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Jagd zwischen „Morgenandacht“ und Trophäenkult

Alzunah 021015 Jagd im Th�ringer Forst Jagdgesellschaft Jagd auf Schwarzwild und Rotwild im Bi
Jäger(c) imago/Bild13 (imago stock&people)
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Das Interesse an der Jagd nimmt zu. Etwa 130.000 Menschen besitzen eine Jagderlaubnis, das Hobby ist nicht mehr nur eines der Oberschicht und der finanziellen Elite, sondern kommt in die Mittelschicht – mit allen damit verbundenen Problemen.

Man muss früh aufstehen, wenn man ein besonderes Schauspiel der Natur erleben will. Wenn der Tag beginnt, just wenn sich die Sonne über den Horizont erhebt und die ersten Strahlen die Landschaft erhellen, wird es auf einen Schlag ganz still. Alle Vögel, die teils schon seit eineinhalb Stunden singen, verstummen. Ein paar Minuten lang. Erst dann geht das Zwitschern und Pfeifen wieder los. „Morgenandacht“ nennen Jäger diesen Moment der Stille, und manche nehmen dafür sogar ihren Hut ab.

Das ist nicht unbedingt die Vorstellung, die die Allgemeinheit von Jägern hat. In den Köpfen vieler Menschen ist ein Jäger ein reicher, schießwütiger Trophäenjäger, der nur darauf aus ist, den ältesten Hirsch mit dem schwersten Geweih zu erlegen. Jedes Argument für die Erhaltung von Land- und Forstwirtschaft, für die Jagd als notwendigen Ersatz für die ausgestorbenen Wölfe und Bären erübrigt sich, wenn das Gegenüber einmal „Bambi“ gesehen hat. Außerdem bekam man in den vergangenen Jahren den Eindruck, dass jeder Jagdausflug wegen der beteiligten Politiker und Manager mit einer Untersuchung wegen Korruption endete.

Doch in der Jägerschaft findet ein interessanter Wandel statt. Immer mehr Menschen interessieren sich für die Jagd, die Zahl der Jagdkartenbesitzer stieg von 120.305 im Jahr 2010 auf 126.378 im Jahr 2012 (neueste Zahlen des Jagdverbands). Das Hobby ist nicht mehr nur eines der Oberschicht und finanziellen Elite, sondern findet auch in der Mittelschicht Anhänger. Auf dem Land war das schon immer der Fall, wo es günstige Genossenschaftsjagden gibt und die Jagd zum Alltag der Menschen gehört. Doch jetzt sitzen auch in den ausgebuchten Jagdkursen in Wien und Niederösterreich neben Ärzten und Rechtsanwälten Elektriker, Automechaniker und mittelständische Geschäftsleute. Dafür übrigens immer seltener Manager, weil sie Probleme mit den Compliance-Vorschriften haben (siehe eigenständigen Bericht).


Problem Freizeitjäger. „Es ist eine sehr zweischneidige Geschichte“, meint Peter Prieler, Landesjägermeister im Burgenland. „Ja, es gibt mehr Interesse an der Jagd, aber das bedeutet nicht, dass es auch mehr echte Jäger gibt.“ Viele hätten Interesse an der Jagd, es gäbe aber auch einen Teil, für den es gerade „in“ sei, sich als Jäger vorzustellen: die neue Landlust, die Tradition, ein Jagdgewehr, ein Gamsbart auf dem Hut – das macht schon etwas her.

Ein anderer Teil gerade in und um die Städte würde sich vom Golf abwenden und die Jagd als exklusivere Freizeitbeschäftigung entdecken. Und wieder andere würden in der Jagd die Möglichkeit sehen, zu netzwerken und berufliche Beziehungen aufzubauen. Auf dem Hochstand trifft man noch immer die prominentesten Österreicher: Das beginnt bei Politikern (u. a. Ex-Minister Martin Bartenstein, Hannes Androsch, Ex-Vizekanzler Josef Pröll, Maria Fekter ist Jägerin, sogar die Grün-Abgeordnete Gabriela Moser), geht über Medienvertreter (u. a. ORF-Finanzdirektor Richard Grasl, ORF-Niederösterreich-Chef Norbert Gollinger, Ex-ORF-Generalintendantin Monika Lindner) und reicht weit in die Wirtschaft (neben Ex-Raiffeisen-General Christian Konrad u. a. Casinos-Austria-Generaldirektor Karl Stoss, Veit Sorger, Ingrid Flick, Alexander Quester).

