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Wiener Abtreibungsklinik: Konflikt seit 30 Jahren

Abtreibungsklinik am Fleischmarkt 26 in Wien.
(c) Stanislav Jenis (Stanislav Jenis)
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Seit der Gründung vor 30 Jahren gehören Abtreibungsgegner zum Alltag. Die Kliniken fordern nun Schutzzonen, damit Klientinnen nicht belästigt werden.

WieN. Es ist eine Einrichtung mit einiger Tradition – immerhin drei Jahrzehnte – und nach wie vor Anlass für hitzige Debatten: das Ambulatorium am Fleischmarkt, in dem (neben Beratungen über Verhütungsmethoden und Sterilisationen) Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Sein offizieller Name: „Ambulatorium für Sexualmedizin und Schwangerenhilfe – pro:woman“.

Hitzige Debatten, die jüngst wieder aufgeflammt sind. Als bekannt wurde, dass Bürgermeister Michael Häupl Mitarbeiter des Ambulatoriums nächsten Donnerstag (3. September) in den Stadtsenatssitzungssaal einladen will. In der Einladung ist von einem „Abendempfang“ die Rede (siehe Artikel rechts unten). Kardinal Christoph Schönborn forderte daraufhin, statt einer „Festveranstaltung“ einen runden Tisch über flankierende Maßnahmen zur Fristenlösung abzuhalten.

Auch im Alltag des Ambulatoriums ist der Konflikt um den Schwangerschaftsabbruch spürbar – ein Streit, der auch mehr als 34 Jahre nach der Legalisierung der „Fristenlösung“ im Jahr 1975 noch immer schwelt.

Klientinnen und Mitarbeiter des Ambulatoriums berichten von Belästigungen durch Abtreibungsgegner, die von Organisationen wie Human Life International (HLI) geschickt werden. „Sie stehen täglich da, beten mitunter, verteilen Broschüren und sprechen Frauen an“, sagt Geschäftsführerin Elke Graf. Man habe einen Portier postiert, der die Betenden – es sind maximal drei bis vier – im Auge behalte.

 

Schauspieler gegen Betende

Mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpft auch Christian Fiala, ärztlicher Leiter des Gynmed-Ambulatoriums am Mariahilfer Gürtel: „Jeden Tag stehen ein bis vier Leute vor der Tür“, erzählt er, „die Psychoterror gegen Frauen in einer Krisensituation betreiben.“

Doch wenn er die Polizei verständigt, heiße es immer, dass man nichts gegen diese Menschen machen könne. Fiala fordert daher, nach französischem Vorbild eine Schutzzone (siehe unten links) rund um Abtreibungskliniken zu errichten. Im Umkreis von 150 Metern soll damit bestimmten Personen der Aufenthalt untersagt werden. Ein Wunsch, dem sich das Ambulatorium am Fleischmarkt anschließt: „Diese Forderung ist aufrecht“, sagt auch Graf. „Die Distanz, die im konkreten Fall Sinn macht, kann man später festlegen.“

Eine Forderung, die man bei der Polizei allerdings für nicht notwendig erachtet. „Es gibt jetzt schon die Möglichkeit, Menschen wegzuweisen, die eine andere Person in unzumutbarer Weise belästigen“, sagt Polizeijurist Michael Lepuschitz, Sogar unmittelbare Zwangsgewalt sei bei einer solchen Wegweisung möglich.

Doch Gynmed setzt mittlerweile auf ein eher aktionistisches Konzept: Straßenschauspieler sollen die betenden Abtreibungsgegner beschäftigen oder ablenken – und damit Frauen ermöglichen, ins Ambulatorium zu gelangen, ohne belästigt zu werden. Derart drastisch geht man es am Fleischmarkt nicht an – man informiert die Klientinnen lediglich vor einem Termin, dass sie am Eingang mit den Betenden zu rechnen haben. Graf: „Das hilft sehr. Die Frauen erinnern sich daran und sind mental gut gerüstet.“

 

Immer mehr junge Frauen

Seit 1979 befindet sich das Ambulatorium an seinem Standort in der Wiener Innenstadt, registriert als private Tagesklinik. Begonnen hat man 1976 in einer kleinen Ordination. Seit drei Jahren trägt die Einrichtung – trotz des alten Standortes – einen neuen Namen: „pro:woman“, obwohl im Haus auch Vasektomien (Sterilisationen) für Männer durchgeführt werden.

Nach außen hin möchte man sich heute nicht mehr nur als Klinik, sondern als Präventions- und Aufklärungszentrum verstehen. Geschäftsführerin Graf zeigt sich besorgt über die hohe Zahl an jungen Mädchen, die abtreiben. Seit 2003 hat sich ihr Anteil an den Klientinnen vervierfacht. Zwölf Prozent der Frauen, die im Ambulatorium abtreiben, sind heute zwischen 14 und 19 Jahren alt; die Hälfte der Frauen unter 30; Durchschnittsalter: 32,3 Jahre.

Ein Umstand, den man hier durchaus kritisch sieht. Und teure Verhütungsmittel und mangelhafte Aufklärung in den Schulen dafür verantwortlich macht. Unabhängige Experten anstatt Lehrer würde Graf lieber im Klassenzimmer sehen.

„Das Verhütungswissen bei den Jungen ist mangelhaft“, kritisiert sie. „Da fehlt es eklatant.“ Dazu komme ein problematisches Verständnis von Sexualität, frei nach dem Motto: „Wir müssen Sex haben.“ Geschlechtsverkehr – etwas, das irgendwie dazugehört, ohne reflektiert zu werden. „Junge Mädchen sind oft nicht bereit, die Burschen stehen auch unter Druck“, sagt Graf. „In diesem Umfeld ist Verhütung überhaupt kein Thema“, es wäre den Jugendlichen, so Graf, ein Mädchen zitierend, „viel zu peinlich.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2009)