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Flüchtlinge: „Können nicht von Küste aus zusehen“

(c) REUTERS (ALESSANDRO BIANCHI)
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Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat zwei Rettungsschiffe im Mittelmeer im Einsatz. Seit Anfang Mai wurden 1800 Menschen in Sicherheit gebracht.

Wien/Rom. „Hundert Flüchtlinge hat unser Boot in der Nacht auf Donnerstag im Mittelmeer aufgenommen. Sie sind fünf Tage lang von der Türkei aus unterwegs gewesen“, erzählt Stefano Di Carlo. Er ist Einsatzleiter für die Organisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Italien. Die größte Aufgabe der Hilfsorganisation dort: die Rettung sowie die medizinische Versorgung der Bootsflüchtlinge.

Derzeit ist MSF auf zwei Schiffen südlich von Sizilien aktiv, auf der Phoenix und der Argos. Seit Anfang Mai wurden dabei 1800 Menschen gerettet. „Wir können nicht an der Küste stehen und zusehen, wie die Leichen an Land gebracht werden“, sagte Reinhard Dörflinger, Präsident von Ärzte ohne Grenzen, bei der Präsentation des Jahresberichts 2014 am Donnerstag in Wien. Dass die Organisation, die auf medizinische Hilfeleistung in Krisengebieten spezialisiert ist, Schiffe im Mittelmeer stationiert, sei ein „klares Statement“, so Dörflinger. „Wir sehen deutlich, dass die restriktive EU-Flüchtlingspolitik die Menschen auf immer gefährlichere Fluchtrouten treibt.“

Noch während Di Carlo bei der Pressekonferenz in Wien über die Rettung der Flüchtlinge aus der Türkei kommend berichtet, hat eines der Rettungsboote schon wieder Flüchtlinge an Bord genommen: 561 Menschen befanden sich auf einem 18 Meter langen Holzboot, die meisten von ihnen unter Deck. Sie wurden an Bord der Phoenix in Sicherheit gebracht. In der Nacht zuvor wurden insgesamt 900 Menschen in Seenot aus dem Mittelmeer gerettet. Die französische Marine nahm im Zuge des Grenzschutzeinsatzes Triton fast 300 Flüchtlinge an Bord, die italienische Küstenwache 286. Auch ein niederländischer Frachter kam Passagieren eines überfüllten Holzbootes zu Hilfe.

 

30 Prozent traumatisiert

In den italienischen Häfen werden die ankommenden Flüchtlinge von Mitarbeitern verschiedener Hilfsorganisationen in Empfang genommen und Aufnahmezentren zugeteilt. 2014 hat Ärzte ohne Grenzen insgesamt 26.000 Flüchtlinge bei ihrer Ankunft medizinisch betreut.

Viele der Flüchtlinge seien traumatisiert, sagt MSF-Einsatzleiter Di Carlo. Rund 30 Prozent brauchen psychologische Betreuung. Während ihrer Flucht aus den Heimatländern quer durch Afrika, meist nach Libyen, erleben viele der Flüchtlinge Gewalt. Di Carlo berichtet etwa von einer Frau aus Somalia, die äußerlich zwar gesund schien, auf ihrer Reise durch den Kontinent aber dreimal gekidnappt wurde. Sie bzw. ihre Familie musste jedesmal Lösegeld bezahlen, um wieder freizukommen.

Noch ein Phänomen ist im Kommen: Immer mehr Minderjährige kommen ohne Begleitung Erwachsener in Italien an. MSF hat in den vergangenen Wochen besonders bei Flüchtlingen aus Eritrea eine immer größere Zahl Jugendlicher ausgemacht.

Von einem EU-Einsatz zur Zerstörung der Schmugglerboote in Nordafrika hält die Organisation wenig. Damit werde lediglich die Entscheidung über eine politische Lösung verschoben. (zoe)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2015)