Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Germanwings-Copilot hätte nicht fliegen dürfen

Flowers are seen at the memorial for the victims of the air disaster in the village of Le Vernet, near the crash site of the Germanwings Airbus A320 in French Alps
(c) REUTERS
  • Drucken

Katastrophe in Frankreich. Andreas L., der einen Germanwings-Jet abstürzen ließ, war in Behandlung und für den Tag des Flugs eigentlich krankgeschrieben.

Ein Foto zeigt ihn in dynamischer Pose, er joggt über einen Kiesweg, trägt Schirmkappe, Ohrstöpsel und die Nummer 1380. Das Foto zeigt Andreas L. bei einem Halbmarathon in Hamburg, an dem er 2009 teilgenommen hat. L. war ein sportlicher Typ. Aber L. war aber auch krank. Die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft hat bei der Durchsuchung beider Wohnsitze von L. – in Montabaur in Rheinland-Pfalz sowie in Düsseldorf – zerrissene Dokumente entdeckt, die auf eine ärztliche Behandlung hinweisen. Konkret hatte L. laut „Rheinische Post“, die sich auf Ermittler beruft, über Krankschreibungen von zwei verschiedenen Ärzten verfügt. Und zwar für jenen Tag, an dem L. als Kopilot in das Cockpit des Germanwings-Airbus A 320 von Barcelona nach Düsseldorf stieg, bevor er das Flugzeug über den französischen Alpen absichtlich sinken und gegen eine Bergflanke prallen ließ – wobei alle 150 Insassen getötet wurden.

Behandlung geheim gehalten

Die Uniklinik Düsseldorf bestätigte am Freitag, dass L. dort als Patient registriert war. Es wurde aber ausdrücklich dementiert, dass L. dort wegen Depressionen in Behandlung gewesen war. Zuvor waren in deutschen Medien Wegbegleiter L.s zitiert worden, denen er anvertraut haben soll, an Depressionen und Burn-out zu leiden. Auch von Liebeskummer und einer tiefen Lebenskrise war die Rede. Noch während seines Trainings bei der Lufthansa, dem Mutterkonzern von Germanwings, hatte L. vor sechs Jahren seine Ausbildung unterbrochen – er sei in dieser Zeit in psychiatrischer Behandlung gewesen, wurde berichtet.

Selbst nachdem L. seine Ausbildung beendet hatte, wurde laut Medienberichten „eine abgeklungene schwere depressive Episode“ diagnostiziert – in seiner Akte beim Luftfahrtbundesamt ist angeblich der Hinweis auf psychische Probleme vermerkt. Und auch vor dem Flug soll sich L. in Behandlung befunden haben, wie die „Bild“ berichtet. Als L. seine Ausbildung im US-Bundesstaat Arizona, wo die Lufthansa eine Flugschule führt, fortgesetzt hat, soll er dort als flugunfähig eingestuft worden sein. Später bestand er laut Lufthansa-Chef Carsten Spohr alle Tests.
Was zumindest gesichert ist: Die Ermittler haben in den Wohnungen von L. weder Bekennerschreiben noch Abschiedsbrief oder Hinweise auf einen terroristischen Hintergrund gefunden.

Die Staatsanwaltschaft interpretiert die Tatsache, dass L. trotz bestätigter Krankmeldung arbeiten ging, so: Er wollte die Krankheit im beruflichen Umfeld geheim halten. Der zerrissenen Krankmeldung zufolge hätte L. sogar längere Zeit nicht fliegen sollen, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“. Seitens der Lufthansa wurde dazu erklärt, dass regelmäßige psychologische Tests für Piloten nicht durchgeführt werden. Sehr wohl aber medizinische Checks, bei denen die persönlichen Lebensumstände der Mitarbeiter reflektiert werden.

Bergungsarbeiten fortgesetzt

Dass der 27-jährige L. den Aufprall absichtlich herbeigeführt hat, haben Ermittler nach der Auswertung des Stimmenrekorders bekannt gegeben. Darauf ist zu hören, wie der Pilot nach Erreichen der Flughöhe das Cockpit für eine Toilettenpause verlässt. Daraufhin verschließt L. die Tür, lässt niemanden mehr hinein und beginnt mit dem Sinkflug. Der Pilot hatte noch verzweifelt versucht, in das versperrte Cockpit zu gelangen. Er soll sogar versucht haben, die Sicherheitstüre mit einer Axt einzuschlagen – was ihm nicht gelang. Weitere Informationen könnte der Flugdatenschreiber liefern. Er wurde bisher aber noch nicht gefunden.

Unterdessen sind viele Angehörige der Opfer wieder nach Düsseldorf zurückgekehrt, nachdem sie am Absturzort in den französischen Alpen waren (ein Großteil der Opfer des Absturzes waren Deutsche). Dort werden die Bergungsarbeiten fortgesetzt, die Region gilt im Allgemeinen als schwer zugänglich.
Der deutsche Bundespräsident, Joachim Gauck, hat am Freitag die Ortschaft Haltern in Nordrhein-Westfalen besucht und an einer Trauerfeier teilgenommen. 16 Schüler sowie zwei Lehrer des Gymnasiums Haltern waren im Flugzeug, sie befanden sich auf dem Rückweg nach einem Austauschaufenthalt bei Barcelona. (red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2015)