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Gas: Neue Röhren für sieben Mrd. Euro

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Wird Nord Stream 2 gebaut, braucht es auch neue Pipelines von der Ostsee nach Baumgarten. "Die Presse" recherchierte, woran man hinter den Kulissen tüftelt. Und was die Vorhaben kosten.

Wien. Seit dem Vorjahr pokern Moskau, Berlin und Brüssel in der Frage, ob der Ausbau der russischen Ostseegaspipeline Nord Stream realisiert wird. Immerhin wurden kürzlich die Lieferanten für die beiden zusätzlichen Stränge (Nord Stream 2) aus Russland nach Deutschland bekannt gegeben. Der Bau soll 2018 beginnen und 8,4 bis neun Mrd. Euro kosten. Am Ende würde die Kapazität der zwei bestehenden Stränge um 55 auf 110 Mrd. Kubikmeter verdoppelt, was dem 15-Fachen des österreichischen Jahresverbrauchs entspricht.

Worüber bislang aber niemand gesprochen hat, sind die nötigen Leitungskapazitäten, um das im deutschen Greifswald ankommende zusätzliche Gas weiter zu verteilen. De facto nämlich herrscht ein Engpass. Und so steht fest: Das Pipelinenetz, das teils (wie die Pipelines Opal oder Gazelle) schon für Nord Stream 1 gebaut worden ist, muss nachgerüstet werden.

Laut dem Konsortium für Nord Stream 2, zu dem neben der Gazprom fünf europäische Konzerne – darunter die OMV – gehören, soll fast ein Drittel dieses künftigen Gases aus Greifswald nach Nordwesteuropa (Deutschland, Holland, Großbritannien) fließen. Die restlichen zwei Drittel aber zum Hub nach Baumgarten bei Wien.

 

„EUGAL“ und „BACI“

Recherchen der „Presse“ ergaben, dass eine bloße Ausweitung der bestehenden Leitungskapazitäten ohne neue Trassen nicht ausreichen könnte. Faktum nämlich ist, dass das Konsortium laut der deutschen Fernnetzbetreiber eine Einspeiskapazität von im Schnitt jährlich 65 Mrd. Kubikmeter für die Jahre 2019 bis 2042 für Greifswald angefragt hat. Mit anderen Worten: Ab 2019 werde so viel zusätzliches Gas dort ankommen.

54 Mrd. Kubikmeter davon sind für den Export nach Tschechien und weiter nach Österreich angefragt. Rechnet man die Mengen hinzu, die schon jetzt von Norden nach Süden fließen, ergibt das Experten zufolge einen Gesamtkapazitätsbedarf von etwa 70 Mrd. Kubikmeter. Der Haken: Die jetzigen Leitungskapazitäten betragen bestenfalls 50 Mrd. Kubikmeter.

Die zuständigen Stellen reagieren unterschiedlich. Im Netzentwicklungsplan haben die deutschen Netzbetreiber zumindest für Deutschland keine neue Pipeline vorgesehen und wollen dem Kapazitätsbedarf mit der Erweiterung der bestehenden begegnen. Einzelne Player unter ihnen sehen das aber anders. „Wir denken für die Verbindung von Greifswald nach Tschechien über eine komplett neue Anbindungsleitung nach, der wir den Namen EUGAL gegeben haben“, so Ludger Hümbs, Manager beim Netzbetreiber Gascade, im Fachmagazin „Energate“.

Auch Walter Boltz, scheidender Chef der österreichischen E-Control, schlägt in diese Kerbe: „Wenn die Russen den Transit durch die Ukraine beenden und alle 50 bis 60 Mrd. Kubikmeter, die derzeit über den Ukraine-Transit kommen, über die Ostsee liefern, braucht es eine neue Pipeline von Greifswald nach Tschechien“, sagt er der „Presse“ und nennt deren sinnvolle Kapazität: 30 Mrd. Kubikmeter.

 

Neue Rolle für Baumgarten

Auch in Tschechien, der Slowakei und Österreich wird hinter den Kulissen eifrig diskutiert. Der Transport durch Tschechien ist nicht das Problem, weil in den dortigen zwei Transgas-Pipelines, die jetzt russisches Gas westwärts transportieren, einfach die Fließrichtung umgedreht werden muss. Kernfrage ist eher, ob man endlich die angedachte Pipeline BACI aus Břeclav nach Baumgarten – nun größer dimensioniert – bauen soll. Bislang sind Tschechien und Österreich nämlich über keine Direktpipeline verbunden. Was bisher aus dem Norden nach Baumgarten fließt, fließt über die Slowakei – eine Route, die man freilich auch für Nord Stream 2 ausbauen könnte.

Was die Kosten betrifft, die der Bau aller Kapazitäten zum Weitertransport des Gases aus Nord Stream 2 nach sich zieht, so gehen die Schätzungen weit auseinander. Von etwa zwei Mrd. Euro spricht Michail Kortschemkin, Chef von East European Gas Analysis, auf Anfrage. „Unrealistisch“ nennt dies Boltz im Gespräch und veranschlagt bis zu sieben Mrd. Euro.

Dem OMV-Leitungsnetz GasConnect, dessen Hälfte demnächst verkauft wird, komme im Falle von Nord Stream 2 also – wie OMV-Chef Rainer Seele betont – durchaus eine relevante Rolle zu, so Boltz. Und auch für Baumgarten, das bisher den Großteil des russischen Gases über den Ukraine-Transit erhalten hat, müssen die neuen Lieferrouten keinen Verlust bedeuten: Zwar werde die Weiterlieferung aus Österreich nach Deutschland wegfallen. Dafür aber könnte mehr aus Österreich nach Ungarn fließen. Außerdem bleibe Italien auf Jahrzehnte an Baumgarten angebunden. Und beizeiten könne der Balkan mit Nord-Stream-Gas über Baumgarten versorgt werden. „Deutschland ist der große Sieger von Nord Stream 2“, hält Boltz fest: „Und für Baumgarten ändert sich einfach die Rolle.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.03.2016)