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OMV: "Ein Tanz auf dem Hochseil ohne Netz"

RUSSIA ENERGY BUSINESS GAS FORUM
Gazprom-Boss Alexei Borissowitsch Miller und OMV-Vorstandsvorsitzender Rainer Seele haben gemeinsam noch einiges vor. Was genau, bleibt vorerst im Dunkeln.APA/EPA/ANATOLY MALTSEV
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"Details sind vertraulich", heißt es aus der OMV, wenn Fragen zu geplanten Großprojekten mit der russischen Gazprom auftauchen. Im Konzern mehren sich Zweifel, ob OMV-Pläne im Interesse Österreichs sind.

Wien. Rainer Seele in Wien anzutreffen ist nicht so leicht. Der OMV-Boss ist ständig auf Achse. Am häufigsten bereist er Russland. Alle ein, zwei Wochen sei er dort, sagte er in seinem ersten Interview als OMV-Vorstandschef, das er einer russischen Zeitung („Wedomosti“ am 13. August) gab.

Ein Vorgehen mit Kalkül, mutmaßen Beobachter: Zuerst in Russland Fakten schaffen und dann die Öffentlichkeit zu Hause darüber informieren, wogegen sich sonst möglicherweise Widerstand hätte regen können. Wer Seele kennt, weiß, wo seine Vorlieben liegen. Als früherer Chef des deutschen Gaskonzerns Wintershall hat er viele Jahre aufs Engste mit der Gazprom kooperiert. „Jeden Wunsch hat er den Russen von den Lippen abgelesen“, heißt es aus Industriekreisen in Deutschland, wo Seele bis heute der Deutsch-Russischen Außenhandelskammer vorsitzt. Dass er „Gazproms bester Mann in Europa“ sei, wie jüngst ein Gazprom-Manager zur „Presse“ sagte, dagegen verwahrt sich Seele: „Das ist eine absolut falsche Aussage“, sagte er im Interview mit der „Presse“.

In Russland selbst sieht man das nicht so. Laut dem Qualitätsblatt „Kommersant“ hat Seele das Image, „von allen Chefs europäischer Gaskonzerne am wohlwollendsten gegenüber Russland zu sein“. Das Zitat stammt vom 3. Juni, also einen Monat, bevor Seele seinen Dienst bei der OMV antrat. Trotzdem war er damals schon mit Eifer in Sachen OMV-Gazprom-Kooperation in Moskau unterwegs. Man weiß also längst, in welche Himmelsrichtung die Reise der OMV geht. Allein, das große Ganze, das er mit den Russen plant, bleibt vorerst im Nebel.

Zwei Großprojekte

Immerhin wurden beim Wirtschaftsforum in St. Petersburg am 18. Juni die ersten Konturen in Form von Absichtserklärungen gezeichnet. Von zwei Großprojekten ist die Rede: Die OMV wolle an der Erweiterung der russischen Ostseepipeline Nord Stream teilnehmen. Und: Die OMV wolle mit Gazprom einen Tausch von Vermögenswerten (Asset-Swap) vornehmen und sich am sibirischen Gasfeld Urengoy beteiligen. Zum Nord-Stream-Projekt gibt es nun schon einen Gesellschaftervertrag. Zum Asset-Swap ein Term-Sheet. Nur die Details sind zu beiden Projekten bisher geheim.

Beim Asset-Swap werden beide Seiten „die strategische Partnerschaft verstärken, und sie wird auf die gesamte Wertschöpfungskette im Sektor ausgeweitet“, sagte Seele gegenüber „Wedomosti“. Was das heißt? Die OMV werde „ihre starken Seiten“ in die Kooperation einbringen. „Gazprom wird diese Kooperation schätzen und kann auf meine tatkräftige Beteiligung bauen.“

So unverblümte Zusagen an Gazprom haben die Österreicher von Seele noch nicht zu Gehör bekommen. Nur keine unnötige Aufregung vor den Wien-Wahlen habe die Order sowohl von roter als auch von schwarzer Seite an die Spitze des Konzerns gelautet, heißt es aus Konzernkreisen.

Nun sind die Wahlen geschlagen. Und in der OMV befürchten einige, dass kein Stein auf dem anderen bleibt. Noch wissen nur wenige, wie die neue Strategie des größten Industriekonzerns Österreichs am Ende aussehen wird. Und die Fragen mehren sich, ob der „Russengeneral“ – wie Seele im Konzern genannt wird – wirklich nur im Interesse der OMV agiert. Denn was bringen den Aktionären – also auch dem österreichischen Staat– die geplanten Milliardengeschäfte? Die Frage hat „Die Presse“ auch der OMV gestellt. „Es ist noch zu früh, um eine Bewertung abgeben zu können“, lautet die Antwort.

Nicht für jene von Wolfgang Schollnberger, dem Ex-Vorsitzenden der Internationalen Vereinigung der Öl- und Gasproduzenten. Der Asset-Swap werde „die Gazprom einseitig begünstigen und der OMV nichts annähernd Gleichwertiges bringen“, sagt er zur „Presse“: „Mir scheint, dass der OMV-Gazprom-Deal für Gazprom ein risikoarmes Milliardengeschäft wird, für die viel kleinere OMV aber ein Tanz auf dem Hochseil ohne Netz.“

Finanzhilfe für die Gazprom?