„Wer nur aus diesen Motiven die Prüfung macht, geht alle paar Monate, vielleicht sogar nur alle paar Jahre, wenn er eingeladen wird, auf die Jagd. Aus ihnen werden nie echte Jäger“, meint Prieler. Und das sei insofern ein Problem, als man draußen in den Revieren jemanden benötige, der die Arbeit macht, der sich um Kleinigkeiten kümmert, Futterplätze betreut und der stundenlang auf dem Hochsitz ausharrt, um die Gewohnheiten des Wildes kennenzulernen. Das ist vielen Jungjägern zu mühsam, oder es fehlt ihnen schlicht die Zeit. „Wir hatten einen Jungjäger in unserem Revier, dem wir die Mitarbeit angeboten haben“, erzählt Prieler. „Er hat gemeint, das interessiere ihn nicht. Wenn wir einen g'scheiten Rehbock zum Schießen hätten, sollten wir uns wieder melden.“


Frauen nehmen zu. Manche wollen freilich gar nicht echte Jäger werden. Sie absolvieren den wochenlangen, etwa 700 Euro teuren Jagdkurs samt der strengen Prüfung aus Interesse an der Natur. Die Zahl der weiblichen Teilnehmer lässt diesen Schluss zu (abgezogen jener, die die Prüfung auf Drängen ihres Freundes oder Mannes machen): „Wir haben in den Kursen einen Anteil von etwa 30, 35 Prozent Damen. Bei der Prüfung sind es ungefähr 25 Prozent, und am Ende gehen vielleicht zehn Prozent wirklich auf die Jagd“, erklärt Peter Lebersorger, Generalsekretär der Zentralstelle österreichischer Landesjagdverbände.

Das mag auch daran liegen, dass man mit der Erlaubnis zur Jagd allein wenig anfangen kann. Wenn es um die Pirsch auf Hirsch, Reh oder Wildschwein geht, braucht man wieder das notwendige Kleingeld. Ein eigenes Jagdrevier – ab einer Fläche von 115 Hektar darf man zur Waffe greifen – kostet je nach Erreichbarkeit und Wildbestand ab 15 Euro pro Hektar und Jahr. In den Donauauen zahlt man 150 Euro Pacht und mehr. Die meisten Reviere haben ein paar hundert Hektar, einige ein paar tausend, Österreichs größte Jagdgebiete umfassen mehr als 20.000 Hektar. Da geht die Leidenschaft schnell in die tausende Euro.

Im Bezirk Baden vergeben die Bundesforste beispielsweise aktuell ein 295 Hektar großes Revier mit Reh-, Rot- und Schwarzwild um 19.300 Euro pro Jahr. Im Waldviertel bezahlt man für 125 Hektar und einem erwarteten Abschuss von 18 Stück Rehwild und fünf Wildschweinen 5600 Euro. Und im Tiroler Schönachtal kann man ab 2017 eine fast 3000 Hektar große Jagd um 80.000 Euro pro Jahr pachten. Bei dieser Größe kommen noch die Kosten für die Wildfütterung dazu, möglicherweise für einen professionellen Jagdaufseher, Helfer und Dienstautos.


Millionen für ein Revier. Bei diesen Dimensionen wird das Hobby wieder exklusiv. Wobei solche Summen in der Jagdwirtschaft, mit der in Österreich jährlich geschätzte 500 Millionen Euro umgesetzt wird, keine echte Größe sind. Ex-Magna-Manager Siegfried Wolf hat 5,5 Millionen Euro in 238 Hektar Wald, Wiesen und Wohngebäude im niederösterreichischen Schneeberggebiet investiert. Der Milliardär Rashid Sardarov erstand in Rohr am Gebirge um 40 Millionen Euro etwa 1000 Hektar Grund und baute sich ein kleines Jagdschloss. Und Mitteleuropas größtes Jagdrevier, die Alwa mit 23.500 Hektar in der Steiermark, Niederösterreich und im Burgenland, war einem deutschen Boehringer-Großaktionär gemunkelte 100 bis 120 Mio. Euro wert.

Man kann sich auch einzelne Abschüsse kaufen, viele Jäger finanzieren damit einen Teil ihrer Revierkosten. Ein Hirsch kostet je nach Klasse ab 2500 bis 15.000 Euro, ein Reh beginnt bei 600 Euro (weiblich) bis 2000 Euro, eine Gams kostet zwischen 500 und 2000 Euro, ein Wildschwein zwischen 100 und 1500 Euro, ein Fasan oder Hase weniger als 100 Euro. Bei all diesen Preisen geht es nur um die Trophäe, das Wildbret muss eigens bezahlt werden.


Aussetzen zum Abschießen. Apropos Trophäe: Sie ist anerkannter und verdienter Beweis für eine erfolgreiche Jagd. Nur hat der Kult, der 1880 in Graz mit der weltweit ersten „Geweih-Concurrenz und Abnormitäten-Ausstellung“ begann, mittlerweile teils erschreckende Ausmaße angenommen. Von den Gesellschaftsjagden, für die eigens Fasane angekauft und vor der Jagd ausgesetzt werden, bis zum Kapitalhirsch, den man in einem Gatter schießt oder sich von Züchtern auch zustellen lassen kann, um ihn im eigenen Revier abzuschießen. Solches Verhalten ist unter echten Jägern verpönt, ist aber dennoch verbreitet.

Wenig waidgerecht agierte auch Erzherzog Franz Ferdinand, der im Laufe seines Jägerlebens 275.000 Tiere getötet hat. Darunter angeblich ein Jahr vor dem Attentat 1914 in Sarajewo eine weiße Gams – etwas, was nach Jägerglauben Unglück bringt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2015)