsorganisation FAO) hätten Glyphosat als "nicht krebserzeugend" eingestuft.

Neue Risikoeinstufung

Dem steht seit wenigen Tagen ein Kurzbericht von 17 Experten aus elf Staaten der Internationalen Krebsforschungsagentur (IARC/Lyon) entgegen. In der britischen Medizinfachzeitschrift "Lancet Oncology" publizierten die Fachleute ihre Risikoeinstufung von vier sogenannten Organophosphaten und von Glyphosat. Letzteres wird unter die Kategorie 2A - "wahrscheinlich krebserzeugend für den Menschen" - eingereiht.

Die Schweizer Behörden wollen jetzt die Gesamtpublikation des Krebsforschungsgremiums, eine sogenannte Wirkstoff-"Monographie", abwarten. Das deutsche BfR kritisierte am Montag in einer Aussendung die neue Publikation deutlich. Die Einstufung sei "wissenschaftlich schlecht nachvollziehbar und offenbar nur mit wenigen Studien belegt". Das Risiko für die Auslösung von Non-Hodgkin-Lymphomen sei aus drei epidemiologischen Studien aus den USA, Kanada und Schweden abgeleitet worden. Sie stünden aber im Widerspruch zu Dutzenden anderen Studien. Die von dem IARC-Gremium zitierten Studien mit Tierversuchen seien von den europäischen Stellen, so auch vom BfR, schon bisher berücksichtigt worden. Man werde die IARC-Risikobewertung nach Vorliegen des Gesamtberichts "gründlich prüfen".

Glyphosat ist ein EU-Problem

Bei österreichischen Umweltschützern erwartet man nun Auswirkungen aus der Expertendiskussion. "Es ist zu hoffen, dass die Einstufung als wahrscheinlich krebserregend durch die WHO zu einem raschen und weltweiten Rückgang des Einsatzes von Glyphosat und zu einem sofortigen Verbot in der Europäischen Union führt", betonte am Mittwoch nach den ersten Meldungen über die "Lancet Oncology"-Publikation aus der Schweiz Helmut Burtscher, Umweltchemiker von Global 2000. "Die Entscheidung der WHO ist absolut begrüßenswert, steht aber in diametralem Widerspruch zu der erst kürzlich veröffentlichten Risikobewertung von Glyphosat in der Europäischen Union." Die Gründe für diese positive Stellungnahme sollten aufgearbeitet werden. Es handle sich um ein EU-Problem.

Zahlen | Daten | Fakten

Glyphosat ist seit langem als Unkrautvernichter in Pflanzenschutzmitteln enthalten. Laut der Umweltschutzorganisation Global 2000 ist es das am weitesten verbreitete Herbizid in Europa. Der Wirkstoff hemmt das Enzym 5-Enolpyruvylshikimat-3-phosphat (EPSP)-Synthetase, das Pflanzen für die Biosynthese der Aminosäuren Phenylalanin, Tyrosin und Tryptophan brauchen. Dieses Enzym kommt bei Tieren und beim Menschen nicht vor.

Wird Glyphosat eingesetzt, stirbt die Pflanze binnen zwei bis drei Tagen ab. Glyphosat wird seit rund 40 Jahren als Unkrautvernichter eingesetzt, vor allem in der Langwirtschaft, in Parkanlagen, aber auch auf Bahngleisen und in Privatgärten. 

In Österreich ist der Einsatz von Glyphosat seit Oktober 2013 reglementiert. Bis dahin war es allerdings frei erhältlich. 2012 wurden laut Informationen der BOKU alleine in Österreich etwa 1500 Tonnen an Herbiziden versprüht, um Ackerunkräuter zu entfernen.

(APA)