Doch worum geht es bei dem Projekt, das Seele mit Nachdruck vorantreibt? Komme es zum Asset-Swap, werde die OMV „eine 24,98-Prozent-Beteiligung“ in Urengoy erwerben, so die OMV. Dass man sich das Asset in Russland erst genau ansehen müsse und „noch einige Wochen“ brauche, „um die Daten auszuwerten“, wie Seele zur „Presse“ sagte, lässt Schollnberger aufhorchen: „Das heißt, die für ein Milliardenprojekt dieser Art so entscheidende technische Beurteilung des Lagerstättenpotenzials und die auf dieser Beurteilung beruhende Abschätzung der mit dem Projekt verbundenen Kosten [. . .] findet erst über zwei Monate nach der ,unverbindlichen‘ Absichtserklärung statt? Das nenne ich den Karren vor den Ochsen spannen.“

Die Kritik richtet sich wohlgemerkt nicht gegen eine Zusammenarbeit mit Russland. Auch Walter Boltz, Vorstand der E-Control, betont, dass russische Felder attraktiv sind und ihr Gas technisch günstig förderbar ist. Die Skepsis betrifft eine zu starke bis einseitige Abhängigkeit von einem einzigen Lieferanten, Fragen der Investitionssicherheit im größten Schwellenland der Welt und die rechtlichen Implikationen des Deals.

„Presse“-Informationen zufolge muss die OMV nämlich rund zwei Mrd. Euro für Investitionen in das Feld aufbringen. Gutes Geld in Zeiten des niedrigen Ölpreises. Und was sagt die OMV? Bekanntes. „Es ist noch zu früh, um eine Bewertung abgeben zu können.“

Zwei Milliarden Finanzhilfe

Manche Experten meinen, dass die zwei Mrd. Euro nach Finanzhilfe bzw. Zahlungsvorschüssen für Gazprom aussehen. Fest steht, dass Gazprom Probleme hat, die nötigen Investitionen in die Förderung – oder Pipelines – zu stemmen. Daher zieht sie zunehmend bargeldlose Deals vor. Das ist weiter nicht schlimm, wenn man als ausländischer Partner genug Sicherheit und Druckmittel hat. Die OMV aber hätte nicht einmal die Sperrminorität.

Zu allem Überfluss aber darf sie über das in Russland geförderte Gas nicht frei verfügen, sondern muss es Gazprom verkaufen. Denn der russische Staatskonzern sitzt auf dem Exportmonopol. Bleibt die Frage: Zu welchem Preis wird die Gazprom der OMV das Gas in Westsibirien abnehmen? Die Vertragsvarianten sollen laut OMV-Insidern vorsehen, dass die OMV der Gazprom entweder bis zu zwei Dritteln der Gesamtfördermenge oder überhaupt das ganze Gas zum russischen Inlandspreis abgeben muss. Dieser jedoch dümpelt nicht nur massiv unter dem Exportpreis, sondern unterliegt der Willkür der russischen Politik. „Damit macht sich der österreichische Konzern gänzlich von der russischen Politik abhängig“, so ein OMV-Insider.

Will Gazprom die Gasspeicher?

Aber auch für Österreich selbst, das bisher schon drei Fünftel seines Gasbedarfs mit russischem Gas deckt, droht die Abhängigkeit von Gazprom zu steigen. Immer noch will die OMV nicht sagen, was sie den Russen als Gegenleistung für den Einstieg in Urengoy gibt: „Wir bitten um Verständnis, dass weitere Details nicht öffentlich sind.“ Doch wirklich infrage kommen ohnehin nur die OMV-Gasspeicher in Baumgarten, die OMV-Tochter Gas Connect oder aber die Anteile der OMV an der Vertriebsgesellschaft Econgas, womit Gazprom bei Österreichs Endkunden angelangt wäre.

Gerade die europäischen Gasspeicher sind für die Gazprom besonders reizvoll. Das zeigte neulich ein Asset-Swap in Deutschland, infolge dessen Gazprom nun ein Viertel der deutschen Speicherkapazitäten besitzt. In Österreich ist das Kräfteverhältnis anders: Am Speicher Haidach nahe Salzburg, einem der größten in Europa, besitzen die Russen schon 66,6 Prozent. Übernimmt Gazprom weitere Speicher, würde das schon rein wettbewerbsrechtlich bei der österreichischen Regulierungsbehörde E-Control wohl auf Widerstand stoßen. Denn die OMV-eigenen Speicher in Baumgarten machen fast 30 Prozent der gesamten Speicherkapazität in Österreich aus. Kassieren die Russen sie auch, hat der Speicherkunde praktisch keine Wahl mehr zwischen verschiedenen Anbietern – und „man kann schon davon ausgehen, dass ein Eigentümer eine Leitpolitik für seine Speicher verfolgt“, sagt Boltz: Man werde sich beim Asset-Swap daher genau ansehen müssen, was da zum Tausch angeboten wird.

Bei Gazprom war niemand zu einer Stellungnahme bereit.

Auf einen Blick

Die OMV war der erste westliche Konzern, der Gas aus Russland bezog. In Russland fördern wollte Österreichs größter Industriekonzern aber nie, zumal Russland niemandem Zutritt gewähren wollte. Nun hat sich alles geändert. Mit dem neuen Chef, Rainer Seele, bindet sich die OMV nicht nur durch einen Asset-Swap an Gazprom. Sie plant auch eine Beteiligung am Ausbau der Pipeline Nord Stream.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2015)