Deutschland: Kfz-Industrie begrüßt Migranten

(c) APA/HERBERT PFARRHOFER (HERBERT PFARRHOFER)

„Wir brauchen die Neuankömmlinge“, so der Verband der Autobauer. Ökonomen warnen: Flüchtlinge seien meist unterqualifiziert.

Frankfurt. Deutschlands Autoindustrie betrachtet die Flüchtlingswelle offenbar als große Chance, einem Arbeitskräftemangel zu begegnen: „Ich kenne kein einziges Unternehmen in der Branche, das Flüchtlinge nicht willkommen heißt“, sagte der Vizepräsident des Branchenverbands VDA, Arndt Kirchhoff, dem Magazin „Automobilwoche“.

Das gelte insbesondere für mittelständische Unternehmen aus dem Zulieferbereich. In den nächsten zehn Jahren werde die Industrie rund 130.000 Beschäftigte durch Pensionierung verlieren, hat Kirchhoff gesagt. „Wir brauchen die Neuankömmlinge also, wir müssen sie nur irgendwie ins System bekommen. Mit Sprachschulungen, Ausbildungsplätzen, Berufsbildungszentren.“ Nötig seien schnelle, unbürokratische Maßnahmen. Ob der Arbeitskräftebedarf laut Kirchhoff nicht aus dem Inland gedeckt werden könne, war der Vorabmeldung des Magazins nicht zu entnehmen.

Nach Einschätzung des Münchner Wirtschaftsforschungsinstitutes Ifo sind die meisten Flüchtlinge freilich nicht gut genug für den deutschen Arbeitsmarkt qualifiziert. Damit die Flüchtlingskrise den Steuerzahler jedoch nicht dauerhaft überlaste, müssen die Zuwanderer so schnell wie möglich bezahlte Jobs annehmen, hat das Institut in einer Mitteilung vom Sonntag erläutert. „Es steht zu befürchten, dass viele von ihnen bei einem Mindestlohn von 8,50 Euro keine Beschäftigung finden, weil ihre Produktivität schlicht zu gering ist“, hieß es. Das Ifo plädiert dafür, den Mindestlohn abzusenken.

Die Experten rechnen damit, dass dem Staat der Zuzug Mehrkosten von zehn Milliarden Euro verschafft. Von einer ähnlichen Größe geht die deutsche Regierung aus. Nicht erfasst in seinen Berechnungen hat das Ifo Kosten für Bildung – aber um Migranten fit für den Arbeitsmarkt zu machen, müsse der Staat auch in die Berufsbildung investieren. Folge: weitere Kosten.

 

Extreme Analphabetenraten

Der Anteil von Analphabeten in den Herkunftsstaaten sei meist hoch, in Afghanistan etwa bei mehr als 50 Prozent bei 14- bis 29-Jährigen. Die Quote der Hochschulabsolventen betrage selbst im relativ hoch entwickelten Syrien nur sechs Prozent. Zudem seien die Abschlüsse oft nicht gleichwertig.

Das Ifo sprach sich dagegen aus, die Hartz-IV-Leistungen anzuheben, da das den Anreiz für Migranten, einen Job anzutreten, senke. Die Prognosen basieren auf der Zahl von 800.000 Flüchtlingen, die heuer in Deutschland erwartet werden. (ag.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2015)