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Die erbarmungslose Schlacht um den Norden Syriens

Die Suche nach Verschütteten nach einem Bombenangriff.
Die Suche nach Verschütteten nach einem Bombenangriff.REUTERS
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Moskau will Aleppo auch nach der vereinbarten Feuerpause angreifen. Kurden rücken auf die Stadt vor. Mehrere sterben bei Angriff auf ein "Ärzte ohne Grenzen"-Spital.

Tatsachen schaffen, so lange es noch möglich ist. So scheint die Devise des Assad-Regimes, Russlands und syrischer Rebellen zu sein. Wenige Tage nachdem sich die USA, Russland und wichtige Regionalmächte auf eine Feuerpause in Syrien geeinigt haben, werden die Kämpfe in Nordsyrien so erbittert wie schon lange nicht geführt. Selbst nach der Münchner Sicherheitskonferenz, bei der Teilnehmer aus 70 Ländern drei Tage lang vorwiegend über den Syrien-Konflikt berieten, scheint ein Übereinkommen wieder in weite Ferne zu rücken.

Denn Russlands Außenministerium machte am Montag klar: Moskau werde die Luftangriffe rund um die nordsyrische Stadt Aleppo fortsetzen - selbst wenn ein Waffenstillstandsabkommen vereinbart werde. Seit Anfang Februar unterstützt Moskau die Truppen des syrischen Machthabers Bashar al-Assad bei ihrer Offensive auf die Stadt nahe der türkischen Grenze.

Ebenso setzen Rebellengruppen alles daran, die Bastion im Norden Syriens vor dem syrischen Regime zu verteidigen. So seien kurdische Kämpfer trotz Beschusses durch die türkische Armee weiter auf die umkämpfte Stadt vorgerückt, berichten Aktivisten. Kurden und von der Türkei aus der Luft unterstützte Islamisten kämpften um die Ortschaft Tal Rifaat nahe der einst zweitgrößten Stadt des Landes, teilte die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Montag mit.

Mindestens acht Tote bei Krankenhaus-Angriff

Tal Rifaat ist eine von drei Hochburgen islamistischer Rebellen in der Nähe von Aleppo. Im Jahr 2012 wurde der Ort der Kontrolle syrischer Regierungstruppen entrissen. Der Beobachtungsstelle zufolge bombardierten türkische Kampfjets am Montag weiter eine Straße westlich von Tal Rifaat, um die Kurden am Vorrücken zu hindern. Zudem überquerten demnach am Sonntag etwa 350 türkeifreundliche islamistische Kämpfer zur Verstärkung die türkisch-syrische Grenze. Denn Ankara befürchtet ein weiteres Erstarken der Kurden in Syrien und letztlich die Ausrufung eines autonomen Kurdenstaats an der türkischen Grenze. 

Zudem ist Ankara der Vormarsch kurdischer Milizen auf die Stadt Azaz in der angrenzenden Provinz Idlib ein Dorn im Auge. Der türkische Regierungschef drohte den YPG-Kämpfern mit Luftschlägen, sollten sie sich nicht aus Azaz und dessen Flughafen zurückziehen. "Wir werden es nicht zulassen, dass Azaz fällt", sagte der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu bei seinem Besuch in der Ukraine. Er betonte aber, die Türkei setze keine eigenen Truppen in Syrien ein.

Am Montag wurde bei Bombardements auf die Stadt Azaz ein Krankenhaus von "Ärzte ohne Grenzen" im Zentrum von Azaz zerstört. Die Luftanschläge seien von russischen Kampfjets ausgeführt worden, heißt es aus türkischen Regierungskreisen und von der unabhängigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. "Ärzte ohne Grenzen" spricht von vier Raketen, die binnen weniger Minuten auf das Spital eingeschlagen seien. Acht Mitarbeiter würden vermisst. "Das war ein gezielter Angriff auf eine Gesundheitseinrichtung", sagte Massimiliano Rebaudengo von "Ärzte ohne Grenzen". Damit würden 40.000 Menschen in der Region von Gesundheitsversorgung abgeschnitten.

Türkei: Russland wie "Terrororganisation"

Nach unterschiedlichen Angaben dürften bei den Angriffen neun bis 14 Menschen gestorben sein - darunter auch mehrere Kinder. Ein Anwohner berichtete, eine Flüchtlingsunterkunft südlich der Stadt sei auch von russischen Bomben getroffen worden. Auch eine Schule, in der Syrer Unterschlupf vor Angriffen gesucht hatten, sei getroffen worden.

Davutoglu verglich Russland bei seinem Ukraine-Besuch in mit einer "terroristischen Organisation. Krankenhaus und Schule seien von einer russischen Rakete getroffen worden, sagte er. Das Ziel Russlands sei es, der internationalen Gemeinschaft in Syrien nur zwei Optionen zu lassen: Präsident Assad oder die Terrormiliz "Islamischer Staat".

Steinmeier warnt vor "Kalter-Krieg-Rhetorik"

Deutschlands Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat die Äußerung des russischen Ministerpräsidenten Dmitri Medwedew über neue Gräben zwischen Ost und West zurückgewiesen. Er kritisierte das "öffentliche Gerede über Kalten Krieg und ähnliche Zuspitzungen" vor Beginn des EU-Außenministerrats am Montag in Brüssel. Bei der Frage eines Waffenstillstands in Syrien hänge im Augenblick alles davon ab, dass es zu militärischen Kontakten zwischen den USA und Russland komme, sagte er.

"Das war während der Gespräche zu Syrien bei der Münchner Sicherheitskonferenz noch schwierig, aber es ist auch vieles dazu vorbereitet worden". Er sei "sehr froh darüber, dass es im Gefolge der Münchner Gespräche ein Telefongespräch zwischen Putin und Obama gegeben" habe. All dies sei notwendig, um "die Mosaiksteine zusammenzufügen, die hoffentlich einen Waffenstillstand möglich machen". Es sei nun notwendig, dass "der festgefressene Bürgerkrieg in Syrien nach fünf Jahren beendet wird", so Steinmeier.

Der russische Premierminister Dimitri Medwedew hatte bei der Münchner Sicherheitskonferenz am Samstag gesagt, die Nato stehe Russland weiter feindlich gegenüber. "Schärfer könnte man auch sagen: Wir sind in einen neuen Kalten Krieg gestürzt."

(APA/dpa/Reuters)